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Kennen Sie einen guten Schwulenwitz?

Züriost-Blog

Kennen Sie einen guten Schwulenwitz?

Thomas
Bacher
Sonntag, 02. Februar 2020, 15:00 Uhr Züriost-Blog

Die Schweizer müssen ein verdammt humorvolles Volk sein. Schon vor der Abstimmung über die Anti-Rassismus-Strafnorm, und jetzt wieder vor der möglichen Ausweitung auf die sexuelle Orientierung, hört man überall im Land den gleichen Einwand: «Aber dann können wir ja gar keine Witze mehr machen über _______.» (bitte selber einfügen, zur Auswahl stehen: «Albaner», «Jugoslawen», «Neger», «Flüchtlinge», «scheiss Flüchtlinge», «Juden», «Lesben», «Schwule», «Schwuchteln», «Tucken».)

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Dem Schweizer ist sein Humor also heilig. Lustig nur, dass ausgerechnet diejenigen das Recht auf den gepflegten Homo-Witz am vehementesten einfordern, die selber komplett humorlos sind und «Witz» und «Beleidigung» gerne synonym verwenden. Dabei gibt es ja tatsächlich super Schwulenwitze. Den hier etwa: Wie viele Schwule braucht man, um eine Glühbirne auszuwechseln? Gar keinen. Sie richten sofort einen Darkroom ein.

Witze über den Holocaust?

Nüchtern betrachtet ist alles enthalten, was ein guter Witz braucht: Ein Klischee, ein überraschender Bruch in der Erzählung und das richtige Timing. Aber es kommt halt immer auf den Kontext an. Wer erzählt den Witz? Bei welcher Gelegenheit? Und wer sitzt im Publikum? Was hier in der trauten Runde lustig sein mag, ist es in der Regel nicht mehr vor einer geifernden Meute Neonazis.

In einem satirischen Theaterstück dürfen die Schauspieler eine moralische Grenze nach der anderen niederreissen und bekommen dafür sogar noch Applaus. Aber an dieser Stelle ein Witz über den Holocaust? Lachen über sechs Millionen abgeschlachtete Menschen? Eher nicht. Es gibt auch Witze, die man anderen überlassen muss. Die Juden und Israelis haben hierfür eine eigene Witzabteilung erschaffen.

Das macht einen guten Witz aus: Ein Klischee, ein Bruch in der Erzählung, Timing. Und: Der Erzähler darf kein Arschloch sein.

Ja, manchmal ist der Witz die einzige Möglichkeit, um irgendwie auf die Grausamkeiten unserer Welt zu reagieren. Zum Beispiel nach dem Attentat auf das Satiremagazin Charlie Hebdo vor fünf Jahren. Es gab zwölf Tote, darunter acht Journalisten des Blatts. Und was postet der frühere Chefredakteur des deutschen Satiremagazins Titanic, Martin Sonneborn, auf Facebook? «Bei Titanic könnte so etwas nicht passieren, wir haben nur sechs Redakteure.»

Auch in der Schweiz gibt es grosse Satiriker. «Es war ja nur satirisch gemeint», hört man oft, meistens von Rassisten und Sexistien, die sich von der Öffentlichkeit wegen einer vielleicht nicht ganz so gelungenen Aussage in die Ecke gedrängt fühlen. Und Satire darf natürlich alles, hat ja schon der Tucholsky gesagt. Der wahre Witz ist allerdings, wenn sich Hobby-Nazis ausgerechnet auf Tucholsky berufen.

Hihihi!

Was der Witz im Allgemeinen und die Satire im Speziellen darf, das steht im ungeschrieben Gesellschaftsvertrag, der von sämtlichen Anwesenden in diesem Land tagtäglich neu ausgehandelt wird. Egal wie die Abstimmung über die Ausweitung der Anti-Rassismus-Strafnorm ausfällt, sie wird diese Abmachung nicht über den Haufen werfen. Ein Ja würde höchstens eine mehr oder weniger greifbare Leitlinie dafür generieren, worauf man sich in diesem Land geeinigt hat. 

Bloss: Wenn Richter und Anwälte ins Spiel kommen, wird es sehr schnell sehr kompliziert. Ich denke, für den Hausgebrauch kann man sich folgende Regel merken: Wenn dir ein Arschloch einen Schwulenwitz erzählt, dann ist er nicht lustig. Hihihi, jetzt hab ichs grad gemerkt, das war ja selber so etwas wie ein Witz.

Thomas Bacher ist überzeugt davon, dass die Welt um ihn herum immer verrückter wird. Seinen Psychiater möchte er damit nicht belästigen, viel lieber schreibt er darüber.

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