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Das sind die häufigsten Corona-Verhamloser-Typen

Von Macher bis Insta-Queen

Das sind die häufigsten Corona-Verhamloser-Typen

Trotz offensichtlichster Corona-Krise gibt es immer noch Leute, die den Ernst der Lage nicht begreifen wollen. Wer sind sie? Der Versuch einer Typologie.

Benjamin
Rothschild
Donnerstag, 19. März 2020, 18:33 Uhr Von Macher bis Insta-Queen

Menschentrauben in Strassencafés, in eigentlich still gelegten Ski-Seilbahnen, an Ausflugsorten – die vom Bundesrat beschlossenen, drastischen Massnahmen wurden von vielen Schweizerinnen und Schweizer nur unzureichend umgesetzt. Auch wenn es verständlich ist, dass der Mensch gerade in Krisenzeiten einen erhöhten Freiheitsdrang verspürt, muss man doch auch festhalten: Viele Leute haben bis zuletzt nicht gepeilt, worum es in der Corona-Krise eigentlich geht.

Wer sind diese Leute? Der Versuch einer Typologie – im Wissen, dass man auch selbst trotz Vorsichtsmassnahmen nicht päpstlicher ist als der Papst und womöglich immer wieder Wesenszüge verschiedener Verhamloser-Typen trägt.

Der Macher (Coronus anpackibus)

Er kommt problemlos mit vier Stunden Schlaf aus, ist Iron-Man-Finisher und liefert auch mit 39 Grad Fieber eine beachtliche Office-Performance ab, was er seinen Mitmenschen jeweils auch mit aufgesetzter Beiläufigkeit mitteilt. Weshalb also sollte ER jetzt zu Hause bleiben?? Kann er ja sowieso nicht, jemand muss schliesslich «den Laden am Laufen halten». Ok, auch er räumt in der Zwischenzeit ein, dass im Zusammenhang mit diesem Virus «gewisse Fragezeichen» bestehen, aber er ist weniger der Problem-, als der Lösungs-Typ. Vielleicht ist er in einigen Ausprägungen nicht mehr der Jüngste, ja gar fix in der Risikogruppe, aber hey, seine Pulsuhr bescheinigt ihm regelmässig die Werte von Fabian Cancellara, den er gemäss Home-Trainer-Programm auf einer imaginären Greifensee-Rundfahrt auch schon abgehängt hat. Von dem her: Weitermachen!

Der Verschwörungstheoretiker (Coronus chemtrailus)

Er findet es «schon komisch, dass da jetzt wieder so etwas kommt» - und weist dabei auf angeblich niedrige Fallzahlen in Israel hin. Die Corona-Krise? Für ihn eine einzige Medieninszenierung, der nächste Blockbuster nach dem Kennedy-Mord, der Mondlandung und 9/11. Mit Xavier-Naidoo-Schnulzen im Ohr schrieb er zuletzt in einschlägigen Foren, dass die von ausserirdischen Echsenmenschen gesteuerte Angela Merkel mit ihrem dramatischen Appell das Volk nur einschläfern will – bevor es durch «Flüchtlingshorden» aus Nahost ausgetauscht werden soll. Und ihm fällt auf, dass der Arm der jüdischen Hochfinanz bis ins abgelegene Zürcher Oberland  reicht, man achte nur auf den Nachnamen des Schreiberlings. Passt alles zusammen!

Die Antiautoritäre (Corona renitentia)

Sie war die vorlaute Klassensprecherin und ist mit einer gesunden Skepsis gegenüber allen Autoritäten gesegnet. Wortwörtlich ungesund ist nur, dass diese Skepsis kaum Unterschiede macht und es für sie einen roten Faden zwischen BAG-Leiter Daniel Koch und George W. Bush gibt. Der eine (Bush) nahm es damals mit Informationen über Massenvernichtungswaffen im Irak nicht so genau – weshalb man nun auch nicht alles glauben sollte, was der andere (Koch) sagt! Hinzu kommt ihr durchwegs renitentes Naturell. Im normalen Alltag gehen ihr zum Beispiel Kraftausdrücke gegen SBB-Kontrolleure leicht von den Lippen und in den jetzigen Zeiten quittiert sie Aufforderungen besorgter Mitmenschen, sie solle bitte ihre besten Freundinnen nicht mehr umarmen, mit einem barschen «spinnts dir eigentli??».

