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Kommentar

Solidarität gibts nicht länger gratis

David
Kilchör
Dienstag, 26. Januar 2021, 08:40 Uhr

Viele Regeln haben die Regierungen in den letzten knapp zwei Wochen verfügt. Und dies mitten in eine Phase der Corona-Müdigkeit hinein. Selbst corona-bewusste Bürger haben die Nase voll von den Einschränkungen. Sie sehen die Ernsthaftigkeit, teilen die Besorgnis ums Gesundheitssystem, um die Risikopersonen. Doch alles hat seine Grenzen.

Die neuen Regeln kamen in einer Schärfe, die vielen zu weit geht und haben die Konsequenz, dass die Leute immer weniger bereit sind, sich daran zu halten. Eine gewisse Renitenz dürfte der Bundesrat bei seinen Festlegungen stets einkalkuliert haben. Doch hat er auf dem Radar, dass viele Familien nicht bereit sind, sich an die neue Fünfer-Regel zu halten? Dass vielen Büroarbeitern das Homeoffice zu einsam ist und sie sich deshalb untergrundmässig organisieren? Dass Eltern ihren Kindern keine stundenlange Maskentragpflicht antun wollen und nun horrende Bussen in Kauf nehmen, weil sie ihre Kinder schwänzen lassen? Dass Lehrpersonen sich um Singverbote und Maskengebote foutieren, ihre Arbeit so verrichten, wie sie sie für richtig halten? Dass sich Jugendliche zu illegalen Raves, Saufgelagen und anderen Partys an versteckten Orten treffen?

Das sind alles reale Beispiele von Menschen, die sich über viele Monate still und bescheiden in die Corona-Regelflut geschickt hatten. Es sind jene Menschen, auf die die Regierungen zählen. Mit ihnen funktionieren Massnahmen, ohne sie nicht. Denn die Schweiz ist kein Polizeistaat. Sie ist nicht in der Lage, die Mehrheit der Bevölkerung über Wochen hinweg zu kontrollieren. Das Land kann sich höchstens Stichproben leisten; derweil kann der grosse Teil der Schweiz machen, was er will.

Zu viele Regeln, zu wenig Kontrollressourcen. Die Folge ist klar: Es ist eine Art von Anarchie, an deren Schwelle die Schweiz steht.

Bundes- und Regierungsrat müssen reagieren, bevor die Situation ausartet. Sie müssen die Regeln nicht nur verfügen und mit Kontrollen drohen, sie müssen sie auch irgendwie schmackhaft machen. Das haben sie bislang verpasst. Alles Geld fliesst in die Wirtschaft und ins Gesundheitswesen, das Individuum geht vergessen.

Die Regierung braucht jetzt die einzelnen Menschen, um das verfluchte Virus in den Griff zu bekommen. Sie braucht ihre Solidarität – doch die ist nicht mehr gratis. So riefen die Jungen Grünliberalen kürzlich den Bundesrat auf, allen unter 30-Jährigen vorübergehend ein Netflix-Abo zu bezahlen. Eine Familienberaterin aus der Region forderte lautstark Hotelgutscheine für Familien in diesem Medium.

Die Stossrichtung ist klar: Es reicht nicht mehr, die Wirtschaft und das Gesundheitswesen ressourcenmässig über Wasser zu halten. Die Mittel müssen auch direkt zu den Menschen fliessen. Als Wertschätzung für die gebrachte Solidarität und als Motivation, ein bisschen länger durchzuhalten.

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