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Züriost-Wettbewerb Schreibstar 2021

Das letzte Wort

Von Anna Portmann aus Kerzers. Die 19-Jährige erhielt im SMS-Voting in der Kategorie «Erwachsene» am fünftmeisten Stimmen und erreichte mit ihrer Geschichte den 5. Platz des Schreibstar-Wettbewerbs 2021.

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Freitag, 10. Dezember 2021, 08:00 Uhr Züriost-Wettbewerb Schreibstar 2021
Symbolbild: Unsplash

«Emily Grau?» Ich blicke von meinem Kreuzworträtsel auf und geradewegs in das lächelnde Gesicht des Praxisassistenten, der sich zu mir hinunterbeugt. «Sie dürfen nun mitkommen.» «Die menschliche Sehnsucht, vertraute Verhältnisse zu verlassen und sich die weite Welt zu erschliessen (Wikipedia.org).» «Wie bitte?» Der junge Mann lässt verwirrt sein Klemmbrett sinken. Ich tippe mit meinem Kugelschreiber auf die aufgeschlagene Seite: «Das letzte Wort, das mir noch fehlt.» «Ach so.»

Mein Gegenüber wirft einen hilflosen Blick auf die leeren Kästchen. «Ich habe keine Ahnung», erwidert er und weist in Richtung Behandlungsraum. «Wollen Sie mir bitte folgen?» Sorgfältig rolle ich das Heft zusammen und stecke es in die Seitentasche meines verblichenen Rucksackes. Die braunhaarige Frau, die ebenfalls in dem stickigen Wartezimmer Platz genommen hat, schaut mir dabei zu, wie ich mich langsam von meinem Stuhl erhebe und zum Praxisassistenten trotte. Dieser hält mir bereits die Tür auf. «Der Doktor wird gleich bei Ihnen sein.»

Autorin Anna Portmann aus Kerzers. (Foto: Gloria Bressan)

«Guten Morgen, Frau Grau», begrüsst mich Doktor Klein, der akribisch seine Maske zurechtzupft, bevor er neben mir Platz nimmt. «Was fehlt Ihnen denn?» Ich kratze mich am Kopf. «Eigentlich hatte ich gehofft, dass Sie mir das sagen könnten», erwidere ich und füge sogleich hinzu: «Ich weiss, dass mir etwas fehlt, aber ich kann es nicht definieren. Es fühlt sich so an, als gäbe es eine Lücke in meinem Leben.»

Doktor Klein greift nach einem Notizblock und blickt mich prüfend an. «Können Sie sich etwas genauer ausdrücken?», fragt er. «Wissen Sie vielleicht, woher dieses Gefühl kommt oder in welchen Momenten es besonders stark ist?» Ich seufze. «Nicht wirklich. Da die Pandemie uns dazu gezwungen hat, zu Hause zu bleiben, hatte ich wenig Kontakt zu anderen Menschen. Zuerst dachte ich, dass ich mich einfach einsam fühle, aber das kann nicht der Grund für diese innere Leere sein. Obwohl mein Sohn sehr viel unterwegs ist, besuchen er und seine Kinder mich regelmässig. Das Gefühl verschwindet dennoch nicht. Meistens wird es sogar stärker, wenn sie hier sind.» «Stärker?» Der Arzt hält in seinen Kritzeleien inne. Ich bejahe.

«Sie müssen wissen», fahre ich fort, «dass dies nicht immer der Fall war. Noch vor Kurzem war alles anders. Ich hatte Energie, um Sport zu treiben, an Vorlesungen teilzunehmen oder meinen Schrebergarten zu pflegen.» «Und diesen Aktivitäten können Sie nun nicht mehr nachgehen?» «Doch. Aber …», ich zögere und lasse meinen Blick durch den Raum schweifen. «… sie geben mir nicht mehr das Gefühl, erfüllend zu sein», beende ich meinen Satz. Doktor Klein nickt verständnisvoll.

«Er erzählt mir von seinen tollen Reisen und dem Leben, das er sich dabei aufgebaut hat.»

«Ich möchte gerne noch einmal auf Ihren Sohn zurückkommen. Was genau tun Sie, wenn Sie Zeit mit ihm verbringen?» «Er erzählt mir von seinen tollen Reisen und dem Leben, das er sich dabei aufgebaut hat.» Ich muss lachen. «Ich habe keine Ahnung, wie er es schafft, so viel unterwegs zu sein und trotzdem ausgeglichen zu wirken. Er sollte sich besser irgendwo dauerhaft niederlassen, nicht wahr?» Mein Arzt blickt mich nachdenklich an. «Ihr Sohn spricht also hauptsächlich von seinen Reisen?» «Genau», antworte ich, ohne zu verstehen, worauf er hinauswill.

«Wann sind Sie denn das letzte Mal gereist?», bohrt er weiter. «Warum wollen Sie das wissen?», frage ich verwundert, und kann dennoch nicht verhindern, dass mein Gehirn bereits versucht, den Zeitpunkt zu ermitteln. Der Doktor zieht eine Augenbraue hoch. «Vertrauen Sie mir», erwidert er. «Ich kann mich nicht erinnern. Das muss wohl schon eine Weile her sein.» «Erinnern Sie sich noch an das Gefühl, das Sie hatten, als sie unterwegs waren?» «Natürlich», antworte ich. «Reisen war … Freiheit. Träume. Ziele. Abenteuer. Glück. Alles, was ich brauche, um glücklich zu sein … Es war alles, was …», ich zögere erneut, bevor ich fortfahre, den Blick in die Ferne gerichtet: «… alles, was ich schon so lange nicht mehr hatte.»

Herr Doktor Klein schliesst seinen Notizblock. «Ich glaube, ich weiss jetzt, was Ihnen helfen würde.» «Tatsächlich?» Ich erhebe mich besorgt von meinem Stuhl. «Aber ich muss doch hoffentlich keine Medikamente nehmen?» «Auf keinen Fall», erwidert der Arzt kopfschüttelnd. «Alles, was Sie im Moment brauchen, sind Ferien.» – «Ferien?», wiederhole ich mechanisch. «Wie meinen Sie das?» «Ganz einfach», erklärt Herr Klein. «Gehen Sie nach Hause, packen Sie Ihre Koffer und reisen Sie an einen fremden Ort. Ich bin überzeugt, dass es Ihnen danach besser gehen wird.»

In Gedanken versunken bleibe ich im Gang stehen. Meine Gedanken wirbeln im Kreis.

«Aber … ich … wie …», ich breche ab. «Sind Sie sicher?» – «Ja», bekräftigt der Doktor. «Und Sie sollten es auch sein.» In Gedanken versunken bleibe ich im Gang stehen. Meine Gedanken wirbeln im Kreis. Ob es wohl ein Wort gibt, das mein Gefühl erklärt? Und wenn ja, warum hat es Doktor Klein nicht erwähnt? Ich will gerade nach meinem Mantel greifen, als mich die braunhaarige Frau im Wartezimmer mit einem Wink zurückhält. «Fernweh», sagt sie. «Wie bitte?», ich blicke die Patientin verwirrt an. «Das Wort, das Ihnen noch gefehlt hat. Es ist Fernweh.»

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