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«#4_Wände»-Beilage

Ein Dorfkern mit Charme und viel Geschichte

Das Schurterhaus prägt seit gut 300 Jahren neben dem Gasthof Sternen den Dorfkern von Wangen. Einst ein Bauernhaus, wurde es später wiederholt zur Poststelle – und zu einem Treffpunkt im Zentrum. Dies soll das historische Gebäude auch in Zukunft bleiben.

Lennart
Langer
Dienstag, 13. September 2022, 18:00 Uhr «#4_Wände»-Beilage
Zu sehen ist das Schurterhaus, ein altes Fachwerkhaus, beim Dorfplatz von Wangen. Im Vordergrund stehen auf der rechten Seite Autos auf einem Parkplatz.
Ein Stück Dorfgeschichte: das Schurterhaus im Wangemer Zentrum.
Foto: Lennart Langer

Dieser Beitrag wurde in der Verlagsbeilage «#4_Wände» veröffentlicht, die am 14. September 2022 mit dem «Zürcher Oberländer» und dem «Anzeiger von Uster» erschienen ist.

In Wangen ist die Welt noch in Ordnung. Frische rote Geranien schmücken den Dorfbrunnen. Das Wasser plätschert friedlich vor sich hin. Gleich nebenan auf der Terrasse des traditionsrei­chen Gasthofs Sternen bereitet eine Angestellte im Sonnen­schein die Tische für die ersten Gäste vor.

Ein starker Kontrast zur Szene, die sich nur einige hundert Meter entfernt abspielt. Dort nämlich brettern die Autos über die A 15. Dahinter beginnt das mehrheit­ lich graue Areal des Flugplatzes Dübendorf.

In Wangen selbst fahren die Autos seit einigen Jahren im Schritttempo. 2017 wurde der Dorfplatz komplett saniert und verkehrsberuhigt.

Im Vordergrund ist der Dorfbrunnen in Wangen zu sehen. Links eine Strasse mit Pflastersteinen. Im Hintergrund alte Fachwerkhäuser.
Ländliche Idylle auf dem Dorfplatz: Der Dorfbrunnen wurde erst 1950 vor das Schurterhaus verschoben. (Foto: Lennart Langer)

«Der Dorfkern macht den Charme von Wangen aus», sagt Gemein­depräsidentin Marlis Dürst, wäh­rend sie im mit viel Holz aus­ gestatteten Mehrzwecksaal des zentral gelegenen Schurterhau­ses sitzt.

Sie selbst ist in Wangen aufgewachsen, wohnt immer noch im Ort und kennt dessen Entwicklung in den letzten Jahren gut. Die Verkehrsberuhi­gung würden zwar bis heute nicht alle gutheissen, gibt Dürst zu, sie finde es jedoch schön, dass es wieder eine Begegnungszone gebe.

Erhaltung des historischen Charakters

Ein belebter Dorfkern ist ein Ziel, für das sich nicht nur die Gemeindepräsidentin, sondern auch die ganze Gemeinde einsetzt. Eine spezielle Würdigung «des ländlichen Wangen mit seinem lebendigen und gepflegten Dorfkern» ist auch im Leitbild der Gemeinde Wangen-Brüttisellen enthalten.

Einerseits tragen Kernzonenpläne, die genau festhalten, welche Veränderungen an den bestehenden Gebäuden erlaubt sind, zur Erhaltung des historischen Charakters bei, andererseits sucht die Gemeinde gemeinsam mit der Bevölkerung nach Ideen, wie der Ort attraktiver gestaltet werden kann.

Diese Attraktivität steigern soll auch die konzeptuelle Weiterentwicklung des Schurterhauses, in dem sich heute ein Mehrzweckraum, mehrere Wohnungen, eine Spielgruppe und ein Nähatelier befinden.

Das um 1700 errichtete Bauernhaus bildet gewissermassen den Kern des Dorfkerns von Wangen und wurde zu einem Treffpunkt, in dem sich unter anderen der Männerchor, Seniorengruppen zum Turnen oder manchmal auch der Gemeinderat zu einer Sitzung treffen. 

«Wangen ist eigentlich ein Grenzdorf»

Direkt neben dem «Sternen» gelegen, steht das Schurterhaus auch für die baukulturelle Geschichte des Orts. Viele der bis heute im Ort erhaltenen Häuser sind im Fachwerkstil gebaut. Gut erkennbar durch die typischen Riegel verströmen sie einen urchigen Charme. Sie gelten ausserdem als schützenswert – so, wie der gesamte Dorfkern. 

Das Schurterhaus im Jahr 2022. (Foto: Lennart Langer) Das Schurterhaus im Jahr 2022. (Foto: Lennart Langer) Das Schurterhaus im Jahr 1930. (Archivfoto: PD) Das Schurterhaus im Jahr 1930. (Archivfoto: PD)

Wieso in Wangen Riegelhäuser und nicht die im Zürcher Ober­land eigentlich weitverbreiteten Flarzhäuser stehen, weiss Dorf­chronist Albert Grimm, der sich ausführlich mit der Geschichte von Wangen-­Brüttisellen befasst hat. 

