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Kein gemütlicher Zufluchtsort

Pfader, Bähnler, Förster, Bauarbeiter, Fussvolk und französische Offiziere: Sie alle hatten schon mit der Aathaler Franzosenhöhle zu tun - die einen mit Ausgraben, die anderen mit Zuschütten.

Donnerstag, 22. Juli 2010, 09:00 Uhr

Etwa zehn Minuten Fussmarsch vom Bahnhof Aathal weg, in Richtung Uster, liegt gut getarnt im Gestrüpp des Waldes die sogenannte Franzosenhöhle. Mit ihrem Einstieg, der nur gut einen halben Meter hoch ist und ins schwarze Nichts führt, ist sie aber nicht gerade einladend. «Ohne Taschenlampe geht hier gar nichts», meint Andreas Streiff. Der Seegräbner war Journalist bei den «Uster Nachrichten», Mitbegründer des «Seegräbner Boten» und kennt die Gemeinde wie seine eigene Hosentasche.


Eine Lampe hat er keine dabei. Dennoch lässt sich Streiff dem feuchten, mit Laub übersäten Boden entlang in die Dunkelheit gleiten. «Hier drinnen kann man gut stehen», ruft er aus der Dunkelheit. Und tatsächlich, laut den aktuellsten Messungen aus den 1970er Jahren ist die Franzosenhöhle rund zwanzig Meter lang und etwas über zwei Meter hoch. Ein idealer Tummelplatz für kleine und grosse Abenteurer.

Nur durch Zufall entdeckt

Als solcher ist sie denn auch bekannt geworden. Nicht nur Familien und Schulklassen halten sich gerne hier auf. Auch Pfader aus dem ganzen Kanton pilgerten hierher, weiss Streiff: «Für die Stadtpfader fängt oberhalb von Uster eben der Urwald an», meint er lachend. Die Höhle sei ein natürliches Loch im Felsen, das man um 1856/57, beim Bau der Eisenbahn entdeckt habe, sagt der ehemalige Geschichtsstudent Streiff. «Das Loch blieb lange unentdeckt, weil das Geröll, welches von der Talflanke herunterfiel, den Eingang verschüttet hat.»


«Auf die Höhle gestossen ist man beim Aufschütten des Bahndamms für die damalige Glattalbahn», so Streiff. Den dafür benötigten Schotter habe man seitwärts am Hang abgetragen. Später sei dort gar ein Bahnübergang mit Wärterhäuschen entstanden - dieses soll sogar fliessend Wasser gehabt haben. «In der Höhle hatte es zu meiner Jugendzeit ein Eisenrohr am Boden», glaubt Streiff sich zu erinnern und schliesst daraus, dass von hinten in der Höhle Wasser gefasst wurde. «Ob das wirklich stimmt, müsste man nachprüfen. Wenn unter dem Geröll, das seither von der Decke gekommen ist, tatsächlich ein Eisenrohr liegt, dann wird es wohl stimmen.»

«Ein kleines, unbedeutendes Loch»

Die Bahnübergänge wurden in den 1970er Jahren aufgehoben. An deren Stelle wurde ein Flurweg geschaffen, mit welchem das Unteraatal bis an die Ustermer Gemeindegrenze erschlossen wurden. Dafür wurde ein Stück der Felsnase an der Talflanke abgebrochen und mit dessen Schutt die Höhle wieder verschüttet - absichtlich. Denn die SBB wollten es so.


«Sie hatten Angst, es könnten Unfälle passieren, und wollten nicht dafür haften», erkläutert Streiff die Argumentation der SBB. Rückendeckung bekamen sie durch den damaligen Förster, dem die spielenden Kinder ein Dorn im Auge waren. «Er wollte den in der Nähe fliessenden Bach so leiten, dass ihm seine Bäume nicht ertrinken, doch die Kinder hatten für das Gewässer andere Pläne.» Buben hätten den Bach immer wieder gestaut und umfliessen lassen, was dem Förster offenbar nicht gefiel. In seiner offiziellen Begründung schrieb dann auch der Gemeinderat von einem «kleinen, unbedeutenden Loch». «In der ganzen Region verstand man diese Bezeichnung als Beleidigung», so Streiff. Deshalb hätten einige Lehrer mit den Kindern die Höhle wieder freigeschaufelt und damit den natürlichen Spielplatz wieder hergestellt.


