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Züriost-Wettbewerb Schreibstar 2021

Afrika

Von Urs Käser aus Zürich. Der 66-Jährige erhielt im SMS-Voting in der Kategorie «Erwachsene» am viertmeisten Stimmen und erreichte mit seiner Geschichte den 4. Platz des Schreibstar-Wettbewerbs 2021.

Promotion
Freitag, 10. Dezember 2021, 08:00 Uhr Züriost-Wettbewerb Schreibstar 2021
Archivfoto: Waldemar Jauk

Es war einmal … ein Buchfink! Er sass auf dem Zweig einer mächtigen Eiche und knabberte gemütlich an einem Samen herum, den er am Waldrand gefunden hatte. Da, plötzlich, flog ein knallgelbes Ding wie ein Pfeil an ihm vorbei. Der Buchfink erschrak ein wenig und schaute dem Ding ängstlich nach. Ach so, rief er bald erleichtert aus, das ist ja nur der Pirol, mein Nachbar! Der Pirol hatte sich etwas weiter oben im Baum niedergelassen und verdrückte genüsslich eine fette Raupe. «Hallo, Nachbar!», rief der Buchfink jetzt nach oben, «alles in Ordnung?» «Oh ja», antwortete der Pirol und spreizte elegant seine knallgelben Flügel.

«Bist du auch so froh, dass die Zeit des Brütens endlich vorbei ist?», fragte der Buchfink. «Du sprichst mir aus dem Herzen!», seufzte der Pirol. «Das war eine unglaublich anstrengende Zeit, mit den vier ewig hungrigen Jungen im Nest! Vom Morgengrauen bis zum Abendrot waren wir pausenlos unterwegs, um genügend Raupen, Insekten und Spinnen für die Kids zu sammeln. Ich kam ja kaum dazu, selber satt zu werden!» «Mir ging es auch nicht besser», antwortete der Buchfink. «Stell dir vor, wir hatten sogar sechs Junge zu ernähren! Aber Gott sei Dank sind die jetzt ausgeflogen, und wir können uns erholen, in aller Ruhe mausern und auf den Winter warten.»

Autor Urs Käser aus Zürich. (Foto: Gloria Bressan)

«In aller Ruhe, sagst du?», stiess der Pirol entrüstet hervor. «Keine Rede davon. Schon sehr bald muss ich abreisen! Wohl vergessen, kleines Buchfinklein?» «Oha … Tatsächlich. Du gehst ja auf lange Reise, so wie letztes Jahr. Aber sag mal: Warum eigentlich? Ich jedenfalls bleibe gerne den Winter über hier. Ich finde immer genügend Samen zum Fressen, und mein Federkleid schützt mich bestens gegen die Kälte. Wozu also verreisen?»

«Du hast ja gut reden, Kollege!», widersprach der Pirol. «Ich kann mich doch nicht von diesen widerlichen, trockenen Samen ernähren! Nein, ich brauche Insekten, um satt zu werden! Und wo gibt es die wohl hier zu finden, im europäischen Winter? Also muss ich einfach ab in den Süden. Und Mutter Natur hat das sehr weise eingerichtet: Immer gegen den Herbst hin packt mich eine tiefe Sehnsucht, ein Verlangen, abzureisen, der Sonne und der Wärme entgegen. Ein Gefühl, dem ich einfach nicht widerstehen kann. Ich nenne es Fernweh. All mein Denken, all mein Sehnen zieht mich in Richtung Afrika!»

«Tagelang nichts zu fressen und kaum einen Schluck Wasser! Da heisst es durchhalten, aber dann … aber dann bist du am Ziel deiner Träume!»

Der Buchfink schaute skeptisch zum Pirol hoch. «Afrika? Das muss ja schrecklich weit weg sein! Ist die Reise dorthin nicht gefährlich?» «Oh ja, und wie!», erwiderte der Pirol mit einem Hauch von Stolz in der Stimme. «Schon in Frankreich und schlimmer noch in Spanien, da lauern die bösen Vogeljäger. Was meinst du, wie wertvoll so ein wunderschönes, knallgelbes Gefieder wie meines für so einen spanischen Halunken ist?» Der Pirol drehte sich kokett herum und spreizte seine Flügel. «Und kaum hast du Gibraltar überquert, beginnen diese riesige Wüste, die Sahara. Stell dir vor: Tagelang nichts zu fressen und kaum einen Schluck Wasser! Da heisst es durchhalten, aber dann … aber dann bist du am Ziel deiner Träume!»

Der Buchfink riss seine Augen auf. «Am Ziel der Träume? So schön ist es in Afrika?» Der Pirol hatte seine Augen geschlossen und rekelte sich auf seinem Ast. Er schien schon in weiter Ferne zu sein. «Oh ja, so schön», sagte er ganz leise. «Wenn du dich abends, im Licht des purpurroten Sonnenuntergangs, auf deinem Ast zur Ruhe setzt, wiegt dich das unaufhörliche Summen der Zikaden in einen sanften Schlaf. Und wenn du im Zauber der blauen Morgendämmerung aufwachst, hörst du das gleichmässige Getrappel der Antilopenherde, und aus der Ferne erklingt das Brüllen der Löwen und das Schnauben der Elefanten. Wenn du Hunger hast, fliegen dir die leckeren Wanderheuschrecken beinahe direkt in den Schnabel. Wie im Schlaraffenland, sage ich dir!»

«Du bist und bleibst eben ein bescheidener Standvogel.»

«Klingt nicht schlecht», erwiderte der Buchfink und ordnete emsig mit dem Schnabel sein Gefieder. «Aber ich hoffe, du prahlst nicht nur so dahin.» «Also hör mal!», rief der Pirol entrüstet, «ich erzähle doch keine Märchen! Schon fünfmal war ich den Winter über in Afrika und bin überzeugter denn je: Reisen macht das Leben aus! Aber das will wohl nicht in deinen kleinen Finkenkopf. Du bist und bleibst eben ein bescheidener Standvogel. Der kann niemals begreifen, was diese Sehnsucht für einen echten Zugvogel wirklich bedeutet.»

«Werde nur nicht frech!», ereiferte sich jetzt der Buchfink und plusterte sich energisch auf. «Ich habe schliesslich auch meinen Stolz als Standvogel.» «Ist ja gut», beschwichtigte der Pirol. Dann zeigte er mit dem Schnabel nach unten auf die Erde. «Übrigens haben diese zweibeinigen Wesen dort, die sich Menschen nennen, auch so eine Art von Fernweh. Aber weil diese armen Geschöpfe – stell dir das mal vor! – keine Flügel haben, mussten sie spezielle, schrecklich lärmige Maschinen erfinden, in denen sie sich in die Luft erheben und nach Afrika fliegen können.» «Tja», lächelte der Buchfink, «was es nicht alles gibt auf dieser Welt! Ich jedenfalls bleibe hier.»

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