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Krimi-Sommerserie

Apokalypse mitten in Uster: Die besten Geschichten

In diesem Sommer kommt es im Oberland zu mysteriösen Kriminalfällen. Im letzten Fall ging es um den vermissten 80-Jährigen. Dank Ihnen ist nun bekannt, was mit ihm passiert ist, sodass der Fall zu den Akten gelegt werden kann.

Mara
Schneider
Montag, 01. August 2022, 14:50 Uhr Krimi-Sommerserie

Wir wollten von der Leserschaft wissen, welche Geschichte hinter den drei Bildern steckt. Das sind die besten Geschichten.

Stapikalypse

Hätte sich Alt Stadtpräsident Berner Weggli nicht seit Wochen sämtlich Endzeitfilme reingezogen, würde er heute nicht zu später Stunde am Bahnhof Uster rumlungern. Hier erwartet er den Ausbruch der Apokalypse.

Unter dem Bahnhof Uster ist ein geheimes Forschungslabor eingerichtet, so wie er es im Film Resident Evil gesehen hat. Das weiss der pfiffige Mann ganz sicher. Oder war’s Mad Max? Oder in der Tagesschau? Egal, er ist jedenfalls überzeugt, dass sich heute, morgen oder spätestens in drei Tagen - aber keinesfalls sonntags - infizierte Zombies aus dem Untergrund durchs Perron an die Oberfläche graben.

Er will unbedingt der erste Ustermer sein, der gebissen wird, um als seelenloser unsterblicher Alt-Stapi-Zombie durch die Stadt zu wandeln. Um den blutrünstigen Untoten ein gutes Bissmahl zu bieten, hat er sich schon mal mit einer Nagelfeile ein Loch in die Brust gebohrt.

Bald tauchen finstere Gesellen auf, doch zu seiner Enttäuschung sind es nur die hiesigen Koksdealer. Mürrisch kauft er ein Portiönchen und verdrückt sich aufs Klo. Vorher malt er noch ein bluttriefendes Smiley hinter seinen Sitzplatz, damit die Zombies schon mal was zum Lecken haben.

Autor: Clemens Folivora, Wetzikon

80-Jähriger vermisst?

Mitternacht. Und Giuseppe wartet immer noch. Müde und hungrig schliesst er kurz die Augen und entspannt sich. Er hat auf dem Perron in Uster mit seiner ehemaligen Kameradin aus früheren Zeiten einen Zeitpunkt vereinbart, der schon lange verstrichen ist.

Mary hat ihm am Telefon zugesagt, sie komme, mit dem Zug. Er solle als Zeichen ein rotes Taschentuch in seine Brusttasche stecken. Vielleicht erkenne sie ihn, nach all den Jahren, ja nicht sofort. Giuseppe hat kein rotes Taschentuch, deshalb schmiert er sich mit Farbe einen roten Klecks auf die Herzgegend. Als Zeichen seiner Verbundenheit oder sogar Liebe, Herzblut, sozusagen.

Und jetzt sitzt er da, der Zug hält an. Alle, auch die letzten Passagiere, sind bereits verschwunden. Wie sehr er sich verlassen fühlt… Ein Schatten nähert sich: Ist sie es? Giuseppe ist skeptisch, und ein ungutes Gefühl beschleicht ihn. Dieser Schatten sieht gar nicht aus wie Mary.

Giuseppe sitzt wie gelähmt auf der Bank, seine Augen lassen ihn, wie schon so oft, ganz im Stich. Er fordert den Schatten auf, sich zu erkennen zu geben. Er spitzt die Ohren. Aber auch die sind vom Lärm des Bahnhofs wie zugepflastert. Bist es du, Mary?

Er verliert die Geduld. Streicht mit der übrig gebliebenen Farbe eine Art Smiley an die Tafel hinter sich. Als Zeichen seiner Verbundenheit mit seiner ehemaligen Freundin und als Alibi, dass er da war. Vielleicht kommt sie noch, irgendwann, irgendeinmal und sieht es.

Eilig steigt er in den Zug und fährt in Richtung Wetzikon. Am nächsten Tag findet Mary, die sich ihrerseits im Datum geirrt hat, nur noch ein rotes Geschmier am Treffpunkt. Das kann nichts Gutes bedeuten. Und die Adresse von Giuseppe ist ihr unbekannt. Am Telefon meldet er sich nicht. Der hat sich wohl im Datum geirrt? Sicherheitshalber geht sie zur Polizei, um zu melden, dass ein 80-Jähriger vermisst wird.

Autorin: Susi Hofmann, Rüti

Spuren 

Der unbekannte Zürcher Oberländer Grafiker und Kunstmaler Beo Specht, zählte mittlerweile 80 Lenze sein Eigen. Auch im fortgeschrittenen Alter experimentierte er noch mit Farben aller Art. Waren früher eher Bleistift und Kohle seine Werkzeuge im grafischen Bereich, so setzte er in letzter Zeit auch Farben für Aquarellmalereien und Sprühdosen für die Gestaltung diverser Graffitis ein. Für seinen besonderen Stil wurde er stets belächelt, seine Bilder wurden allgemein, dem "Depressiven Impressionismus" zugeordnet. Irgendwie wollte man Specht nie ganz ernst nehmen. Sein letztes Bild sollte eine Szene im Bahnhof Uster darstellen.

