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Kommentar

Rabattschlachten in Zeiten des Klimawandels

Der «Black Friday» lässt die Herzen von Schnäppchen-Jägern weltweit bald wieder höher schlagen. Dabei haben wir doch schon von allem viel zu viel.

Patrizia
Legnini
Donnerstag, 28. November 2019, 17:00 Uhr Klartext
Konsum-Irrsinn vor Weihnachten: Der Black Friday bedeutet mehr Ressourcenverbrauch, mehr Müll, mehr Transport.
Archivbild: Nathalie Guinand

Seit ein paar Wochen werfen sie einem die Produkte wieder hinterher. 30 Prozent Rabatt gab es am Wochenende bei Coop auf alle Spielsachen, und das Angebot dürfte nur ein Vorgeschmack gewesen sein auf das, was der Black Friday an «Mega-Rabatten» und «Knallerpreisen» für die Konsumenten bereithält. Dabei haben die meisten von uns schon jetzt von allem zu viel. Zu viele Kleidungsstücke im Schrank, zu viele Schuhe, zu viel Fleisch im Kühlschrank, zu viel Platz in der überheizten Wohnung und zu viele SUVs in der Garage.

In der westlichen Welt lebt der Mensch auf grossem Fuss, wenn er es sich leisten kann. Und einige lassen es sich selbst in Zeiten von Gletscherschmelze und Klimastreiks nicht nehmen, nach Dubai zu fliegen, um in einer auf minus 7 Grad Celsius heruntergekühlten Halle Ski zu fahren. Freiwillig auf die Annehmlichkeiten dieses Luxuslebens zu verzichten, fällt schwer. Auch wenn die Kehrseite am Ende die Erderwärmung und die Zerstörung unserer Umwelt bedeutet.

Holzkohle aus Namibia

Verzicht ist mühsam. Aber bis anhin bin ich davon ausgegangen, dass er notwendig ist für den Schutz des Klimas, und dass auch viele kleine Schritte die Welt verändern können. Dass nachhaltiger Konsum möglich ist. Dass es gut ist, wenn ich meine Kleider am Flohmarkt kaufe, in der Migros ins Biokörbchen lange und die Holzkohle aus Namibia, die die Landi im Angebot hat, links liegen lasse. 

Über Sinn und Unsinn dieses persönlichen Verzichts scheiden sich inzwischen allerdings die Geister. Die Forderung danach sei unpolitisch, kritisieren selbst Linke. So findet es die deutsche Journalistin Kathrin Hartmann zwar erfreulich, wenn Leute ihren Konsum einschränken. Doch sie kritisiert, dass ihnen suggeriert wird, mit ihren Kaufentscheiden die Welt retten zu können. Indem man ein gesellschaftliches Problem auf die Individuen überwälze, entlasse man nämlich die Politik aus der Verantwortung. Für Hartmann ist darum nicht die Frage wichtig, was man einkaufen soll. Sondern die, warum Unternehmen überhaupt so produzieren dürfen, wie sie es tun. «Die Politik muss die Unternehmen dazu zwingen, fair und nachhaltig zu produzieren», sagte sie in einem Interview mit dem «Tagesanzeiger».

Das macht nämlich kaum eines. Vielmehr stellen sie sich und ihre Produkte aus PR-Gründen als ökologisch nachhaltiger und sozial verantwortungsvoller dar, als sie sind. So auch die Landi: «Mit dieser Holzkohle unterstützen Sie Entbuschungsprojekte und die Biodiversität in Namibia», heisst es auf der Website. Der WWF sieht das ganz anders: Das Risiko sei hoch, dass es sich um unkontrolliert oder illegal geschlagenes Tropenholz handelt.

Ständig neue Trends

Die Jagd nach Rohstoffen nimmt keine Rücksicht auf Mensch und Natur. Um das zu ändern, müsste die Politik die grossen Konzerne, Autohersteller und Lebensmittelmultis, aber auch Energie- und Agrarkonzerne durch nationale und internationale Gesetze, Abkommen und Handelsverträge in die Schranken weisen. Bis jetzt tut sie sich damit schwer – erst im September hat der Ständerat den Entscheid über den indirekten Gegenvorschlag zur Konzernverantwortungsinitiative vertagt. 

Vielleicht kann man die Wartezeit ja überbrücken, indem man sich auf die eigenen kleinen Schritte konzentriert. Oder mal darüber diskutiert, ob eine ständig wachsende Wirtschaft, die auf der Verbrennung fossiler Energieträger gründet, überhaupt mit dem Klimaschutz vereinbar ist. Es ist eine Wirtschaft, die stets neue Trends schafft und Sachen auf den Markt wirft, von denen man dann meint, ohne sie nicht leben zu können. In diesem Sinne: Happy Black Friday!

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