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«Wenn LSD das Potenzial hat, Krankheiten zu lindern, dann müssen wir das untersuchen»

Talk-Reihe «Wissenschaft persönlich» in Winterthur

«Wenn LSD das Potenzial hat, Krankheiten zu lindern, dann müssen wir das untersuchen»

Die Droge LSD erfährt ein Revival – in der Forschung. Es gibt Hinweise, dass die Substanz bei psychischen Erkrankungen helfen könnte. Der Basler Arzt und Forscher Matthias Liechti will es genau wissen. Kürzlich war er Gast bei der Talk-Reihe «Wissenschaft persönlich» von Beat Glogger in der Stadtbibliothek Winterthur.

Redaktion
Züriost
Dienstag, 11. September 2018, 16:57 Uhr Talk-Reihe «Wissenschaft persönlich» in Winterthur

Das folgende Interview mit Matthias Liechti, der als Stellvertretender Chefarzt für Klinische Pharmakologie am Universitätsspital Basel arbeitet, entstand im Rahmen der Talk-Reihe «Wissenschaft persönlich» in der Stadtbibliothek Winterthur.

Sie erforschen, ob LSD bei psychischen Erkrankungen wirkt. Weitere Forschungsgruppen im In- und Ausland widmen sich seit etwa fünf Jahren derselben Frage. Warum ist die alte Droge LSD plötzlich wieder in Mode?

Matthias Liechti: Lange hat sich niemand getraut, damit zu arbeiten. Zwar war es in der Schweiz nicht explizit verboten, LSD zu erforschen, aber vor 20 Jahren hätte keine Forschungsgruppe das therapeutische Potential einer Droge untersuchen können. Man konnte höchstens damit forschen, wenn man zeigen wollte, wie gefährlich die Substanz ist. Heute ist es anders. Gegenwärtig entwickelt beispielsweise eine Non-Profit-Organisation aus Ecstasy ein Medikament – mit einem 25-Millionen-Budget. Und zwei Firmen wollen Psilocybin zu einem Medikament zur Behandlung von Depressionen entwickeln. Psilocybin ist der halluzinogene Inhaltsstoff der sogenannten Zauberpilze und wirkt vermutlich gleich wie LSD.

Wie weit ist die Forschung mit LSD bei Patienten?

Bisher gibt es alte Studien aus den 50er und 60er Jahren. Dort fehlen aber viele Daten, zum Teil wurden die Versuche auch nicht sauber durchgeführt. Weiter gibt es eine neue Pilotstudie. Bei Angstpatienten sah man mit LSD zwar einen therapeutischen Effekt. Aber es fehlte eine Kontrollgruppe. Daher könnte es auch sein, dass die Patienten so stark an eine Wirkung glaubten, dass diese dann auch eintrat. Deshalb wird heute in einer klinischen Studie der Wirkstoff immer mit einem Placebo verglichen. Allerdings ist das mit halluzinogenen Substanzen nicht so einfach, denn die Patienten merken ja am Trip sofort, ob sie LSD oder nur eine Tablette ohne Wirkung erhalten haben.

«Früher konnte man höchstens damit forschen, wenn man zeigen wollte, wie gefährlich die Substanz ist. Heute ist es anders.»

Welche Krankheit haben die Patienten Ihrer Studie?

Wir untersuchen in Basel aktuell nur Gesunde, um die Wirkung des LSD genauer kennenzulernen. Aber wir sind auch beteiligt an Studien mit Menschen, die an einer schweren Krankheit wie Krebs leiden und wissen, dass sie daran sterben werden. Viele dieser Patienten leiden zusätzlich an Ängsten. Diese interessieren uns. Es gibt Hinweise, dass LSD solchen Angstpatienten helfen kann. Unsere Studie ist nun grösser und professioneller angelegt als die früheren Untersuchungen: Wir arbeiten mit 40 Patienten und machen eine Placebokontrolle. Bis jetzt wissen wir aber nicht, ob LSD gegen die Ängste tatsächlich wirkt. Ergebnisse werden wir in drei Jahren haben.

