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Gesellschaft
Anita und Philemon Roth lächeln vor einem Busch in die Kamera

Philemon und seine Schwägerin Anita Roth setzen sich in der Gemeinde für ukrainische Geflüchtete ein. Lina Vogelsanger

Geflüchtete in Wila

«Zu Beginn war da eine enorme Euphorie»

Seit Februar 2022 haben sich viele Oberländer für Ukrainische Geflüchtete eingesetzt. Einfach ist diese Aufgabe nicht, weshalb in Wila bereits nach neuen Lösungen gesucht wird.

Philemon und seine Schwägerin Anita Roth setzen sich in der Gemeinde für ukrainische Geflüchtete ein. Lina Vogelsanger

Veröffentlicht am: 19.01.2023 – 13.39 Uhr

«Die meisten Gespräche mit ihnen führe ich mittlerweile über den Google-Übersetzer», sagt Philemon Roth. Er und seine Schwägerin Anita setzen sich für Geflüchtete aus der Ukraine ein. Dafür wurden Sie anfangs Jahres auch vom Wilemer Gemeinderat ausgezeichnet.

Relativ früh haben sich die beiden entschieden, Ukrainerinnen und Ukrainern in der Schweiz zu helfen – auf verschiedene Weisen. Bei Anita Roth zog im Mai letzten Jahres die junge Mutter Lena mit ihrer Tochter Vlada in das Dachzimmer.

Ukrainische Mitbewohner

«Ich hatte von Beginn weg das Gefühl, dass es meine Pflicht sei zu helfen», meint Anita Roth. Sie spricht fliessend Russisch, was die Kommunikation mit den Geflüchteten enorm vereinfache. «Für mich war Lena wie eine Freundin. Sie unterstützte mich im Haushalt, während ich hochschwanger war.»

Drei Monate wohnten die beiden Ukrainerinnen bei Familie Roth. Danach zog sie mit ihrer Cousine in eine von der Gemeinde zur Verfügung gestellte Wohnung. «Am Schluss wurde es im Haus doch sehr eng», sagt Anita Roth.

Zu Beginn war da eine enorme Euphorie.

Philemon Roth, Wilemer

Ihr Schwager Philemon engagiert sich anders. «Ich habe vier jugendliche Kinder und zu wenig Platz, um eine ukrainische Familie aufzunehmen», meint er. Der Sozialpädagoge war früher Teil der Wilemer Sozialfürsorge. Nach dem Kriegsausbruch bot er der Gemeinde deshalb seine Hilfe an.

Schwindendes Engagement

Mittlerweile sind beide fest eingespannt. Philemon Roth richtet leerstehende Sozialwohnungen ein. Anita Roth hilft den Ukrainerinnen und Ukrainern, sprachliche Barrieren zu überwinden.

«Zu Beginn war da eine enorme Euphorie. Die gesamte Bevölkerung wollte helfen», meint er. Später sei vielen die Puste ausgegangen.

Man sieht vier Personen und ein Kind am Neujahrsempfang in Wila.
André Gutzwiller

Die beiden glauben aber nicht daran, dass das Engagement der Wilemer Bevölkerung generell abgenommen hat. «Ich kann mir gut vorstellen, dass viele gerne helfen würden, aber nicht wissen wie», meint Anita Roth. Andere hätten es versucht, aber wieder aufgeben müssen.

«Die gesamte Gesellschaft hat sich anfangs auf eine gute Art verschätzt», meint sie. Viele seien davon ausgegangen, das Zusammenleben werde einfach. Schliesslich würden Ukrainer auch westlich aufwachsen. «Und doch ist die Kultur so anders», fügt sie hinzu.

Wir können das nicht mehr alleine tun.

Anita Roth, Wilemerin

Trotzdem gebe es viele Wege, wie man die Geflüchteten einfach in die Gesellschaft integrieren könne. «Man könnte sie zum Essen einladen, mit den ukrainischen Kindern Spiele spielen oder einfach an der Kasse zwei Sätze austauschen», sagt Anita Roth.

Manchmal brauche es mehrere Einladungen und viel Geduld. «Wir müssen daran denken, dass es manchmal auch schwer ist, sich helfen zu lassen.»

Dazu brauche es aber mehr Menschen, die aktiv werden. «Wir können das nicht alleine tun», so die zweifache Mutter. Es sei dringend ein Netzwerk von Helfenden nötig.

Vom Krisen- zum Alltagsmodus

Das findet auch der Wilemer Gemeinderat für Soziales und Gesundheit, Michael Hutzli (parteilos). Gemeinsam mit den Roths grübelt er über mögliche strukturelle Veränderungen nach.

Denn die Menschen seien mittlerweile nicht mehr gleich sensibilisiert, wie zu Beginn. «Täglich wurden wir in den Medien mit neuen Informationen versorgt, sodass der Ukraine-Krieg zu einer Art Begleiterscheinung wurde.»

Die proaktive Hilfe der Wilemer Bevölkerung werde immer weniger. «Das musste man aber erwarten», meint Hutzli.

Die Zeit, in der man einfach funktioniert, muss nach einem Jahr ein Ende haben.

Michael Hutzli, Gemeinderat

Es sei deshalb dringend nötig, dass zielführende und finanziell verträgliche Lösungen gefunden werden. Für konkrete Vorschläge sei es aber noch zu früh.

Ein zentraler Punkt sei hierbei der Übertritt aus dem Krisen- in den Alltagsmodus. «Die Zeit, in der man einfach funktioniert, muss nach einem Jahr ein Ende haben.» Prozesse, Aufgaben und Verantwortungen müssten geregelt werden. Auch die Koordination der Hilfsgüter gehöre dazu.

Damit verbunden seien eben auch die persönlichen und zeitlichen Ressourcen der ehrenamtlichen Helferinnen und Helfer. «Wir müssen uns bewusst sein, dass dieses wertvolle Gut endlich sein wird und dass Stress- und Belastungsgrenzen irgendwann erreicht sind.»

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