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Standpunkt

«Das Gewitter kommt doch!»

Standpunkt-Autorin Sabine Nussbaumer ist von einem Gewitter erwischt worden. So wurde sie auch zum Thema im Dorfgespräch.

Redaktion
Züriost
Samstag, 02. Juli 2022, 18:00 Uhr Standpunkt
Auf dem Foto sieht man Hagel auf dem Waldboden. Oben links sieht man den Kopf von Sabine Nussbaumer.
Foto: PD/Pixabay

Ergiebiger Landregen? Nix da. Dafür gleissende Sonne!

Das Giessen im Garten wurde in diesen Hitzetagen, da zeitintensiv, Teil des fixen Tagesprogramms. Der Erfolg? Bei wärmeliebenden Pflanzen wie Zucchetti, Tomaten, Peperoni oder Gurken, super.

Anderes bewahrte ich höchstens davor, den «Schnarz» zu machen. Jeweils nachmittags, ab 15 Uhr, wandelte sich meine Umgebung in einen hängenden Garten. Schlappe Häupter wiegten sich im Wind.

Umso wohler fühlten sich Blatt-, Woll-, Schildläuse, Rapsglanzkäfer, Stengelrüssler, Lilienhähnchen und Werren. Hungrige Schnecken bevölkerten in den Abendstunden jede Ecke des Gartens. Der bisheriger Tagessammelrekord: 246 Stück.

Es wunderte mich, dass die noch in geringer Anzahl gesichteten Himmugüegeli, Ohremüggler, Igel, Raubmilben und Schlupfwespen nicht zu überdimensionalen Monstertieren mutierten bei diesem Nahrungsangebot.

Die Debatte «Kommt’s oder zieht’s vorbei» war eröffnet.

«Eigentlich gibt es da nichts zu jammern», schimpfte ich mit mir. Bislang kein Unwetter, noch selten hatte ich eine so reiche Erdbeerernte und die Gefriertruhe ist jetzt schon tüchtig gefüllt.

Dunstschleier wurden inzwischen von vereinzelt aufziehenden grauen Wolken abgelöst. Söhne und Mann kamen nach Hause und ertappten mich beim skeptischen Blick himmelwärts.

Ich seufzte: «Meine Bitte revidiere ich: Lieber kein Regen, dafür auch kein Hagel.» Die Debatte «Kommt’s oder zieht’s vorbei» war eröffnet.

Als ich den Götti unseres Zweitjüngsten mit dem Düngerstreuer vorbeifahren sah, packte auch ich mein Düngerkübeli und eilte, zwecks Nährstoffgabe, zwischen den Beeten durch.

Kein Problem, das Gewitter ziehe wohl an uns vorbei, ertönte das einhellige Resümee.

Hektik erfasste mich. Töpfe mussten unter Dach gestellt werden, Fragiles auf- und festgebunden werden. Nach diesem abendlichen Spurt wischte ich mir den Schweiss von der Stirn und rieb mir ungläubig die Augen. Über mir strahlte blauer Himmel. Westwärts, zwischen unseren Bäumen, entdeckte ich ein dunkles Wolkenband über flammend-rotorangem Leuchten. Dramatisch schön!

«Ich mache noch den Hunderundgang», rief ich ins Haus. Kein Problem, das Gewitter ziehe wohl an uns vorbei, ertönte das einhellige Resümee.

Ausserhalb des Dorfes, auf freiem Feld, erblickte ich das spektakuläre Farbenspiel in Breitversion und in angenehmer Distanz. Eine feiner, langer Regenvorhang übertünchte vor mir das leuchtende Orange gräulich.

Darüber türmten sich schwarze Wolken. Durchflutet von unzähligen hellen Blitzen. Unser Hund Balduin trottete gemächlich neben mir her. Ab und an blieb er stehen um das wilde Flackern in den Wolken zu betrachten. Auf der Anhöhe bemerkte ich, dass uns keine Fledermaus begleitete und kein Vogel seine Abendrunde zog.

Wenig später, ich war bereits auf dem Waldweg, begann es leicht zu winden. Irritiert blieb ich kurz stehen. Der Wind blies auf diesem Streckenabschnitt nicht wie gewohnt von hinten oder vorn, er traf mich seitlich aus Nordwesten.

«Das Gewitter kommt doch!», japste ich überrascht. Da brauste bereits heftiger Wind durch die Bäume, bog sie nieder. Blitze jagten über mich hinweg. Noch fiel kein Tropfen Regen. Aber dunkel wurde es. Mit grossen Schritten eilte ich weiter. Balduin trabte, ohne Aufhebens, folgsam neben mir her.

Das Wasser floss mir in die Schuhe und oben wieder hinaus.

Kaum aus dem Wald traf sie mich mit voller Wucht in den Rücken. Die nasse, kalte und eisige Realität. Innert Sekunden war ich durchnässt. Aus meinen Schuhen quoll Wasser. Hagelkörner – sie waren nicht sehr gross, aber trotzdem schmerzhaft – peitschten auf meinen Kopf und meine nackte Arme. In Kürze war unser Hund über den Rücken damit bepudert.

Ärgerlich schüttelte er sie runter. Auch ihm waren sie eindeutig zu kalt. Wir stürmten gemeinsam mit dem Sturm Richtung Dorf. Die Strassen waren zu Bächen geworden. Das Wasser floss mir in die Schuhe und oben wieder hinaus.

Endlich Zuhause begann der Regen nachzulassen. Ich schälte mich schaudernd und lachend aus den wassergetränkten Kleidern und erduldete den vorwurfsvollen Blick von Hund Balduin. «Gottlob habe ich die Prickelknöpfe noch nicht rausgepflanzt», verkündete ich ihm erleichtert und reichte ihm zur Versöhnung einen Knochen.

«Was würdest du deinen Kindern sagen, wenn sie bei Gewitter draussen spazieren gehen?», fragen mich Dorfbewohner am nächsten Morgen kopfschüttelnd. Lachend erwidere ich: «Die Leviten verlesen!»

Die Fenstergucker in unserem Dorf haben dafür gesorgt, dass meine durchnässte Rückkehr vom Hunderundgang mitten im Sturm, sich wie dieser genauso schnell verbreitete.

(Sabine Nussbaumer)

Sabine Nussbaumer wohnt mit ihrer Familie in Dickbuch. Neben Alltagsarbeiten pflegt sie einen grossen Garten und werkelt in der Holzwerkstatt.

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