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Züriost-Wettbewerb Schreibstar 2021

Ein Sommer kommt selten allein

Von Karin Hobi-Pertl aus Chur. Die 43-Jährige erhielt im SMS-Voting in der Kategorie «Erwachsene» am zweitmeisten Stimmen und erreichte mit ihrer Geschichte den 2. Platz des Schreibstar-Wettbewerbs 2021.

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Freitag, 10. Dezember 2021, 10:07 Uhr Züriost-Wettbewerb Schreibstar 2021
Symbolbild: Pexels

«Na, da schau her. Sommer hat den Ball schon wiedergehalten», sagt er und lässt sich zufrieden auf seinen Sessel fallen. «Sommer?», fragt sie und schaut aus dem Fenster in die Weite, als gäbe es da etwas zu entdecken. «Sommer wäre schön. So richtig, meine ich. Mit warmem Sand unter den Füssen und Salz auf der Haut» träumt sie sich versunken in die Ferne. «Toooor!», schreit der Mann im Fernseher. «Toooor!», schreit er. Die Welt steht still, und die Mannschaft in Rot-Weiss liegt sich in den Armen.

«Erinnerst du dich, wie wir zwei uns in Griechenland immer wieder vor Glück umarmten? An dieser schönen Bar mit Blick auf das türkisfarbene Meer? Und diese Mojitos! Oh, mein Gott! Limette, Minze und viel zu viel Zucker!» Sie fährt sich mit der Zunge über ihre Lippen, als könnte sie den Drink noch heute schmecken. «So etwas Köstliches habe ich schon lange nicht mehr getrunken. »Er holt sich ein Bier aus dem Kühlschrank und setzt sich zufrieden zurück auf den Sessel.

«Du wirst sehen, wir werden noch gewinnen gegen die Spanier»

«1 zu 1!», schreit er und springt wieder auf, «Ausgleich in der 68. Minute!» Er klatscht stolz wie ein Torschütze in die Hände. «Du wirst sehen, wir werden noch gewinnen gegen die Spanier», ruft er ihr zuversichtlich zu, ohne den Blick vom Bildschirm abzuwenden. «Spanien wäre auch schön», sagt sie, schaut weiterhin in die Ferne und erinnert sich an die Reise mit ihm. Wie sich das Flugzeug dem Boden näherte und sie ihre Nase an das kleine Fenster mit dickem Panzerglas drückte, um das Meer zu sehen. An die Stimme des Piloten, der über Lautsprecher heisse Temperaturen versprach, und wie sie aus dem Flugzeug stiegen und in die feuchtwarme Luft eintauchten. Sie seufzt laut.

«Ein spannendes Spiel, ich weiss», sagt er verständnisvoll nickend, «wenn unsere Jungs heute gewinnen, dann wird wohl auf den Strassen getanzt.» «Erinnerst du dich an unseren spontanen Tanz durch die Gassen Andalusiens, nachdem wir lecker Paella gegessen und literweise Sangria getrunken haben?», fragt sie. «Du hast dein schönstes Hemd getragen, das ich dir dann im Hotel vor lauter Betrunkenheit vom Leib gerissen habe.» Sie lacht. Ihr Blick wendet sich ihm zu. Da sitzt er. In Trainerhosen und verschwitztem Shirt. Das Gesicht rot vor Zorn.

Da sitzt er. In Trainerhosen und verschwitztem Shirt. Das Gesicht rot vor Zorn.

«Nein!», schreit er und springt wütend von seinem Sessel auf. «Unglaublich! Rote Karte. Verdammt nochmal!» Sie erinnert sich an die in feuerrot gekleideten, Flamenco tanzenden Frauen. Sie feierten gemeinsam mit Einheimischen unbeschwert und lachten. Von ihrem «Mañana – die Pflichten verschieben wir auf morgen» liessen sie sich anstecken und waren losgelöst. Losgelöst von der ganzen Ernsthaftigkeit des Lebens. Sie fühlt die Sehnsucht nach lauwarmen Nächten, gebräunten Beinen und dem Duft von Zitrus- und Meeresfrüchten.

Autorin Karin Hobi-Pertl aus Chur. (Foto: Gloria Bressan)

Sie schliesst die Augen und greift in ihrer Erinnerung nach leckeren Tapas. Grosse, saftige Oliven, in Essig liegende Boquerones, salzig-scharfer Jamón Serrano, in Tomaten liegende Patatas bravas und der Knoblauchduft von den Gambas al ajillo. Sie kann die Köstlichkeiten förmlich riechen. Und sehen, wie spanische Schönheiten erfrischende Drinks verteilen. Die Menschen tanzen mit nackten Füssen im Sand und liegen sich lachend in den Armen. Küsse liegen in der Luft, Freundschaften für eine Nacht werden geschlossen und der Besitzer der Strandbar verlängert die Öffnungszeit bis zum Sonnenaufgang.

«Verlängerung! Schau doch! Spannend bis zum Umfallen, du musst unbedingt hinschauen!», fordert er sie auf, ganz aufgeregt, während die Fussballfans im Stadion lauthals ihre Champions besingen und anfeuern. Sie fühlt die Klänge auf den Strassen Andalusiens, die temperamentvollen Rhythmen und leidenschaftlichen Bewegungen. Wie die Menschen das Leben betanzen und feiern und wie sie die Wellen der Musik ganz einnehmen. Als gäbe es kein Morgen mehr.

Sie fühlt die Klänge auf den Strassen Andalusiens, die temperamentvollen Rhythmen und leidenschaftlichen Bewegungen

«Hast du gesehen, Schatz? Es folgt das Elfmeter schiessen», sagt er. Etliche Kilometer sind sie gefahren, damals, der Küste Andalusiens entlang. Einfach drauflos. Und an den schönsten Stränden machten sie Halt, hüpften in die Wellen und schwammen gegen den Strom. «Toooooooooor!», jubelt er. «Du wirst sehen: Die Schweiz wird heute Geschichte schreiben!» Ein lautes «Nein!» folgt wenige Sekunden später. «Ja, wir sollten wieder mal ans Meer fahren», findet sie. «Ich kann nicht mehr hinsehen», sagt er, «ich halte die Spannung nicht mehr aus.» «Lass uns hingehen», sagt sie schwärmend, träumend.

Schlusspfiff. «Nein!», flucht er enttäuscht in sich hinein. Der Sieg war zum Greifen nah. «Wir sollten die Reisetasche packen. Flipflops, Badesachen, Shorts und Sommerkleidchen. Und dann ab nach Spanien», sagt sie. Er schaut sie an. «Spanien?», fragt er entrüstet. «Klingt das nicht wundervoll?», fragt sie euphorisch. «Spanien!», lacht er höhnisch, schaltet kopfschüttelnd den Fernseher aus und steht auf. «Na, du hast vielleicht Nerven.

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