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Kommentar

Nonsens, proaktiv dargeboten

Im Klartext schreibt Redaktor Florian Bolli über beliebte Worte, die nichts bedeuten.

Florian
Bolli
Mittwoch, 07. November 2018, 10:05 Uhr

Diese Rubrik heisst Klartext. Klartext zu reden oder zu schreiben fällt heutzutage vielen schwer. Der Grund: Sinnfreie Worte, die sich in unseren Sprachgebrauch eingenistet haben, Modeworte, deren Bedeutung niemand hinterfragt. «Das sagt man heute halt so», bekommt man als Antwort, wenn man sich erlaubt nachzufragen, warum ein solches Modewort denn nun genau benutzt werde.

Wir haben keine Ziele mehr, sondern brauchen Zielsetzungen. Wir arbeiten nicht einfach, sondern tun dies kundenorientiert, lösungsorientiert, ergebnisorientiert. Und vor allem sind wir proaktiv!

Proaktiv. Das klingt toll – nicht nur aktiv, sondern viel mehr als das. Aktiv ist langweilig, das ist ja jeder. Proaktiv hingegen ist modern. Vor allem Manager und Politiker sehen es wohl als – Achtung, weiteres Modewort – Kernkompetenz, proaktiv zu sein. Aber was wollen sie uns damit eigentlich sagen?

Proaktiv, sagt die Duden-Onlineausgabe, bedeute «durch differenzierte Vorausplanung und zielgerichtetes Handeln die Entwicklung eines Geschehens selbst bestimmend und eine Situation herbeiführend». Aha. Hier geht das Bullshit-Bingo weiter. Die «differenzierte Vorausplanung» ist die hässliche Schwester des Wortes «vorprogrammiert» – denn wenn man plant, dann tut man das immer im Voraus. Wenn ich nun einfach aktiv statt proaktiv bin, plane ich dann nicht? Und handle ich dann nicht zielgerichtet? Und bestimme ich die «Entwicklung eines Geschehens» (welch jämmerliche Formulierung!) nicht selbst?

Pardon, aber wenn das alles zutrifft, dann bin ich ohnehin nicht aktiv, sondern reagiere auf etwas. Dafür gibt es ein Wort: Reaktiv. Im Gegensatz zu «proaktiv» steht es sogar in meinem auf Papier gedruckten Duden, der mit Jahrgang 2001 zwar nicht mehr der neuste, aber auch noch nicht komplett veraltet ist.  Ich mag ihn trotzdem, weil er weniger inhaltslose Worte beinhaltet als die Online-Variante.

Womöglich bin ich ja selber ein wenig veraltet, zu wenig darauf bedacht, das Leben als stete PR in eigener zu Sache zu sehen und stattdessen zu sehr um eine korrekte und verständliche Sprache bemüht. Auch das ist unmodern, denn heute gilt: Hauptsache es klingt gut – der Sinn ist zweitrangig. Illustrieren lässt sich das mit einem Beispiel aus der Werbung: «Seien sie proaktiv», empfehlen Beratungsfirmen ihren Kunden – wer diesen Rat befolgt, handelt reaktiv. Das ist Nonsens, proaktiv dargeboten.

Vor lauter Aktivitätsdrang – wer will denn in Zeiten der aktiven Erholung schon inaktiv sein – vergessen viele, sich zu überlegen, was ihre Worte genau bedeuten – und ob sie wirklich nötig sind. Reflektieren hiesse der Begriff dafür. Ein Vorgang, der auch dann ergiebig ist, wenn am Ende nichts herauskommt. Denn nichts ist immer noch besser als Nonsens.

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