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Zulassungsprozess zum Medizinstudium: Studie der Uni Bern nährt Zweifel

Studiengang Humanmedizin ist und bleibt eine Option bei Schulabgängern. In der Schweiz übersteigt die Anzahl der Bewerber jene gebotener Plätze meist deutlich. Ab einem Zeitpunkt ist es erlaubt, die Zulassung mit Beschränkungen zu versehen. Maturanoten und ein Eignungstest sollen helfen. Wie sinnvoll das ist, haben Forscher der Uni Bern untersucht.

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Mittwoch, 15. September 2021, 09:42 Uhr
Das Zulassungsverfahren zum Medizinstudium steht in der Kritik
Foto: PD

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Heiss begehrte Plätze fair verteilt?

Universitäten in der Schweiz haben keine Schwierigkeiten, die Studienplätze des Fachbereichs Humanmedizin jährlich vollständig zu besetzen. Für Aspiranten ist die Bewerbung auf einen Platz hingegen eine Zitterpartie. Gibt es 120 Prozent mehr Anwärter als Plätze, ist die Einführung von Zulassungsbeschränkungen erlaubt. Diese sollen dabei helfen, Personen herauszufiltern, welche sich in besonderem Masse für den Studiengang qualifizieren.

Als Vorhersage-Parameter für die späteren Leistungen im Medizinstudium gelten die Maturanote und die Leistungen im Eignungstest Medizinstudium Schweiz (EMS). Erstere Option gilt als besonders angemessen, weil Studien mehrfach aufzeigten, dass gute Abschlussnoten mit guten Studienleistungen korrelieren. Inzwischen allerdings regt sich Kritik, denn aufgrund steigender Durchschnitte bei Abschlussjahrgängen verliert der Numerus clausus in einigen Ländern zunehmend an Relevanz.

Universitäten, die sich nicht am Numerus clausus orientieren möchten, haben die Option den seit 1998 verfügbaren EMS durchzuführen. Im Rahmen dieses Tests werden die Anwärter auf ihre kognitive Leistungsfähigkeit geprüft und die erzielten Ergebnisse dann verglichen. Immer häufiger werden jedoch kritische Stimmen laut, die die Eignung des EMS als Vorhersagewerkzeug anzweifeln.

Studie der Universität Bern: Der EMS eignet sich kaum 

Im Rahmen einer nun veröffentlichten Studie der Universität Bern fanden Wissenschaftler heraus, dass zwischen dem EMS und den Maturanoten in Bezug auf deren Eignung für die Zulassung zum Medizinstudium Unterschiede bestehen. Die Studie umfasste insgesamt 730 Studierende, die zum Zeitpunkt der Untersuchung den Bachelor-Studiengang der Universität belegten.

Von diesen 730 Studierenden konnten 87,7 Prozent das Bachelor-Studium mit Erfolg abschliessen, etwas mehr als 70 Prozent schafften dies in rund drei Jahren, während 12,3 Prozent der Studienpopulation das Studium vorzeitig abbrach.

Untersucht wurde nun, inwiefern die Maturanoten und die Studienleistungen in Verbindung stehen. Die Analyse zeigte, dass ein guter Notendurchschnitt als Vorhersage für gute Leistungen während des ersten Studienjahrs dienen kann. Gleiches gilt für die Noten in den Fächern Biologie und Chemie: Hier war die Korrelation besonders stark. Schon mit dem Beginn des zweiten Jahrs verliert sich der Effekt allerdings. Hier eignen sich die bisherigen Studienleistungen als Vorhersage deutlich besser.

Was den EMS als prognostisches Werkzeug betrifft, so bescheinigten die Wissenschaftler dem Test eine nur begrenzte Relevanz und Eignung. Sowohl Studienabbrecher als auch Absolventen hatten im EMS teilweise die gleichen Leistungen erbracht. Nicht zuletzt aus diesem Grund schlussfolgern die Autoren, dass das derzeitige Verfahren zur Zulassung überdacht werden sollte. Als Limitation nannten die Verantwortlichen im Volltext der Studie die Tatsache, dass die Probanden ausschliesslich einer Universität entstammten.

Zusätzliche Kompetenzen könnten wichtiger sein als der EMS

Weil sich der EMS nur wenig für Zukunftsprognosen im Hinblick auf Studienleistungen zu eignen scheint, verlangen immer mehr Experten neue und alternative Wege. Auch die Autoren der gezeigten Studie weisen darauf hin, dass sich alternative Kompetenzen als brauchbarer erweisen könnten. Zu solchen Kompetenzen gehören beispielsweise

  • kommunikative Fähigkeiten,
  • Professionalität
  • und die Fähigkeit zur interprofessionellen Zusammenarbeit.

Diese und weitere Persönlichkeitsmerkmale sind in anderen Ländern wie Kanada oder auch Israel und den Niederlanden bereits fester Bestandteil der Zulassung zum Medizinstudium. Die Studienautoren und weitere Experten erachten einen Wechsel hin zu einem Blick auf die „Soft Skills“ der Bewerber als möglichen Weg zu einem sinnvolleren Verfahren.

Teure Plätze, steigender Bedarf

Die Diskussion rund um den Überhang an Bewerbern schlägt derzeit in eine bereits weit klaffende Kerbe. Auch die Schweiz leidet unter einem zunehmenden Ärztemangel, dem nicht ausreichend Nachwuchs entgegengesetzt werden kann. Die Erhöhung der Kapazitäten an den Universitäten stellt aus Laiensicht eine mögliche Lösung dar. Wie der Hausärzte-Präsident Philippe Luchsinger kürzlich in einem Interview zu bedenken gibt, ist das Schaffen von Studienplätzen im Bereich der Medizin allerdings ein teures Unterfangen. Es bräuchte also mehr finanzielle Mittel, um dieses Vorhaben zu bewältigen.

Indes verfügen viele Mediziner, die heute in der Schweiz mit einem Facharzttitel tätig sind, nicht über ein in der Schweiz absolviertes Studium. Viele von ihnen studieren im Ausland und entscheiden sich dann für den Gang in die Schweiz. Gerade ausländische Ärzte halten die Versorgung in einigen Bereichen des Gesundheitssystems aufrecht. Dies gilt laut Luchsinger beispielsweise auch für psychiatrische Kliniken. Es mangelt folglich nicht nur an Allgemeinmedizinern.

Das Problem an der Sache ist: Das Ausland hat den Abwanderungstrend inzwischen längst bemerkt, sodass immer weniger Absolventen ihr Heimatland verlassen, um in der Schweiz zu arbeiten. Auch kommt es dank verbesserter Bedingungen oft zu einem Rückzug nach Deutschland, was den Mangel in der Schweiz verstärken könnte.

Für Luchsinger ist der beschriebene Trend weder neu noch eine Folge der Corona-Pandemie. Der sich abzeichnende Mangel und die Abhängigkeit von Ärzten aus dem Ausland gehören zu Aspekten, die Hausärzte bereits seit mehreren Jahren immer wieder betonen. Fraglich bleibt nun, wie jedoch auf reagiert wird. Fest steht dabei aber: Diskussionen über das Medizinstudium und notwendige Neuerungen sind nicht nur im Hinblick auf den Zulassungsprozess gerechtfertigt.