×
Standpunkt

Experten sorgen für Willkür im Sport

Eine Covid-19-Expertengruppe mit Vertretern aus Bund und von Swiss Olympic entscheidet welche Sportarten und Ligen den Spielbetrieb wieder aufnehmen dürfen. Die Kriterien sind mehr als nur rätselhaft.

David
Schweizer
Mittwoch, 17. März 2021, 13:43 Uhr Standpunkt

Die Erleichterung war gross. Seit Anfang Monat können Jugendliche wieder uneingeschränkt Sport treiben und Wettkämpfe bestreiten. Und doch: Die Situation bleibt kompliziert, und einiges macht – selbst wenn irgendwo eine Linie gezogen wird – bedingt Sinn. Da muss also der 20-jährige Fussballer ohne jeden Körperkontakt in einer festen Gruppe trainieren, für den im selben A-Juniorenteam spielenden 19-Jährigen gibt es hingegen keine Einschränkungen.

Dazu passt auch das Werk einer Covid-19-Expertengruppe mit Vertretern aus Bund und von Swiss Olympic. Diese verabschiedete unlängst eine Liste, die in der aktuell besonderen Lage definiert, welche Ligen sportartenübergreifend als professionell oder semiprofessionell gelten. Und deshalb ihre Meisterschaft fortführen oder wieder aufnehmen können.

Absurder Geschlechter-Automatismus

Die Liste grenzt an Willkür. Da ist zunächst ein verordneter Geschlechter-Automatismus, der gerade bei den «grossen Sportarten» wie Eishockey und Fussball in den absurden Bereich führt. Neu dürfen im Fussball Frauen-NLB und -Erstliga loslegen. Das Groteske daran: Letztgenannte Spielklasse ist innerhalb des Schweizerischen Fussballverbands (SFV) der Abteilung Amateurliga zugeordnet. Und dennoch steht sie damit über der viertklassigen 1. Liga bei den Männern. Diese werden bis heute gleich behandelt wie Kicker aus der untersten Spielklasse. Selbst die Argumente des Erstliga-Komitees innerhalb des SFV nützten da nichts. Detailliert festgehalten wurden nicht nur die Qualitätsanforderungen an Trainer und Klubs, sondern auch, dass ein Grossteil der aktuellen Nationalspieler einst über die Stufe 1. Liga in den Profibereich gelangte.

Das Frustpotenzial unter den Beteiligten ist gross. Und es fehlt dadurch jede Perspektive. Vor allem wird aber damit der Eindruck erweckt, als ob sich die Expertengruppe nicht wirklich mit der Liga befasst hat – oder sich simpel gestrickt an die Gender-Regelung hält.

Erhärtet wird dieses Bild durch die Handhabe im Eishockey. Die drittklassige MSL figuriert wie die Fussball-Erstliga ebenso nicht auf der Liste. Eine tragende Rolle nimmt dort seit deren Einführung auch der EHC Dübendorf ein. Dessen Spieler genossen weitgehend eine professionelle Ausbildung, und die Partien der Glattaler werden in normalen Zeiten von fast 600 Zuschauern besucht. Und trotz alledem wird die MSL mit der Swiss Womens Hockey League C im Fraueneishockey gleichgesetzt – der zweittiefsten Liga überhaupt.

Randsportarten kommen zum Handkuss

Während also Eishockey-MSL und Fussball-Erstliga zu wenig professionell sind, kommen dafür die höchsten Ligen von Randsportarten wie Landhockey und Wasserball in den erlauchten Kreis. Sportarten mit einem Bruchteil von Lizenzierten, einem vergleichsweise bescheidenen Niveau und tiefer Relevanz. Und es stellt sich auch die Frage, weshalb die Expertengruppe nicht die fragwürdigen Kriterien offenlegt.

Von Anfang war klar, dass in der Unihockey-NLA gespielt werden darf. Und trotzdem wurde der Ligabetrieb, als sich die epidemische Lage im Spätherbst verschlimmerte, freiwillig für drei Monate unterbrochen. Erst im Januar erfolgte der Re-Start nach sorgfältiger Prüfung und der Bedingung von wöchentlichen Corona-Speicheltests. Die Folge davon waren einige Spielausfälle aufgrund von positiven Fällen.

Erstaunliche Handhabe von Privilegierten

Denselben Status wie die höchste Unihockey-Liga hat auch die Women's Super League im Fussball. Erst auf diese Saison hin war sie unbenannt worden, um sie samt neuem Ligasponsor besser zu vermarkten. Im Schweizer Fernsehen werden erstmals live Spiele übertragen. Der Ligabetrieb wurde nie unterbrochen, Absagen blieben die Ausnahme. «Je mehr getestet wird, desto mehr Fälle werden entdeckt», sagte die Ressortleiterin Frauenfussball beim SFV. Es gebe deshalb keinen Testzwang.

Das ist angesichts der privilegierten Position eine doch erstaunliche Handhabe, ja sie wirkt sogar stossend gegenüber allen Breitensportlerinnen und Breitensportlern aus dem Teambereich. Sie, die seit Monaten ihrem geliebten Hobby nicht mehr nachgehen dürfen. Und am Freitag bei der nächsten Bundesratsinformation wohl ein weiteres Mal wieder vertröstet werden.

Kommentar schreiben