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Klartext zu Chemnitz und verbalen Grenzüberschreitungen

Wie das Nazi-Tabu zu bröckeln begann

Klartext von Benjamin Rothschild, stellvertretender Chefredaktor, über die Schweizer Wahrnehmung heikler Debatten in Deutschland.

Benjamin
Rothschild
Mittwoch, 29. August 2018, 18:37 Uhr Klartext zu Chemnitz und verbalen Grenzüberschreitungen
Rechte Parolen und Deutschland-Fahnen: Demonstranten in der ostdeutschen Stadt Chemnitz.

Chemnitz brennt. In den letzten Tagen zog ein rechter Mob durch die ostdeutsche Stadt und machte Jagd auf ausländisch aussehende Personen. Der Rechtsstaat ist überfordert.

Nun muss man vorsichtig sein mit dem Vermischen von Phänomenen. Aber es ist nicht allzu gewagt, zu behaupten, dass sich hier auf der Strasse manifestiert, was zuletzt in den Kommentarspalten im Internet und auch im deutschen Bundestag zum Ausdruck kam. Dort bezeichneten Exponenten der Alternative für Deutschland (AfD) die Nazi-Zeit als «Vogelschiss der Geschichte» und das Holocaust-Denkmal in Berlin als «Denkmal der Schande».

Herman und Sarrazin als «Kronzeugen»

Hierzulande wird gerne argumentiert, dass es sich bei den jüngsten rechtsextremen Ausbrüchen um die Folge einer jahrzehntelangen Unterdrückung der Meinungsfreiheit handelt. Aufgrund übertriebener Political Correctness habe man in Deutschland brisante Themen zu lange unter dem Deckel gehalten. Nun explodiere der Kessel eben.

Regelmässig werden in diesem Zusammenhang die Fälle Eva Herman und Thilo Sarrazin ins Feld geführt. Die einstige Fernsehmoderatorin Herman hatte sich vor Jahren zumindest missverständlich über ihr Familienbild und die NS-Zeit geäussert. Thilo Sarrazin sorgte mit seinem Buch «Deutschland schafft sich ab», in welchem es unter anderem um Integrationsprobleme und ­Parallelgesellschaften ging, für Empörung.

«Völlig überrissen»?

In der Schweiz begegneten einige Medien dem damaligen Aufschrei in Deutschland mit Unverständnis: Die NZZ sprach im Zusammenhang mit der Herman-Affäre von einem «völlig überrissenen Erregungszustand». Die «Welt­woche» sollte Thilo Sarrazin später gar trotzig als Kolumnisten ­engagieren. Die Deutschen hätten aufgrund ihres Nazi-Fimmels schlicht überreagiert und zwei Personen, die schlimmstenfalls etwas krude Äusserungen von sich gegeben hätten, auf dem Scheiterhaufen der politischen Korrektheit hingerichtet, so das Narrativ.

Tatsächlich pflegte man in Deutschland empfindlich zu ­reagieren, wenn man am Horizont braune Rauchzeichen aufziehen sah. Doch um Fehlalarme handelte es sich selten. Herman sollte später schreiben, dass «eine bestimmte Gruppe von Machtmenschen des globalen Finanzsystems» hinter der europäischen Flüchtlingskrise stecke. Und Sarrazin übte nicht nur legitime Kritik an Parallelgesellschaften, er zitierte auch fragwürdige Eugeniker und Rassenbiologen.

Bei Herman und Sarrazin handelte es sich nicht um jene harmlosen Figuren, als die sie hier mitunter dargestellt wurden. Und es liegt nahe, dass die jüngsten rechten Exzesse in Deutschland nicht deshalb erfolgten, weil man solche vermeintlich unbedenkliche Stimmen unterdrückte, sondern dass diese vielmehr die Vorläufer jener sind, die nach der Flüchtlingskrise ans Licht traten und nun im Internet und auf den Strassen weitere Tabus brechen.

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