Die Dumpfbacke (Coronus ignorantius)

Corona was? Jaja, natürlich hat er mitbekommen, dass da irgendwas ist, mit irgendeinem Bakterium (?) oder so und es deshalb jetzt irgendwie «voll abgeht». Aber so genau weiss er das auch nicht und viel gelesen hat er ohnehin nie. Dabei ist diese Spezies gar nicht unbedingt nur dumm. Möglich, dass einer ihrer Vertreter auch ganz einfach andere Interessen hat als dieses Corona-Zeugs, er zum Beispiel über ein beeindruckendes Detailwissen verfügt, wenn es um die Aufzucht von Cannabis-Setzlingen geht. Oder er «soundet» einfach gerne ein bisschen vor sich hin und schlendert losgelöst von jeder Weltuntergangsstimmung um den See. Sollte er dabei einen Renter anrempeln, der sich gerade vorsichtig seine heutige Viertelstunde im Freien gönnt, sagt er «hey, sorry mann!» und umfasst ihn kurz lieb gemeint mit den Händen an Brust und Rücken.

Die sorglose Jugendliche (Corona instagramiblia)

Eigentlich ist sie am Puls der Zeit. Sie weiss zum Beispiel, dass man in diesen Zeiten nicht den Hashtag #besteleben posten sollte. Besser was Nachdenkliches. #flattenthecurve oder #wirbleibenzuhause oder so. Nur weiss sie nicht genau, wie sie diesen Schein mit Inhalten füllen soll. Ist auch schwierig, schliesslich ist die Instagramability der eigenen vier Wände bald einmal ausgeschöpft. Und es ist Frühling, #spring und man lebt nur einmal (#lifeyourlive). Also doch kurz raus, mit Freunden treffen, in den Grossverteiler was Flüssiges kaufen (#champagneforthepain), dann gemeinsam an den See oder so, Bilder machen, Filter drüber, posten. Dann aber rasch wieder nach Hause. #StayTheFuckHome.

 

Ebenfalls gesehen:

- Der fatalistische Senior: Gibt scheinbar wahnsinnig abgeklärte und weise Sätze von sich («irgendwann müssen wir alle sterben») und sieht in diesen eine Legitimation für uneingeschränkten Freigang. Allerdings sind seine Worte und Taten nicht selten mehr Koketterie denn in letzter Konsequenz durchgedacht.


- Der militante Hedonist: Erzählt gerne mit leuchtenden Augen von jenen Gentlemen, die sich damals, als die Titanic sank, in erster Linie um einen guten Whisky sorgten. Auch wenn es diese Leute wohl gar nicht gab, will er auch so sein – und das Filet an
Pfefferrahmsauce im Edelrestaurant bis zum Schlussgong auskosten. Wurde durch die jüngsten Bundesrats-Massnahmen allerdings stark zurückgebunden.

- Der Tschütteler: Konnte schon Spielabsagen in der Super League nicht nachvollziehen, geschweige denn den vorläufigen Stopp des Breitenfussballs. Seit seine 3. Liga-Mannschaft nicht mehr trainiert, beharrt er auf dem «vier-gäge-vier» im Park und kündet an, das «Plauschmätschli» auch bei Ausgangssperre durchzuführen. (bro)

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Sehr gut, Herr Rothschild - können wir alles 1:1 nachvollziehen!
Schön auf den Punkt gebracht - wir lernen unsere Mitmenschen noch einmal neu kennen (wobei sich gewisse Ahnungen bestätigen). Vielen Dank für diese lesenswerte Zusammenfassung.