×
Sommer der Kunst

Ein Sommertag in Sternenberg von Kathrin Fischbacher

Im Rahmen einer fünfwöchigen Sommerserie werfen Kunstschaffende der Region einen Blick auf den Sommer. Diese Woche ist die Sternenberger Künstlerin Kathrin Fischbacher an der Reihe.

Redaktion
Züriost
Montag, 15. August 2022, 07:30 Uhr Sommer der Kunst
Kathrin Fischbacher erzählt die Geschichte eines Sommertages und illustriert diese mit ihren Werken.
Fotos: Kathrin Fischbacher

Leicht schaukle ich im Skychair, der im Ast des grossen Lindenbaumes vor dem Haus hängt. Es ist heiss, aber ein leichter Thermikwind streicht die Hänge hoch und bringt den Duft von Wald und gemähten Wiesen mit sich. In dieser flirrenden Hitze schweigt sogar der Lärm. Leise hör ich weit weg ein Flugzeug, irgendwo sirrt eine Landwirtschaftsmaschine, in er Nähe bellt ein Hund …. Zeit, für Früchte und Samen ihre Fülle zu speichern, bis zur Reife im Herbst.

Die Gedanken schweben davon und durch die sonnendurchwirkten Blätter des Baumes träumt der Blick Richtung Sternsberg. Wie mag es wohl ausgesehen habe, das gemauerte Haus der Herren von Sternsberg? Reich soll er gewesen sein, sehr reich, mitten in dieser armen Bergbauerngegend. Man erzählt, dass ein geheimer Gang das Gemäuer mit der Burg Altlandenberg in Bauma verbunden haben soll. Als Fluchtmöglichkeit in Notfällen? Zudem ergaben sich da genügend heimliche Winkel, in denen sich Gold und Schätze verbergen liessen.

Eine solche Höhle soll tief im Inneren des Hagheerenlochs versteckt gewesen sein, abgesichert durch ein schweres, eisernes Tor, um dessen Ketten und Schlösser sich eine grosse, ungeheuerliche Schlange gewunden hatte. Dahinter sorgte noch ein fürchterlicher Drache, dass niemand sich an diesem Schatz vergreifen konnte.

Das Hagheerenloch ist auch heute noch begehbar, ein herrlicher Platz, mit Bänken und einer Feuerstelle gemütlich gemacht. Ich weiss, wenn ich im Inneren der Höhle mit meiner Taschenlampe umherzünde, kann ich an einigen Stellen noch Teile des Schatzes funkeln sehen.

Der junge Herr von Sternsberg war heimlich einem einfachen Bauernmädchen versprochen. Tief war diese verborgene, verschwiegene Liebe.

Aber der Standesunterschied war zu gross, die Liebe aussichtslos. Der alte Herr von Sternsberg wollte von einer solchen Verbindung auch nichts wissen und verachtete das mittellose, arme Kind. So blieb das Mädchen standhaft und gab sich ihrem Liebsten nicht hin.

In seiner Not suchte das Mädchen die Hilfe einer alten, weisen Frau. Diese gab den Rat, doch im Hagheerenloch nach dem Schatz zu suchen, um sich einen kleinen Teil davon zu nehmen und damit sein Glück zu ermöglichen. Wer reinem Herzen sei und ununterbrochen zu Gott bete, könne an Schlange und Drachen vorbeikommen, und die Ungeheuer würden ihm nichts anhaben.

Ohne ihrem Liebsten etwas zu verraten, machte sich das mutige Mädchen in einer Vollmondnacht auf, um von dem Schatz einen bescheidenen Teil zu holen und sich so die Liebe ihres Herzens zu ermöglichen.

Obwohl es bis in sein Innerstes vom Anblick der Schlange und des Drachen erschreckt war, hielt es das Bild seines Liebsten vor Augen und lief betend an beiden Ungeheuern vorbei. Diese zogen sich zurück und das Mädchen erreichte den kostbaren Schatz unbeschadet. Behutsam sammelte es Stück für Stück in seine aufgehaltene Schürze. In seinem Glück aber vergass es für einen Moment das Beten und sofort schoss der Drache hervor und verschlang das arme Mädchen.

Seiner reinen Selle konnte aber das Untier nichts anhaben, und als weisse Taube flatterte sie davon.

Dreimal flog sie um das Haus ihres Liebsten, bevor sie sich in den Himmel erhob.

Aus dem Fenster sah der Bursche die Taube kreisend über dem Haus und ahnte in diesem Augenblick nicht, wieso sich sein Herz mit tiefer Trauer füllte.

Bin ich in meinem schwebenden Schaukelstuhl im beschützenden Schatten der Linde eigeschlafen? Das Bierchen in der kleinen Flasche ist schal geworden. Zeit, sich wieder um die Arbeit im Stall und im Garten zu kümmern.

Zur Person
Kathrin Fischbacher wurde 1950 in Zürich geboren. Nach einer Ausbildung zur Primarlehrerin und Weiterbildung zur Werklehrerin, unterhält die Sternbergerin seit 1983 ihr eigenes Keramikatelier «Kaleidoskop». Sie sagt von sich: «Wenn ein Stück Ton vor mir liegt, meine Hände hinein greifen, kneten, formen, Seele hinein arbeiten, dann beginne ich zu leben.» Die 71-Jährige lebt heute mit ihrem Hund, drei Ponies und drei Katzen in einem uralten Riegelhaus in Sternenberg. (erh)

Kommentar schreiben