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Züriost-Wettbewerb Schreibstar 2021

Licht

Von Tina Schwitter aus Hinwil. Die 14-Jährige erhielt im SMS-Voting in der Kategorie «Newcomer» am zweitmeisten Stimmen und erreichte mit ihrer Geschichte den 2. Platz des Schreibstar-Wettbewerbs 2021.

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Freitag, 10. Dezember 2021, 08:00 Uhr Züriost-Wettbewerb Schreibstar 2021
Symbolbild: Pexels

Meinen täglichen Spaziergang muss ich heute schon nach zehn Minuten abbrechen. Ich halte es einfach nicht aus, meine Zeit damit zu verschwenden, durch Gassen zu gehen, die ich schon seit vielen Jahren in- und auswendig kenne. Seit meiner Diagnose ist mir bewusst geworden, wie kostbar Zeit ist. Ich mag gar nicht daran denken, wie viel davon ich schon verschwendet habe, weil ich den Wunsch meiner Eltern erfüllt habe und ich mich jetzt schon seit drei Monaten kaum noch vom Fleck rühre, damit sie auf mich aufpassen können. Bis heute habe ich es ausgehalten, immer an einem Ort zu sein, indem ich mich einfach in weit entfernte Länder geträumt habe. Aber heute mischt sich etwas Bitteres unter die Süsse meiner Tagträume.

Ich erzähle ihnen auch von meiner bittersüssen Sehnsucht nach für mich unbekannten Landschaften.

Als ich wieder zu Hause bin, eröffne ich meinen Eltern, dass ich wegwill. Ich sage ihnen, wie es sich anfühlt, keine neuen Reize in der vertrauten Umgebung zu finden und deshalb die Welt um sich herum nur noch stumpf wahrzunehmen. Ich erzähle ihnen auch von meiner bittersüssen Sehnsucht nach für mich unbekannten Landschaften. Dad schaut nach meiner emotionalen Rede betroffen in seine rote Kaffeetasse um dem «Ich habe es dir doch gesagt»-Blick von Mom zu entgehen, die sich freut, dass ich mein Leben in die Hand nehme

Dank Dads schlechtem Gewissen und Moms Wunsch, dass ich es ihr gleichtue, indem ich auf einer Reise meine spirituellen Empfindungen neu entdecke, sitze ich schon einen Monat später im Flugzeug. Ich fühle mich so frei wie noch nie zuvor. Die ganzen Sorgen scheinen nicht mit mir in das Flugzeug eingestiegen zu sein. Ich kann die Welt endlich wieder richtig intensiv wahrnehmen, als ob jemand eine unsichtbare Decke, die zu Hause auf mir gelegen ist, entfernt hat.

Es geht für mich nach Vārānasi um Holi, das Fest der Farben zu feiern. Es hat einige Überzeugungskünste gebraucht, bis Dad es mir erlaubt hat. Schliesslich hat er jedoch eingesehen, dass mir in einer Reisegruppe wirklich nicht viel passieren kann. Es gefällt mir super, endlich wieder unter Menschen zu sein, die mich nicht mit einer ständigen Angst anschauen, etwas Falsches zu sagen.

Stimmengewirr, entfernte Motorgeräusche, Tierlaute und Dinge, die ich noch nie gehört habe.

Als wir schliesslich ankommen, bleibt uns nur noch Zeit für einige Instruktionen von unserem Reiseleiter, bevor wir in unser Hotel gehen müssen. Aber davon bekomme ich nicht viel mit: Ich bin viel zu beschäftigt mit der fremden Umgebung. Die Gruppe steht direkt neben einer dieser Treppen, die herunter zum Ganges führt. Um uns herum sind so viele Menschen, wie ich bisher noch nie auf einem Haufen gesehen habe. Einige Leute starren uns feindselig an, andere beachten uns nicht einmal. Und überall ist es laut: Stimmengewirr, entfernte Motorgeräusche, Tierlaute und Dinge, die ich noch nie gehört habe.

Die 14-jährige Autorin Tina Schwitter aus Hinwil. (Foto: Gloria Bressan)

Dazu die spektakuläre Kulisse. Überall sehe ich hellbraune Häuser. Einige haben Türmchen, andere viele Balkone. Doch keines ist wie das andere. Ein buntes Durcheinander, das von Leben nur so pulsiert. Dagegen sieht das Reihenhaus, in dem ich wohne, ziemlich öde aus. Dann wandert mein Blick aber weiter zum Fluss. Ich sehe viele Feuer an den Ufern, mit deren Hilfe Tote verbrennt werden. Im heiligen Fluss selbst sehe ich eine Männerleiche treiben. Ich schnappe nach Luft. Wie kann sich dieser Ort so lebendig anfühlen, obwohl der Tod so nahe ist? Energisch wende ich mich ab und gehe im Schutz der Gruppe zu unserem Hotel.

Mut, Freiheit und das Gefühl, mit allem fertigzuwerden, auch mit dieser Krankheit. Das alles hat mir diese bunte Stadt gezeigt.

Am nächsten Morgen frühstücken alle zusammen auf der Veranda, während wir uns erzählen, wieso wir uns ausgerechnet diese Reise ausgesucht haben. Nach Vārānasi, in eine Stadt, in der so viel Armut herrscht und die überhaupt nicht in unseren westlichen Massstab passt. Als ich an die Reihe komme, zögere ich. Soll ich ihnen wirklich von meiner Krankheit erzählen? Doch dann erinnere ich mich an das Gefühl, das ich hier zum ersten Mal gespürt habe: Mut, Freiheit und das Gefühl, mit allem fertigzuwerden, auch mit dieser Krankheit. Das alles hat mir diese bunte Stadt gezeigt.

Deshalb beginne ich zu erzählen: Von meiner Diagnose, davon, dass ich in den nächsten Monaten erblinden werde und deshalb noch möglichst viele Dinge sehen will, die ich bewahren kann. Die guten und die schlechten Seiten von Vārānasi, das Leben und den Tod und nicht zuletzt die vielen Farben von Holi. Als ich geendet habe, schaue ich sorgenvoll in die Runde. Ich fürchte mich vor den mitleidigen Blicken und der Unbeholfenheit in ihren Augen, die ich von zu Hause kenne. Aber stattdessen sehe ich Stolz und Bewunderung. Alle sagen mir, wie gut ich mit der Situation umgehe und wie stark sie mich finden. Das ist genau das, was ich gebraucht habe, denn es wird mir bewusst, dass ich, ganz egal, wie viele Farben ich beim Holi morgen sehen werde, der Dunkelheit, die bald um mich herum herrschen wird, trotzen kann, weil ich das nötige Licht Herzen trage.

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