Wie laufen klinische Versuche mit LSD ab?

Bevor wir beginnen, kranke Menschen mit LSD zu behandeln, haben wir das LSD an Gesunden getestet, um schlimme Nebenwirkungen auszuschliessen und um herauszufinden, was sich im Gehirn während des Trips verändert. Die Versuchspersonen wählten wir sehr genau aus. Sie dürfen an keinen psychiatrischen Krankheiten leiden. Und wir bereiteten sie auf das Experiment vor. Wir sagten ihnen, was alles passieren könnte, was sie Schönes oder weniger Schönes erleben könnten. Dann müssen die Patienten während dem Versuch den ganzen Tag und die ganze Nacht im Spital bleiben. Sie sind nie alleine. Sogar wenn sie aufs WC gehen, müssen sie die Tür unverschlossen lassen, und ein Arzt wartet davor.

«Es gibt im Gehirn etwa zwölf Netzwerke aus Nervenzellen, die untereinander kommunizieren. Wenn man LSD nimmt, lösen sich diese Netze auf, und alles verbindet sich neu.»

Der Effekt von LSD findet ja im Kopf der Probanden statt. Wie erfuhren Sie, wie es den Leuten während des Versuchs geht?

Indem wir sie fragten. Die Probanden füllten während des Versuchs Fragebögen aus und machten Tests am Computer. Zum Beispiel mussten sie die Emotionen in Gesichtern erkennen. Erstaunlich ist, dass die Probanden nicht etwa nur noch Fratzen sehen, sondern die Gesichtsausdrücke genau zuordnen konnten – wobei ihnen dies bei positiven Emotionen besser gelingt als bei negativen. Zusätzlich machten wir während des Experiments in einem Magnetresonanztomographen Bilder vom Gehirn der Probanden. So sahen wir, wie die verschiedenen Gehirnregionen unter dem Einfluss von LSD funktionieren, und was sich verändert.

Was sehen Sie?

Es gibt im Gehirn etwa zwölf Netzwerke aus Nervenzellen, die untereinander kommunizieren. Wenn man LSD nimmt, lösen sich diese Netze auf, und alles verbindet sich neu. Plötzlich sprechen Hirnareale mit andern, die vorher nichts miteinander zu tun hatten. Ich vergleiche das mit einer Firma, in der jede Abteilung normalerweise ziemlich isoliert ist. Aber eines Tages geht die ganze Firma auf einen Betriebsausflug, und plötzlich redet jeder mit jedem. Die Leute erleben zusammen etwas Schönes und Prägendes. Das kann für später einiges verändern. Plötzlich grüsst vielleicht der CEO einen Mitarbeiter auf dem Gang, was er vorher nicht getan hätte. Eine solche nachhaltige Wirkung könnte es auch bei LSD und anderen psychoaktiven Drogen geben. Wir sehen im Hirnscan auch, dass zum Beispiel in einem Gehirnareal, das bei Depressionen eine Rolle spielt, eine langfristige Veränderung stattfindet – man geht davon aus, dass dort das Grübeln und Gedankenkreisen stattfindet. LSD könnte diesen Kreislauf unterbrechen.

Sie haben selbst LSD genommen. Wie war es?

In der Schweiz kann man LSD nicht legal konsumieren. Allerdings habe ich im Rahmen von wissenschaftlichen Versuchen als Proband zwei, drei verschiedene Substanzen versucht. Ich erlebte Ähnliches wie andere: Muster, die von Musik bewegt werden, oder die Verschmelzung verschiedener Sinne. Aber was ich persönlich dabei erlebt habe, ist nicht so wichtig für meine Forschung. Mir geht es ja nicht um Einzelerlebnisse, sondern um mögliche Effekte bei ganzen Gruppen, die kranken Menschen helfen können. Interview von Beat Glogger

 

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