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«Selbstfahrende Autos würden den Verkehr in Zürich wohl lahmlegen»

Talk-Reihe «Wissenschaft persönlich» in Winterthur

«Selbstfahrende Autos würden den Verkehr in Zürich wohl lahmlegen»

Es wird noch zehn Jahre dauern, bis die Technologie selbstfahrender Autos wirklich strassentauglich ist, sagt der Berner Autoforscher Bernhard Gerster. Kürzlich war er Gast bei der Talk-Reihe «Wissenschaft persönlich» in der Stadtbibliothek Winterthur.

Redaktion
Züriost
Donnerstag, 06. Dezember 2018, 15:24 Uhr Talk-Reihe «Wissenschaft persönlich» in Winterthur

Das folgende Interview mit Bernhard Gerster, Leiter der Abteilung Automobiltechnik der Berner Fachhochschule, entstand im Rahmen der Talk-Reihe «Wissenschaft persönlich» in der Stadtbibliothek Winterthur.

Haben Sie ein selbstfahrendes Auto?

Bernhard Gerster: Nein, ich besitze selbst keines, fahre aber regelmässig autonome Autos. Ich weiss, was diese Autos mit ihren Sensoren sehen und was nicht.

«In der Schweiz und fast allen Ländern ausser den USA ist es verboten, ein Auto ganz selbst fahren zu lassen.»

Sollten diese Autos also noch nicht zugelassen werden?

Sie sind ja zugelassen, aber nicht zum autonom Fahren. Das darf man nur auf bestimmten Teststrecken. In der Schweiz und fast allen Ländern ausser den USA ist es verboten, ein Auto ganz selbst fahren zu lassen. Grundsätzlich braucht es sehr strenge Zulassungsbedingungen für solche Fahrzeuge. Wenn ein Mensch die Fahrprüfung macht, erhält er sein Permis, weil er das notwenige Mass an Erfahrung hat. In den ersten Jahren als Lenker wird er dann immer besser. Lässt man selbstfahrende Autos zu, kommt dann aber nicht ein einzelnes davon auf die Strasse, sondern zehntausende gleichzeitig.

Google sagt aber, dass seine Autos sicherer sind als menschliche Fahrer.

Natürlich widerspricht mir Google in diesem Punkt. Die Firma hat ja auch ein Produkt zu vermarkten.

Der ganze Talk mit Berhard Gerster im Video. (Video: Youtube/higgs.ch)

Aber im Gegensatz zu menschlichen Fahrern, die alle ihre Erfahrung einzeln sammeln müssen, profitieren autonome Autos von deren Vernetzung. Alle Google-Autos zusammen wissen viel mehr als ein einzelnes.

Ja, in dem Umfeld, in dem sie trainiert wurden. In Amerika ist das Fahren aber viel entspannter. In Zürich würden die Google-Autos den Verkehr wohl komplett zum Stillstand bringen.

Die Autos der Firma Waymo, die aus den selbstfahrenden Google-Autos hervorging, fahren jeden Tag 40'000 Kilometer autonom. Dabei sammeln sie eine Unmenge von Daten über ihre Umgebung, mit denen sie ihre Computersysteme trainieren. Andere Autos, Velos und Fussgänger werden so immer genauer erkannt. Wieso vertrauen Sie der Technologie nicht?

Die Technologie ist noch nicht so weit. Und sie funktioniert ganz anders als wir Menschen. Wir  sind wahnsinnig gut darin, auf der Basis unvollständiger Daten zu entscheiden. So können wir recht zuverlässig voraussagen, was in den fünf nächsten Sekunden im Strassenverkehr geschehen wird. Wir wissen einfach, worauf wir achten müssen. Das sind vielleicht die drei Autos vor uns und die zwei hinter uns. Im Gegensatz dazu muss ein autonomes Auto ständig die gesamte Umgebung überwachen und analysieren. Dabei kann schon eine kleine Abweichung von der erlernten Norm dazu führen, dass ein Passant nicht mehr erkannt wird. Etwa, wenn er einen grossen Gegenstand mit sich trägt.

«Die Technologie wird kommen, keine Frage.»

Was halten Sie vom ersten selbstfahrenden Schweizer Postauto in Sion?

Das Prinzip dieses Postautos ist anders als das von Googles Autos: Es hat eine fixe Strecke einprogrammiert und benutzt Sensoren nur dazu, um festzustellen, ob sich ein Hindernis in der Fahrbahn befindet. Da kann es aber auch vorkommen, dass es nicht mehr weiterfährt, weil ein Blättchen auf die Fahrbahn fällt.

Da scheinen die Google-Autos viel weiter zu sein. Sie können sogar Handzeichen von Polizisten erkennen.

Na ja, so zuverlässig sind sie auch nicht. Sie haben auch schon Bussen kassiert, weil sie den gesamten Verkehr aufhielten. Ein Google-Auto hielt an, weil das Gras ein bisschen auf die Fahrbahn gewachsen war. Das Auto hielt sich viel zu genau an die Verkehrsregeln und traute sich nicht, ein paar Zentimeter über eine Linie zu fahren.

Dann muss man den selbstfahrenden Autos erlauben, Verkehrsregeln zu verletzen?

Ja, das tun wir Menschen ja auch ständig, und es macht auch Sinn. Wenn es zum Beispiel irgendwo plötzlich eng wird, weil ein Lastwagen am Strassenrand steht, ist es doch vernünftiger, ein paar Zentimeter über eine durchgezogene Linie zu fahren, anstatt den ganzen Verkehr hinter sich aufzuhalten. Da gibt es für die selbstfahrenden Autos schon noch ein paar Probleme zu lösen.

Dann sehen Sie gar keine Zukunft für selbstfahrende Autos?

Doch, schon. Die Technologie wird kommen, keine Frage. Aber es geht nicht ganz so schnell, wie uns die Marketingabteilungen von Google & Co. weis machen wollen. Ich denke, in zehn Jahren sind wir soweit. (Interview von Beat Glogger)

 

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