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Züriost-Wettbewerb Schreibstar 2021

Der Koffer

Von Monica Heinz aus Zürich. Die 53-Jährige erhielt im SMS-Voting in der Kategorie «Erwachsene» am drittmeisten Stimmen und erreichte mit ihrer Geschichte den 3. Platz des Schreibstar-Wettbewerbs 2021.

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Freitag, 10. Dezember 2021, 09:00 Uhr Züriost-Wettbewerb Schreibstar 2021
Symbolbild: Pixabay

Klara sass in ihrem Ohrensessel und sah zum Fenster hinaus. Jeden Tag die gleiche Aussicht. Der Park, die Bänke und der Teich mit den Seerosen. Idyllisch hatte der Prospekt die Altersresidenz genannt, sie fand es einfach nur langweilig. Wenn ihr Haus nicht renoviert worden wäre, wäre sie nie ausgezogen. Es klopfte an der Tür, und die Pflegerin brachte ihr das Mittagessen. «Guten Tag, Frau Schön, wie geht es?» «Wie soll es schon gehen?», Klara deutete auf ihren Gipsfuss. Nicht nur, dass sie in dieser Altersresidenz sass, nein, sie musste sich auch noch den Fuss brechen. «Der kommt nächste Woche weg, das halten Sie sicher noch aus», lächelte die Frau. Klara gab keine Antwort. Sie dachte nur, und dann bin ich weg.

Eine Woche später war der Gips tatsächlich weg, und Klara ging das erste Mal seit langer Zeit wieder in die Stadt. Gleich neben ihrem Lieblingscafé entdeckte sie ein neues Geschäft, Lederwaren Fischer, das war vor zwei Monaten noch nicht da gewesen. Klara blieb stehen. Im Schaufenster standen Lederkoffer, denen die Spuren ihrer Vergangenheit deutlich anzusehen waren. Ohne gross zu überlegen, betrat sie den Laden. «Guten Tag, wie kann ich Ihnen helfen?» Der jüngere Herr, der durch den Vorhang kam, lächelte sie an. «Sind Sie neu hier?» «Ja, das andere Lokal wurde renoviert, deshalb mussten wir umziehen.» «Genau wie ich», meinte Klara und sah sich um.

Ihr Blick blieb an einem kleinen, dunkelblauen Koffer, der in der Ecke stand, hängen. Er war über und über mit Aufkleber von vergangenen Reisen bedeckt. Sie hob ihn auf, und plötzlich waren all die Erinnerungen wieder da. «Was kostet der da?» «Ach den, eigentlich hätte ich ihn schon beim Umzug wegschmeissen sollen, er gehört auf den Müll. Aber irgendwie konnte ich mich nicht von ihm trennen. Der ehemalige Besitzer musste sein Fernweh immer wieder gestillt haben.» «Ich nehme ihn.» «Wissen Sie was, ich schenke Ihnen den Koffer», antwortete der Mann.

Klara hatte nie geheiratet, dafür hatte sie Freundschaften in aller Welt geschlossen.

Auf dem Rückweg in die Residenz konnte Klara sich ein Lachen nicht verkneifen. Der hat sicher gedacht, einen alten Koffer für die alte Schachtel. Aber die Bilder auf den Aufklebern hatten eine Sehnsucht in ihr geweckt. Viele der Orte hatte sie selbst besucht, und auch wenn sie nun beinahe achtzig war, ihr Fernweh war nach wie vor so heftig wie mit zwanzig oder dreissig. Klara hatte nie geheiratet, dafür hatte sie Freundschaften in aller Welt geschlossen. Es hatte nur einen Mann gegeben, mit dem sie sich hätte vorstellen können, zu leben: Luigi. Er besass ein kleines Restaurant in Rom, wo sie als Zwanzigjährige einen Sommer verbracht hatte. Doch Luigi war verlobt gewesen.

Autorin Monica Heinz aus Zürich. (Foto: Gloria Bressan)

«Was haben Sie denn da?» Die Pflegerin schaute auf den Koffer. «Soll der morgen mit, wenn die Müllabfuhr kommt?» «Wo denken Sie hin, den habe ich neu.» Kopfschüttelnd ging die Frau weiter. Nach dem Abendessen hob Klara den Koffer auf den Tisch und begann, ihn sorgfältig mit der Ledermilch, die sie aus lauter schlechtem Gewissen bei dem Mann im Geschäft gekauft hatte, zu reinigen. Das Futter im Innern war abgeschossen, aber noch intakt. Auf der Seite war eine kleine, von einem Gummizug gesäumte Tasche angebracht. Klara fuhr mit dem Lappen rein und stiess an ein Stück Papier. Sie zog es heraus – eine Visiten-Karte: Ristorante Palatin, Roma. Sie erstarrte, nie hatte sie diesen Namen vergessen, das Ristorante von Luigi.

Die Fassade sah noch genauso aus wie damals. Nur die Markise mit den grünen Streifen, die war neu.

Als sie am nächsten Tag in die Cafeteria hinunterging, hörte sie, wie jemand flüsterte. «Das ist die mit dem Koffer, als ob sie noch verreisen könnte.» Klara drehte sich um und ging zurück in ihr Zimmer. Nun erst recht, dachte sie, und öffnete ihren Laptop. Ein paar Minuten später hatte sie ihre Reise gebucht. «Sind sie das erste Mal in Roma, Signora?», erkundigte sich der Taxifahrer, der sie vom Bahnhof in ihr Hotel fuhr. «Nein, aber es ist schon sehr lange her. Wissen Sie was, fahren Sie mich bitte zuerst hierhin.» Sie zeigte ihm die Visitenkarte, er nickte. Zwanzig Minuten später hielt er vor dem Ristorante. Auch wenn es nun mehr Autos in der Strasse gab, die Fassade sah noch genauso aus wie damals. Nur die Markise mit den grünen Streifen, die war neu.

Mit ihrem kleinen Rollkoffer betrat sie das Lokal, innen hatte sich auch nur wenig verändert. Zwar war alles neu gestrichen und die Möbel neu, aber der Pizzaofen stand noch in derselben Ecke. Klara wählte den Tisch in der Nische gleich daneben, wie damals. Der junge Kellner kam sofort zu ihr, und sie bestellte einen Espresso. Egal, was ihr Arzt sagte, ein bisschen Coffein schadete nicht. Während sie dasass und einen Moment die Augen schloss, die Reise hatte sie doch müder gemacht als gedacht, trat ein Mann an den Tisch. «Clara Bella, bist du es wirklich? Du bist noch genauso schön wie damals.» Klara öffnete die Augen. Clara Bella, so hatte sie nur einer genannt, Luigi. «Ich habe all die Jahre auf dich gewartet, und du bist wirklich wiedergekommen», flüsterte er und setzte sich. Klara lächelte ihn an, endlich war ihr Fernweh gestillt. Sie war angekommen, auch wenn die Reise beinahe sechzig Jahre gedauert hatte.

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