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«Wir schalten nicht einfach die Kernkraftwerke ab und schauen, was passiert»

Talk-Reihe «Wissenschaft persönlich» in Winterthur

«Wir schalten nicht einfach die Kernkraftwerke ab und schauen, was passiert»

Die Schweiz hat beschlossen, bis 2050 aus der Atomenergie auszusteigen und dafür mehr erneuerbare Energiequellen zu nutzen. Wie das in der Praxis funktionieren kann, daran forscht die ETH-Elektroingenieurin Gabriela Hug. Kürzlich war sie Gast bei der Talk-Reihe «Wissenschaft persönlich» in der Stadtbibliothek Winterthur.

Redaktion
Züriost
Freitag, 09. November 2018, 13:09 Uhr Talk-Reihe «Wissenschaft persönlich» in Winterthur

Das folgende Interview mit Gabriela Hug, Elektroingenieurin an der ETH Zürich, entstand im Rahmen der Talk-Reihe «Wissenschaft persönlich» in der Stadtbibliothek Winterthur.

Reicht der Strom aus Wasser-, Sonnen- und Windkraftwerken, um die ganze Schweiz zu versorgen?

Gabriela Hug: Die Technik dazu ist definitiv vorhanden. Aber wir müssen ausrechnen, wie viel von welcher Energie schlussendlich nötig ist, damit wir die Atomkraftwerke mit erneuerbaren Energiequellen ersetzen können. Die Kapazitäten von Wind- und Sonnenkraftwerken sollten definitiv höher ausgelegt sein als die eines Atomkraftwerkes, weil Wind und Sonne bei schlechtem Wetter und in der Nacht nicht verfügbar sind.

Ist für die Energiewende auch ein Ausbau der Netze nötig?

Das hängt stark davon ab, wie viel Strom wir aus dem Ausland importieren anstatt diesen selber zu produzieren. Wenn wir mehr importieren als heute, wird es einen Ausbau brauchen. Aber auch wenn wir den Strom dezentral erzeugen, einspeisen und verbrauchen, muss das Netz angepasst werden. Allerdings wird sich der Umbau in Grenzen halten, weil die erneuerbaren Energien lokaler produziert und verbraucht werden.

«Ein Hauptproblem ist, dass wir bei Sonne- und Windenergie nicht beeinflussen können, wie viel wann erzeugt wird.»

Wie wichtig werden Batterien, die am Netz angeschlossen sind?

Batterien wie auch andere Speicher werden eine wichtige Rolle spielen. Einerseits kleine Batteriespeicher, die Hausbesitzer bei sich installieren – beispielsweise in Kombination mit einer Solaranlage auf dem Dach. Andererseits wird es grosse Anlagen geben. Zwei solche haben die Elektrizitätswerke des Kantons Zürich (EKZ) bereits gebaut, eine in Dietikon, eine in Volketswil. Diese Speicher versorgen nicht direkt Haushalte, sondern gleichen Leistungsschwankungen im Netz aus.

Was wird aus Ihrer Sicht die grösste Herausforderung für unser Stromnetz sein?

Ein Hauptproblem ist, dass wir bei Sonne- und Windenergie nicht beeinflussen können, wie viel wann erzeugt wird. Grenzen setzen der Tag- und Nachtwechsel, Wolken und Wetter. Dabei die Balance zwischen Produktion und Verbrauch zu halten, ist schwierig.

Der ganze Talk mit Gabriela Hug im Video. (Video: Youtube/higgs.ch)

Wie wollen Sie das lösen?

Eine Möglichkeit ist, mit möglichst genauen Wetterprognosen vorauszusagen, wann wie viel Solar- oder Windstrom anfallen wird. Wenn sich das planen lässt, können wir im Netz entsprechende Vorkehrungen treffen, damit es zu keiner Überlastung oder Unterversorgung kommt.

Bei der Wettervorhersage gibt es doch immer Unsicherheiten.

Ja, und es wäre nicht nur notwendig vorherzusagen, wie viel Strom erzeugt wird, sondern auch wie stark man sich auf die Vorhersage verlassen kann. Wahrscheinlichkeitsrechnung spielt da eine grosse Rolle. Hier wird sehr viel Planung dahinter stecken. Wir schalten nicht einfach die Kernkraftwerke ab und schauen dann mal, was passiert.

«Für Kaffee geben wir wahrscheinlich mehr Geld aus als für Strom.»

Bei der Steuerung des Netzes soll das sogenannte «Smart Grid» eine wichtige Rolle spielen, ein schlaues Stromnetz, das weiss, welcher Konsument gerade wie viel Strom benötigt. Damit weiss es aber sehr viel über jeden einzelnen.

Das stimmt. Wenn man sehr genau messen kann, welcher Haushalt wann wie viel Strom verbraucht, kann man daraus schliessen, was die Bewohner gerade tun. Das Netz kann aus dem Stromverbrauch zum Beispiel herauslesen, ob Sie in den Ferien sind oder nicht. Deshalb ist die Privatsphäre im Smart Grid ein wichtiges Thema. Man muss das aber in Relation sehen: Die meisten Menschen geben auf Facebook tiefere Einblicke in ihr Privatleben als über das Stromnetz.

Aber dort geschieht es freiwillig. Im Stromnetz hat der Staat Einblick in meine Lebensweise. Rechnen Sie mit Widerstand gegen das Smart Grid?

In der Schweiz sehen wir das bisher kaum. In anderen Ländern sieht es aber anders aus. Ein Kollege aus Frankreich hat mir kürzlich ein Foto geschickt von Leuten, die gegen Smartmeter demonstrieren. Das sind die Geräte, die den Stromverbrauch der Haushalte genau messen können.

Eine Umfrage zeigte kürzlich, dass die meisten Leute gar nicht wissen, wie hoch ihre Stromrechnung ist. Wie hoch ist Ihre?

Jetzt haben Sie mich ertappt! Ich glaube wir zahlen alle zwei – oder sind es drei? – Monate eine Pauschale von 170 Franken. Aber im Ernst: Das zeigt genau das Problem auf. Für die meisten von uns ist Strom kein Budgetposten, der weh tut. Für Kaffee geben wir wahrscheinlich mehr Geld aus als für Strom. (Interview von Beat Glogger)

 

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