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Kommentar

Nicht nur die Piloten haben versagt

Laurin
Eicher
Donnerstag, 28. Januar 2021, 18:22 Uhr

Der Abschlussbericht der Schweizerischen Sicherheitsuntersuchungstelle (Sust) rekonstruiert eine Tragödie, deren Ursache in der Schweizer Luftfahrt beispiellos ist. Zwar ist bereits seit September des letzten Jahres bekannt, dass der Ju-Air-Absturz auf menschliches Versagen zurückzuführen ist. Doch diesem Fehlverhalten ging eine jahrzehntelange, offensichtlich wirkungslose behördliche Aufsicht der kleinen Airline voraus.

So blieben schwerwiegende Mängel beim Betrieb der «Tante Ju»-Maschinen jahrelang unentdeckt. Bei der Ju-Air herrschte etwa eine Betriebskultur in der man sich nicht an sichere Flughöhen und Abstände zu Hindernissen hielt. Dies weil man den Passagieren ein aussergewöhnliches Spektakel bieten wollte – auf Kosten der Sicherheit. Genau so geschehen ist es beim Unglücksflug der HB-HOT: Die Piloten wollten den Passagieren das berühmte Martinsloch zeigen und flogen deshalb viel zu tief und zu nahe an der Bergkette vorbei.

Es ist ein regelrechter Skandal, dass in einem Cockpit der Ju-Air zwei Piloten sitzen durften, die sich unverwundbar wähnten und sich deshalb über geltende Regeln foutierten. Und es fällt schwer zu glauben, dass die beiden Piloten die einzigen Fehlbaren in der Crew der Airline waren, wie es die Ju-Air nach Erscheinen des Abschlussberichts glaubhaft machen wollten.

Auch kommuniziert wurde seitens der Ju-Air teils in überheblichem Ton. So rühmte CEO Kurt Waldmeier anlässlich der Wiederaufnahme des Flugbetriebs – nur zwei Wochen nach dem Absturz – die Qualität des Unterhalts der Ju-Air-Maschinen. Bereits im Zwischenbericht zum Absturz waren dann zahlreiche, teils schwerwiegende Mängel dokumentiert, die das Flugzeug vor dem Absturz aufwies. Die Ju-Air zweifelte damals diesen Befund an und wollte keinerlei Fehler bei der Wartung und dem Unterhalt der Flugzeuge einräumen.

Der Bericht zeigt nun klar, dass das Kontrollsystem zwischen Aufsichtsbehörde und der Ju-Air versagt hat. Denn die Sust belastet auch das Bundesamt für Zivilluftfahrt (Bazl) schwer. Sie hat bei Regelbrüchen, Risiken und Zwischenfällen offenbar oft ein Auge zugedrückt, oder schaute gar ganz weg. Die Tätigkeit des Bazl im Zusammenhang mit der Ju-Air wird aktuell im Rahmen einer unabhängigen Untersuchung durchleuchtet.

Dass ein derart risikoreicher Betrieb mit historischen Flugzeugen  über Jahrzehnte hinweg möglich war, ist schwer nachvollziehbar und beschämend zugleich. Denn in der Schweiz steht der öffentliche und kommerzielle Betrieb von Verkehrsmitteln – ob auf der Strasse, Schiene, oder in der Luft – unter strenger Aufsicht. Wäre diese in derselben Kontrolltiefe bei der Ju-Air wahrgenommen worden, hätte dieses tragische Unglück wohl verhindert werden können. Diese Versäumnisse der Behörden, aber auch die hochriskante Flugkultur der Ju-Air ist gegenüber den Hinterbliebenen der 20 Todesopfer unentschuldbar.

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