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Züriost-Wettbewerb Schreibstar 2021

Fernweh

Von Nora Schulthess aus Ottikon. Die 15-Jährige erhielt im SMS-Voting in der Kategorie «Newcomer» am meisten Stimmen und gewinnt mit ihrer Geschichte den Schreibstar-Wettbewerb 2021.

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Freitag, 10. Dezember 2021, 08:00 Uhr Züriost-Wettbewerb Schreibstar 2021
Symbolbild: Pixabay

Ich packte gerade mein Gepäck, legte es auf das Laufband des Flughafens und stieg ins Flugzeug. Nach einer langen Ewigkeit auf meinem Fensterplatz startete das Flugzeug endlich. Auf dem 15 Stunden langen Flug zu meiner Mission schaute ich ein paar Filme. Nach 15 Stunden konnte ich endlich aus dem Flugzeug raus, und meine Gastfamilie, bei der ich die ersten Tage verbringen würde, wartete schon auf mich. Wir fuhren mit einem alten, klapprigen Auto zu ihrem Haus. Es war wunderschön – im Gegensatz zu ihrem Auto. Meine Gastfamilie bestand aus zwei Erwachsenen, die drei Kinder hatten. In den nächsten Tagen erkundigte ich die Gegend, schliesslich wollte ich mehr landeinwärts gehen, um den Leuten zu helfen.

Nach drei Tagen war ich soweit und lief mit meinem Rucksack los. Nach mehreren Stunden fand ich ein kleines Dorf. Ich sah Kinder, die spielten, und Frauen, die kochten, wuschen und putzten. Ich sah Leute, die einfach nur dasassen. So fragte ich, ob ich ihnen helfen könne. Ich half ihnen den ganzen Tag beim Kochen und Putzen. Die einen Leute waren verletzt oder krank, und ich verarztete sie. Sie sagten, ich könne ein paar Tage bei ihnen bleiben, und so ging ich am Abend todmüde in meine Hütte. Doch in der Nacht hörte ich laute Männerstimmen, die lachten und miteinander redeten. Es waren wohl die Männer, die heute auf der Jagd waren und erst gerade zurückkamen. Dieses Lachen hörte sich bedrohlich an, und dann waren da auch noch ein lautes Fauchen und Knurren. Es hörte sich so schrecklich an, und ich wünschte mir nichts sehnlicher, als wieder zu Hause zu sein.

Am nächsten Tag half ich den Leuten in diesem Dorf wieder. Ich durfte überall im Dorf sein, ausser bei einem riesigen Zwinger. Ich fragte mich immer, wieso ich da nicht hindurfte, aber sie wollten es mir nicht sagen. In dieser Nacht hörte ich das Fauchen schon wieder, doch dieses Mal jaulte etwas auch noch. Mich nahm es so wunder, was in diesem geheimnisvollen Zwinger war, denn das Fauchen kam von dort. Ich hatte ein bisschen Angst, aber mutig wagte ich es trotzdem. Ganz leise schlich ich mich zu diesem riesigen Zwinger. Ich konnte mich am Rand hochziehen und schaute vorsichtig hinein: Was ich da sah, war unglaublich! Im Zwinger lag ein riesiger weisser Löwe mit Flügeln. Ich war so überrascht und erstaunt, dass ich ihn ein paar Minuten nur anschaute.

Nora Schulthess ist die Siegerin des «Schreibstars 2021» in der Kategorie Newcomer.

Ich erschrak, als plötzlich eine leise Stimme neben mir flüsterte: «Sie haben ihn eingefangen, weil seine Flügel heilende Kräfte haben.» Langsam drehte ich meinen Kopf und sah einen Jungen aus dem Dorf. Er sagte: «Ich will weg von hier und der Löwe auch, wir wollen ins Paradies. Dort scheint jeden Tag die Sonne, und es gibt Essen, welches ich noch nie gegessen habe, es hat ein türkisfarbenes Meer und einen langen Strand, und man kann machen, was man will. Doch das Paradies ist sehr weit weg, und um dorthin zu kommen, müsste man fliegen können, was ich leider nicht kann. Der Löwe kann es aber, wenn er von den Fesseln befreit wäre.» Ich war sehr leise, während er sprach, und dachte über das Paradies nach – da wollte ich auch hin.

Der weisse Löwe war verwundet, und deshalb gab der Junge ihm noch sein Stück Fleisch vom Abendessen. Neugierig beobachtete uns der Löwe und kam auf uns zu. Der Junge streckte seine Hand aus, und der Löwe leckte sie ihm zärtlich ab. Ich machte es ihm nach, und tatsächlich berührte der Löwe auch meine Hand. In den nächsten Tagen schmiedeten der Junge und ich heimlich einen Plan, wie wir mit dem weissen Löwen fliehen könnten. Als wir einen Plan hatten, schlichen wir in der Nacht leise zum weissen Löwen und befreiten ihn von seinen Fesseln. Als er frei war, schmiegte er sich an uns, und der Junge sagte: «Er ist uns dankbar, dass wir ihn befreit haben, und er möchte unbedingt mit uns ins Paradies fliegen.»

Also schlichen wir aus dem Zwinger und setzten uns auf den Löwen. Doch gerade als wir loswollten, rannte eine grosse Menge wilder Einwohner auf uns zu, um uns zu töten. Der Löwe rannte ebenfalls los und wollte abfliegen. Aber er konnte nicht! Einer seiner Flügel steckte noch in einer abgerissenen Astgabel fest, und er konnte ihn nicht bewegen. Geschwind sprang ich ab und machte ihn los. Doch die wilden, mit Speeren bewaffneten Einwohner holten mich ein und drohten dem Jungen, mich zu töten, wenn er nicht sofort anhalten würde. Da wurde der Löwe so wütend, dass er sich umdrehte, vor den Einwohnern aufbäumte und brüllte.

Das Brüllen durchbrach die Nachtstille. Die Einwohner beeindruckten dies jedoch keineswegs. Sie griffen den Löwen an. Dieser riss daraufhin sein grosses Maul mit spitzen Zähnen auf und wollte zuschnappen. Da erschraken die Einwohner so heftig, sodass ich fliehen konnte. In Windeseile sprang ich auf seinen Rücken, und wir flogen los, hinein in die sternenklare Nacht. Ein paar Stunden später sah ich endlich wieder Land unter mir, denn seither waren wir nur über endloses Wasser geflogen. Das Land unter mir sah wunderschön aus, und der Junge hinter mir flüsterte in mein Ohr: «Das ist das Paradies!»

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