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Spitex Uster beklagt Personalmangel

Wenn die Pflege selbst Pflege braucht

Den Menschen daheim helfen, ist die Aufgabe der spitalexternen Dienste. Doch in der Pflege fehlen die Helfer. Eine Studentin und zwei 15-Jährige erzählen, wieso sie zur Spitex Uster gestossen sind.

Christian
Brändli
Dienstag, 12. Oktober 2021, 10:26 Uhr Spitex Uster beklagt Personalmangel
Die angehende Pflegefachfrau Vera Straub misst den Blutdruck von Noa Suter, die Fachfrau Gesundheit lernt.
Foto: Christian Brändli

«Gesehen und gehört werden», «flexible und unkomplizierte Mitarbeiter», «ein Mix zwischen Routine und Action», «wäg dä Glacé und da tolle Lüt», ja und «wegen Bazzeli natürli»:  Das sind nur einige der Rückmeldungen, die Angestellte auf die Frage gegeben haben, warum sie gerne bei der Spitex Uster arbeiten.

Trotz dieser positiven Antworten leidet die Spitex Uster wie die ganze Branche unter dem Pflegenotstand. Schon bald dürften schweizweit 20‘000 Pflegefachkräfte fehlen. «Der Gesundheitsbereich verkauft sich zu wenig gut», ist die Spitex-Gesamtleiterin Silvia Tavaretti überzeugt.

Vera Straub (links) und Noa Suter zeigen auf die Punkte, die ihnen im Beruf wichtig sind. (Foto: Christian Brändli)

Doch das ist für sie nicht der Hauptgrund: «Wertschätzung geschieht über gute Bedingungen und viele Softfaktoren, aber eben auch übers Geld.» Und in diesem Punkt mangle es. Wie es gemacht werden müsste, zeigten die Ärzte. Der Nachwuchs dort werde schliesslich erfolgreich mit einem guten Lohn geworben.

Auf Nachwuchssuche

Tavaretti will aber nicht einfach klagen. Sie schaut zusammen mit ihrem Team, dass die Reihen wieder gefüllt werden. Bei einem Bestand von aktuellen 112 Frauen und 12 Männern, die sich 75 Vollstellen teilen, ergeben sich ständig Lücken. Aktuell sind fünf Stellen ausgeschrieben. Wichtig ist ihr vor allem, Junge für die Pflege gewinnen zu können. Jedes Jahr werden zwei Lernende als Fachfrau oder Fachmann Gesundheit (Fage) sowie zwei Studierende Pflegefachfrau Höhere Fachschule (HF) neu aufgenommen und ausgebildet.

Ein Glücksfall ist für Tavaretti die 27-jährige Vera Straub, die vor sechs Wochen zur Spitex gestossen ist und sich nun zur Pflegefachfrau ausbilden lässt. Die Ustermerin, ursprünglich gelernte Pharmaassistentin, bringt fünf Jahre Erfahrung als Rettungssanitäterin mit. «Die Pflege bietet mir die Grundlage, um auf unterschiedlichsten Ebenen zu arbeiten», erklärt Straub. «Ich kenne keinen anderen Beruf, der ein derart breites Spektrum und dazu die Möglichkeit für diverse Spezialausbildungen bietet.»

«Bei der Spitex gilt es, die Klientin für lange Zeit zu betreuen, das fordert mich mehr.»

Vera Straub, Studierende Pflegefachfrau HF

Sie schätzt, dass sie hier nun keine Nachtschichten mehr leisten muss. Doch sie ist sich bewusst, dass auch hier grosse Herausforderungen auf sie warten. «An beiden Orten gibt es einen gesunden Stress. Bei der Spitex gilt es, die Klienten für lange Zeit zu betreuen, das fordert mich mehr. In der Ambulanz war es hektischer, ich habe die Patienten aber jeweils nur 15 Minuten gesehen», erklärt Straub. 

Ohne Blaulicht unterwegs 

Etwas hat Straub in ihrer kurzen Zeit bei der Spitex bereits erfahren: «Das Wohlbefinden bei der Arbeit ist zentral. Das wird bei der Spitex sehr stark gelebt.» Und geradezu begeistert ist sie vom kleinem «Supergerät», einem persönlichen Handy, auf dem nicht nur alle Einsätze geregelt werden, sondern auch sämtliche Informationen über die Klienten und deren Bedürfnisse abgerufen werden können – aber auch so wichtige Angaben wie «hat einen bissigen Hund».

Statt mit dem Rettungswagen ist Vera Straub nun mit dem E-Bike unterwegs. (Foto: Christian Brändli)

Und es gefällt ihr, mit dem E-Bike zu ihren Klienten zu fahren. Jetzt, wo sie kein Blaulicht und keine Sirene mehr hat, «bin ich vorsichtiger unterwegs», scherzt sie.