«Wangen ist eigentlich ein Grenzdorf, die Einflüsse vom Zürcher Unterland und vom Zürcher Oberland treffen hier aufeinander.» Das sei nicht nur beim Baustil, sondern auch bei der Sprache so.

Die Grenze der beiden Regionen verlaufe sogar mitten durch die Gemeinde. Während Brüttisellen ein Strassendorf im Unterland sei, das früh auch von der Indus­trie geprägt gewesen sei und sich als Angestellten­ und Arbei­ terdorf entwickelt habe, sei Wan­gen seit je ein Bauerndorf. Heute erweitert durch stattliche Einfamilienhäuser am Hang.

Schurterhaus als Treffpunkt

Nicht alle Häuser wurden jedoch von Beginn an im Fachwerkstil gebaut. Das Schurterhaus war ursprünglich ein sogenannter Bohlenständerbau, eine typische Bauform für Kleinbauernhäuser. Erst im 19. Jahrhundert wurde es umgebaut und erhielt jene Fassade, die es bis heute trägt. Die roten Riegel stechen dabei sofort ins Auge, aber auch wei­tere typische Bauernhausele­mente sind noch erkennbar.

Nahaufnahme der roten Riegel am Fachwerkhaus Schurterhaus in Wangen.

Typischer Fachwerkstil: Die leuchtend roten Riegel prägen die Fassade des Schurterhauses. (Foto: Lennart Langer)

So gibt es einen Vorbau, in dem sich damals wohl der Zugang zum Stall befand und heute das Nähatelier eingerichtet ist, oder massive Holztore auf der Rück­seite, die früher den Zugang mit grossen Wagen ermöglichten.

Besonders auffällig ist der typi­sche Bauerngarten, der sich vor dem Bau des Parkplatzes noch viel weiter zur Strasse hin er­ streckte. Heute spendet ein grosser Quittenbaum einer Sitz­bank im sorgfältig gepflegten Garten Schatten.

Nahaufnahme des kleinen Bauerngartens vor dem Schurterhaus. Links ist ein Quittenbaum zu sehen. Rechts die Fensterfront an der Fachwerkfassade, davor eine Sitzbank.
Bänkli zur Entspannung: Gepflegte und strukturierte Bauerngärten gehörten früher zum guten Stil. (Foto: Lennart Langer)

Seine ausserordentliche Bedeu­tung für den Ort erhielt das Schurterhaus erst 1876. «Da­mals richtete der Lehrer Johan­nes Schurter in seinem Wohn­haus ein einfaches Postlokal ein», erzählt Dorfchronist Grimm. Knapp 30 Jahre später zog die Post dann wieder aus. Um das Schurterhaus wurde es ruhiger.

Die Post kehrt zurück

Erst als die Gemeinde das Haus 1946 kaufte, machte man sich wieder Gedanken um das altehr­würdige Gebäude. «Man kaufte es vermutlich, weil es keine öf­fentlichen Räume gab», meint Ge­meindepräsidentin Dürst. Bis zur Sanierung dauerte es dann aber nochmals über ein Vierteljahrhun­dert. Dann kam Bewegung in die Sache.

«Das Haus stand vor dem Zerfall», sagt Albert Grimm rück­blickend, «man wusste, dass man es renovieren musste.» Beson­ders herausfordernd bei der Sanierung war die Erhaltung der historischen Bausubstanz. Wäh­rend das Schurterhaus innen quasi ausgehöhlt wurde, sollte die Fassade erhalten bleiben.

Ursprünglich war mit dem Um­bau auch ein Ortsmuseum ge­plant, dieses wurde aber ebenso weggelassen wie ein Feuerwehr­ lokal. Dafür zog nach Abschluss der Arbeiten 1983 die Post wie­der ins Schurterhaus ein. 2017 entschied sich die Post dann zur endgültigen Schliessung der Fi­liale. Die Räumlichkeiten der Post und die Postfächer sind nach wie vor im Originalzustand erhalten.

Der Auszug der Post veranlasste die Gemeinde, wiederum nach neuen Nutzungsmöglichkeiten für das Schurterhaus zu suchen. Das Projekt liegt derzeit allerdings auf Eis, weshalb noch für die nächsten Jahre verschiedene Zwischennutzungen vorgesehen sind.

Schon mehrere Ausstellun­gen haben inzwischen in den ehe­maligen Posträumlichkeiten statt­gefunden, Jugendliche haben Events durchgeführt, und seit Kur­zem gibt es das sogenannte Zu­kunftbureau, das als Anlaufstelle für die Realisierung von Ideen und Projekten aller Art dienen soll.

Anschliessend an diese Phase möchte die Gemeinde das Kon­zept für die öffentlichen Räume ausgearbeitet haben. Möglich sind Ateliers oder Ausstellungs­räume. «Besonders häufig wurde von der Bevölkerung die Idee eines Cafés eingebracht», sagt Marlis Dürst und fügt lachend an: «Oder zumindest der Wunsch nach einer Kaffeemaschine.»