Einen Spielplatz, um den sich einige Historien ranken, mündlich überliefert, aber nie offiziell bestätigt. Berühmt gemacht hatte die Aathaler Franzosenhöhle eine Geschichte des WWF. Dieser schuf einen Radwanderweg entlang dem zukünftigen Trassee der Oberlandautobahn. Und da dieses nur gerade etwa 200 Meter an der Höhle vorbeiführen würde, fand es Eingang in den Radwanderweg.

WWF klaut Geschichte im Tösstal

Will man der Geschichte des WWF Glauben schenken, dann hat sich dort ein verwundeter französischer Offizier versteckt, um nicht von den Russen und Österreichern übermannt zu werden. Doch im Schutz der Höhle hat er den Feldzug gut überstanden. «Diese Geschichte stimmt aber mit Sicherheit nicht», widerspricht Andreas Streiff vehement. «Zur Franzosenzeit anno 1799 war diese Höhle noch verschüttet.» Die Geschichte könne also gar nicht stimmen und gehöre eigentlich zur Christelis-Höhle im Tösstal.


Tatsächlich kam die Franzosenhöhle wohl erst 1940/41 zu ihrem Namen: «Damals sollte das 45. Armeekorps von General Daille durch die Schweiz marschieren», so Streiff. Es hätte die Maginot- Linie (Verteidigungslinie der Franzosen gegen Hitler) nach Süden verlängern sollen. Dies für den Fall, dass Hitler von Osten her gekommen wäre, um die Maginot-Linie südlich umfassen zu können. Dailles Truppen hätten Hitler in der Schweiz stoppen müssen - und die Schweiz wäre zum Schlachtfeld geworden. So weit sollte es aber nicht kommen, denn Hitler durchbrach die Maginot-Linie von Norden her - viele Franzosen wurden in die Schweiz abgedrängt.

Wackere Polen - faule Franzosen

Rund 12 000 Polen und Franzosen seien interniert worden, weiss Streiff. «Dazu gehörte auch der Vater von SP- Ständerat Claude Janiak.» Hier habe man die Internierten auf verschiedene Lager in der Gegend verteilt. Ein Grossteil sei in der Spinnerei Schuler in Unterwetzikon einquartiert worden. Im Rahmen der Anbauschlacht mussten die Internierten auf den verschiedenen Bauernhöfen helfen - was nicht allen gleich gut zu gefallen schien.

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«Während die Polen den Ruf hatten, fleissig und brav zu sein, galten die Franzosen als Drückeberger», so Streiff. Um sich vor der Arbeit zu drücken, hätten sie sich in der Höhle im Aatal versteckt. «Man munkelt, dass in dieser Zeit vermehrt Hühner von den Bauernhöfen verschwunden sind.» Es sei davon auszugehen, dass sich die Franzosen von diesen Hühnern und deren Eiern ernährt haben.


«Ich habe diese Geschichte 1979 im ‹Seegräbner Boten› aufgeschrieben», erinnert sich der damalige Journalist. Er habe vor allem an deren Schluss besonderen Gefallen gefunden: «Während die Polen noch bis nach dem Krieg schuften mussten, wurden die Franzosen bereits nach wenigen Monaten repatriiert.» Bis man die Drückeberger in der Höhle entdeckt habe, seien ihre Kameraden schon längst wieder zu Hause gewesen. «Ich weiss nicht, ob sich das wirklich so zugetragen hat, aber die Idee gefällt mir», meint Streiff mit einem verschmitzten Lachen.

Für Gemeinde nicht von Bedeutung

Trotz der bewegten Vergangenheit fand die Franzosenhöhle keinen Einzug in die Heimatkundebücher. «Die Höhle war nur für die Buben interessant», bestätigt Streiff die geringe Bedeutung der Höhle für die Gemeinde. Viel wichtiger sei der Felsunterstand weiter oben an der Franzosenhöhle. Dort habe man prähistorische Bodenfunde gemacht.


«Natürlich könnte man weiterforschen», so Streiff. Sollte man auch in der Höhle weiter fündig werden, habe man die Geschichte des Menschen über 4000 Jahre dokumentiert - und das an einem Ort. «Das wäre eine Sensation», sagt Streiff, zieht den Kopf ein und kriecht umständlich aus dem dunklen Loch wieder empor in den Aathaler «Urwald».

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