«Ich wollte einen Beruf, bei dem mit Menschen gearbeitet wird

Noa Suter, Lernende Fachfrau Gesundheit

Seit gut zwei Monaten ist die 15-jährige Noa Suter bei der Spitex. Sie hat zusammen mit einer gleichaltrigen Kollegin aus Rüti ihr erstes Lehrjahr als angehende Gesundheitsfachfrau in Angriff genommen. «Ich wollte einen Beruf, bei dem mit Menschen gearbeitet wird», erklärt Noa ihre Motivation. Bereits durfte sie schon alleine Klienten beim Duschen helfen oder ihnen den Blutdruck messen. «Wenn Klienten einem dann loben, ist das schön.»

Sprache ist sehr wichtig

Ähnlich wie ihre Mitstiftin begründet auch die Kollegin aus Rüti ihre Berufswahl. Sie schaute noch in einem Spital vorbei, ehe sie sich für die Spitex entschied. «Die Beziehung zu den Klienten bisher war schön. Während den Pflegeverrichtungen kann ich gut mit ihnen reden.» Tavaretti betont, dass es wichtig sei, dass die Lernenden hier gut deutsch sprechen könnten: «Zweidrittel unserer Klienten sind hochbetagt.» Da sei eine klare Kommunikation wesentlich.

Beide Lernenden freuen sich darauf, wenn sie selbstständig arbeiten können. Schon heute sind sie bei bis zu 14 Einsätzen pro Tag zusammen mit ausgebildeten Pflegefachleuten unterwegs.  

Austausch an der Gesundheitsmeile

Um die Attraktivität für neue Mitarbeiter zu steigern, verfügen die Lernenden über einen eigenen Raum und für die praktische Ausbildung gibt es ein Zimmer, in dem etwa auf einem Bett das Drehen von bettlägerigen Patienten oder das Blutdruckmessen geübt werden kann. Zwei Ausbildungsverantwortliche kümmern sich intensiv um den Nachwuchs.

Zudem gibt es an der Ustermer Gesundheitsmeile mit Spital, Spitex und Alters- und Pflegeheim einen Austausch unter den einzelnen Institutionen. Während ihrer dreijährigen Ausbildung verbringt eine angehende Fage der Spitex zwei Jahre im eigenen Betrieb und je ein halbes Jahr an den beiden anderen Orten. «Wir setzen hier auf den Standortvorteil», meint Tavaretti.

Pflegefachleute auf dem See

Wenn der Spielraum bei der Entlöhnung schon begrenzt ist – «wir zahlen markgerecht, aber nicht super» , setzt die Gesamtleiterin umso stärker auf das Zusammengehörigkeitsgefühl. Da beteiligen sich die Spitexler schon mal an einer Tanz-Challenge oder setzen sich wie jüngst in Einbäume und paddeln – trocken – über den Greifensee. Stolz ist die Chefin, dass die Spitex Uster Solidarität zeigt und mit einer Covid-Impfquote von 95 Prozent weit über dem Branchendurchschnitt liegt.

Spitex-Gesamtleiterion Silvia Tavaretti gibt ihren Posten nächstes Jahr altershalber ab. (Foto: Christian Brändli)

Tavaretti, die seit 35 Jahren in Uster wirkt und einst als Gemeindeschwester angefangen hat, möchte die Angebotspalette der Spitex (siehe Box) noch ausbauen. «Aber der Betrieb muss mitwachsen. Zuerst gilt es den Grundbedarf abzudecken, ehe wir uns Spezialfällen widmen können.» Und dieser Grundbedarf nimmt schon so von Jahr zu Jahr zu.

Diesen Ausbau wird sie nicht mehr lange begleiten. Im kommenden Sommer wird sie «ihren Laden» verlassen und in Pension gehen. Wie diese personelle Lücke gefüllt wird, ist noch offen. Es wird sich zeigen, ob ihre Nachfolge im eigenen Betrieb herangewachsen ist.

140'000 Einsätze pro Jahr

Die Spitex Uster unterstützt jährlich rund 1000 Klientinnen und Klienten nach einem Unfall, bei Behinderung, Krankheit oder Mutterschaft zu Hause. In Uster und dem angeschlossenen Mönchaltorf erbringen die knapp 130 Angestellten 120‘000 Pflege- und 19‘500 Hauswirtschaftseinsätze.

Mit der Hilfe der spitalexternen Dienste können Klienten in ihrer gewohnten Umgebung bleiben. Oder sie können früher von einem stationären Aufenthalt nach Hause gehen.

Die Palette der Spitexangebote ist sehr breit und umfasst neben der Unterstützung bei der Körperpflege, bei Demenz oder während der Rekonvaleszenz auch psychiatrische Pflege. Hinzu kommen medizinische Hilfe, Unterstützung im Haushalt oder auch die Vermietung und der Verkauf von Hilfsmitteln. Schliesslich macht die Beratung einen guten Teil des Angebots aus. Dazu gehören etwa die Gesundheitsförderung, Hilfe bei Problemen mit der Mobilität, rund um Blasenschwäche und Stuhlinkontinenz, aber auch die Unterstützung von Angehörigen.     

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