Die Hitze des Sommers machte ihm zu schaffen. Er fühlte sich alleine, entweder waren die meisten "Ustemer" in den Ferien, im Schwimmbad, am See oder hatten sich irgendwo in den Schatten verkrochen. Er ging mit langsamen Schritten mit seinem Kunstwerk zum Bahnhof, setzte sich auf eine der Ruhebänke, des Perrons und hoffte auf einige vorbeizischende Züge, die durch den Sog des Fahrtwindes etwas Abkühlung bringen sollten. Der aufgewirbelte Staub aber klebte ihm unangenehm auf der Haut, sodass er müde aufstand, das Bild bald auf die Bank hinstellte und es an deren Rückenlehne schob. Betrübt verliess Beo Specht den Bahnhof und wurde seitdem nicht mehr gesehen.

Das Bild "Spuren" , wie er es signiert und betitelt hatte, lag verlassen auf der Ruhebank. Die Polizei wurde verständigt und sie nahm die Spuren auf, um den Maler zu finden. Das Graffito sprach für sich: Die Szene zeigt das Perron mit der Bank, die Waggons des abfahrenden Zuges, hellblaue Wellen auf dunklem Grund mit weissem und schwarzem Hintergrund als Synonym für Licht und Schatten.

Polizist Ortolan Fink besah sich das Gemälde, schüttelte den Kopf und murmelte: "Der Künstler hat Abschied genommen von dieser Welt und gibt uns noch einen letzten Hinweis, wo er zu finden ist".

Ein Zug mit blauen Wellen... der Greifensee, schoss es ihm durch den Kopf. Sofort wurde eine Fahndung mit Spürhunden eingeleitet. Alsbald wurde der vermisste Künstler am Ufer des Sees leblos auf dem Wasser treibend, aufgefunden, sein Berret trug er immer noch auf seinem Haupt.

Ob Specht eines natürlichen Todes starb, ob er Suizid begangen hatte oder ob er gar umgebracht wurde, liess sich anhand der wenigen und unbrauchbaren Spuren, die er hinterliess, nicht mehr feststellen.

Beo Specht, Zeit seines Lebens ein belächelter und verschmähter Kunstmaler, sollte nun berühmt werden. Seine letzte künstlerische Arbeit, das Bild "Spuren" wurde von Spechts Nachfahren für CHF 8'610'000 verkauft und ist nun im Kunsthaus Zürich zu bestaunen.

Aufgrund des hohen Preises, den die Erben einstrichen, so geht das Gerücht um, wurde Beo Specht an jenem heissen Sommertag am Ufer des Greifensees umgebracht und ins Wasser geworfen.

Autor: Markus Fisch, Wetzikon

80-Jähriger vermisst

Es geschah an einem Donnerstag, um 17.05 Uhr. An diesem Ort. Seit diesem Tag sitzt er jeden Donnerstag um diese Zeit, auf dieser Bank, in diesem Bahnhof. Er zieht das alte Hemd mit dem roten Blutspritzer an, das er seither nie gewaschen hat und wartet. Das Unglück traf vor circa zwei Jahren ein. Genauer gesagt vor 775 Tagen.

Zwei Unbekannte rempelten seine Frau an, sie verlor das Gleichgewicht und stürzte auf die Geleise. Es war ein Ding der Unmöglichkeit für den armen Zugführer, den Zug noch rechtzeitig zu bremsen. Die Frau zerriss es in tausend Stücke. Die Täter, vermutlich zwei junge Männer in Kapuzenjacken, wurden nie gefasst.

Seit diesem Moment, seit diesem Ereignis, wartet der Mann auf dieser Bank. Er möchte den Tätern etwas sagen. Etwas, das ihm seit zwei Jahren, genauer gesagt seit 775 Tagen, auf der Zunge brennt. Er kann an nichts anderes denken, ist gefangen in diesem einen Wunsch, ihnen dieses eine Wort zu sagen. Es knurrt und wütet in seinem Bauch, ein Tier in Gefangenschaft, das die Freiheit herbeisehnt.

Heute sitzt er wieder da, auf dieser Bank, in diesem Bahnhof, an einem Donnerstag, um 17.05 Uhr. Ein Schatten verdunkelt die Sicht und in diesem Moment weiss er, dass jetzt, nach gut zwei Jahren, genauer gesagt nach 775 Tagen, der langersehnte Augenblick gekommen ist.

Zwei junge Männer stehen vor ihm, bleich und etwas verlegen. Sie wollen etwas sagen, aber ihre Stimmen versagen. Der alte Mann winkt ab und schaut sie eindringlich an. Wie Lava quillt das Wort hervor, das so lange heiss in ihm gebrodelt hat. Es brennt ihm auf der Zunge, es ergiesst sich über seine Lippen und erlangt endlich die Freiheit: «DANKE».

Die Täter schauen den Alten verwirrt an. Doch dieser steigt in den Zug ein und bricht zu seiner Reise auf. Vielleicht wird es seine letzte Reise sein, aber die Leichtigkeit, die ihn jetzt überfällt, wird ihn auf Händen tragen.

Autorin: Alexandra Fink, Wila

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