×

«Naturbelassenheit ist ein zu romantischer Begriff»

Talk-Reihe «Wissenschaft persönlich» in Winterthur

«Naturbelassenheit ist ein zu romantischer Begriff»

Als Direktor des Forschungsinstituts für Biologischen Landbau hat Urs Niggli jahrelang für eine umweltgerechte Landwirtschaft gekämpft. Und er beginnt sich immer mehr zu fragen, ob moderne biotechnische Methoden nicht auch zu Bio passen würden. Kürzlich war er Gast bei der Talk-Reihe «Wissenschaft persönlich» in der Stadtbibliothek Winterthur.

Redaktion
Züriost
Dienstag, 09. Oktober 2018, 15:22 Uhr Talk-Reihe «Wissenschaft persönlich» in Winterthur

Das folgende Interview mit Urs Niggli, Direktor des Forschungsinstituts für Biologischen Landbau in Frick, entstand im Rahmen der Talk-Reihe «Wissenschaft persönlich» in der Stadtbibliothek Winterthur.

Was ist Bio für Sie?

Urs Niggli: Der biologische Landbau ist das einzige Anbausystem, das weltweit gesetzlich gleich streng geregelt ist. In China versteht man unter Bio dasselbe wie in der Schweiz. Das ermöglicht einen internationalen Austausch von Produkten – die Bio-Märkte sind die internationalsten, die es gibt. Vom Wesen her ist Bio aber viel mehr als ein Gesetz. Es ist ein System, das in Kreisläufen funktioniert. Und Bio folgt dem Prinzip der Vielfalt. Diese reicht bis in den Acker hinein, wo der Bio-Bauer keine wirksame Unkrautbekämpfung macht. Auf dem Unkraut leben Insekten, diese werden von Vögeln gefressen, und so schliesst sich hier ein Kreislauf. Und dann verzichtet Bio auf unnatürliche Stoffe, die der Mensch hergestellt hat – zum Beispiel Kunstdünger und chemisch-synthetische Pflanzenschutzmittel.

Warum?

Ursprünglich war das eigentlich ein blosses Bauchgefühl der Biobauern. Sie gingen davon aus, dass man mehr Probleme schafft als löst, wenn man künstliche chemische Stoffe auf die Felder ausbringt. Unsere wissenschaftlichen Untersuchungen haben dieses Gefühl in der Zwischenzeit vielfach bestätigt.

«Das Auslösen von Mutationen im Erbgut ist in der Natur nichts Besonderes.»

Die Biobauern brauchen keinen Kunstdünger, keine Pestizide, lassen das Unkraut stehen – und doch verkaufen sie die Produkte teurer. Weshalb?

Weil sie weniger Erträge haben. Zudem sind gewisse im Biolandbau zugelassene Hilfsstoffe teurer als chemische Präparate, etwa Nützlinge oder Pflanzenextrakte, die die Biobauern gegen Krankheiten spritzen. Und schliesslich hat der Bauer viel mehr Arbeit. Wenn man eine Hektare Land mit einem Herbizid spritzt, ist das in dreissig Minuten getan. Der Biobauer hingegen wendet im Schnitt etwa 50 Stunden für die Unkrautbekämpfung auf derselben Fläche auf.

Der ganze Talk mit Urs Niggli im Video. (Video: Youtube/higgs.ch)

Sehen Sie einen Einsatz für Gentechnik in der Bio-Landwirtschaft?

Nein. Der ganzheitliche Ansatz im Bio-Landbau bedeutet auch, dass man das Erbgut eines Lebewesens so belassen soll, wie es ist. In das Image der Naturbelassenheit, das Bio hat, passt Gentechnik nicht.

So naturbelassen ist das Erbgut von Bio-Pflanzen aber auch nicht. Bei der Züchtung von Pflanzen verändert es sich teilweise stark.

Das stimmt. Die Arten und Sorten, die IP- und Biobauern heute anbauen, haben mit ihren natürlichen Verwandten etwa so viel zu tun wie eine Apple Watch mit einer Sonnenuhr. Aber Naturbelassenheit ist sowieso ein sozialromantischer Begriff. Ohne Technik und Technologie würden wir hier heute in einem Buchenwald von Pilzen und Buchennüssen leben, aber nicht von Weizen, Mais oder Kartoffeln.

«Die Arten und Sorten, die IP- und Biobauern heute anbauen, haben mit ihren natürlichen Verwandten etwa so viel zu tun wie eine Apple Watch mit einer Sonnenuhr.»

Seit wenigen Jahren gibt es die neue molekularbiologische Methode CRISPR/Cas, mit der ganz präzise – ohne das Einschleusen artfremder Gene – Eingriffe ins Erbgut von Pflanzen oder Tieren gemacht werden können. Sehen Sie dafür eine Einsatzmöglichkeit in der biologischen Landwirtschaft?

Das Auslösen von Mutationen im Erbgut ist in der Natur nichts Besonderes. Es passiert dauernd, auch ohne Züchtung, jedes Jahr zehntausendfach in jedem Organismus. Vor langer Zeit hat der Mensch entdeckt, dass er diese natürlichen Mutationen ausnutzen kann, indem er nur diejenigen Pflanzen oder Tiere weitervermehrt, die die besten Eigenschaften haben. Im letzten Jahrhundert hat er dann entdeckt, dass man durch gezielte Kreuzung schneller zu neuen Pflanzen kommt. Dann hat der Mensch begonnen, den natürlichen Mutationsprozess stark zu beschleunigen, indem er die Pflanzen mit Chemie und radioaktiver Strahlung behandelte und so die Mutationsraten erhöhte. Durch Bestrahlung, die man bis 1990 anwandte, entstanden weltweit etwa 8000 neue Sorten.

Auch Biosorten.

Ja, viele dieser Sorten waren so gut, dass auch Biobauern damit weiterzüchteten. Und mit CRISPR/Cas sind wir nun noch einen Schritt weiter. Die Methode muss keine artfremden Gene einbringen, sondern verändert einzelne Stellen im pflanzeneigenen Genom. Genauso wie das natürliche Mutationen tun – einfach viel präziser. Als Naturwissenschaftler sage ich deshalb: Ja, CRISPR/Cas ist bisher die beste Methode, wie man Mutationen auslösen kann. (Interview von Beat Glogger)

 

Produced by: higgs.ch – das Magazin für alle, die es wissen wollen
Iniciated by:

Kommentar schreiben

Kommentar senden