×
Maler Markus Rey über kreatives Schaffen

«Die wahre Herausforderung ist, das Schöne im Einfachen zu finden»

Von Gummibären und Salatköpfen: Wetziker Künstler Markus Rey spricht darüber, wie Corona die Bedeutung der Malerei verändert.

Lea
Ernst
Montag, 03. Mai 2021, 13:31 Uhr Maler Markus Rey über kreatives Schaffen
Markus Rey aus Wetzikon malt seit bald dreissig Jahren. Hier sitzt er in seinem Atelier an der Bahnhofstrasse.
Bilder: Lea Ernst

In seinem Atelier in Wetzikon verpackt Markus Rey gerade einen Salat – zumindest mit seinem Pinsel. «Verpackungen aller Art faszinieren mich gerade», sagt der 57-jährige Maler über den grünen Salatkopf vor rotem Hintergrund, den er gerade malt. Über zwei seiner neueren Werke, die Gummibärchen in Gläsern darstellen, sagt er: «Es ist doch ein bisschen wie bei uns selber: Irgendwie lebt zur Zeit jeder in seiner Blase.»

Rey malt gerne Alltagsgegenstände wie Salatköpfe, Gummibärli, Corona-Masken oder Früchtetörtchen. «Diese Art, zu malen, heisst Hyperrealismus», sagt er. Gemäss Duden ist der Hyperrealismus eine Kunstrichtung, die in den siebziger Jahren entstanden ist und die Wirklichkeit so genau wie möglich darstellen will. Sie beschönigt weder das Motiv, noch lässt sie Details weg.

Ein Autodidakt und ein Salatkopf

Wenn Rey male, versuche er, die Dinge möglichst unvoreingenommen zu betrachten. «Durch das Benennen von Dingen glauben wir, sie bereits zu kennen», sagt er. «Das hat zur Folge, dass wir sie unwillkürlich mit der Vorstellungen verbinden, die wir von ihnen haben.» Um dieses Muster zu durchbrechen, betrachte er seine Motive wie zum Beispiel den Salatkopf ganz genau und von allen Seiten. «Es ist meine Art, Dinge durch Verlangsamung wahrzunehmen und neu zu erleben.»

Der Autodidakt malt seit bald 30 Jahren. Im Jahr 2003 entschied Rey, sich komplett auf die Kunst zu konzentrieren und trat seine leitende Funktion im Pflegebereich ab. 2006 entstand sein erstes Kunstbuch, danach zahlreiche weitere Ausstellungen. Sein Lebensmodell finanziert er heute teils mit seiner Kunst, teils als Pflegefachmann im Krankenhaus sowie als Ausstellungstechniker.

«Ich musste zuerst wieder lernen, die Dinge wie ein Kind zu sehen.»

Markus Rey

Dass Rey den Hyperrealismus verfolgt, ist relativ neu. «Früher habe ich ganz anders gemalt», sagt er. Doch irgendwann sei es zu einer Schaffenskrise gekommen. «Ich spürte den Druck, immer etwas Neues und Besonderes erschaffen zu müssen. Ich glaubte, alles gesagt zu haben.» Bis er sich gefragt habe, weshalb er das eigentlich noch mache.

«Ich musste zuerst wieder lernen, die Dinge wie ein Kind zu sehen», sagt Rey heute. Auf eine spielerische Art und Weise habe er wieder entdeckt, was ihn eigentlich interessiere. «Es sind die kleinen, alltäglichen und oft unscheinbaren Dinge, die ich mir genau anschauen will.» Mit dieser Entdeckung habe er seinen Weg zurück in den Realismus, genauer zum Stillleben – also die Darstellung regloser Gegenstände gefunden. «Und jetzt bin ich wieder komplett angefressen», sagt er.

Corona lässt Malerei an Bedeutung gewinnen

Trotz Pandemie konnte Rey im Herbst eine vierte Ausstellung im Jahr 2020 durchführen. «Ich durfte in den schönen Räumlichkeiten der ehemaligen Kleider-Boutique 'Blickfang' als Zwischennutzer ausstellen», sagt Rey. Dadurch habe er nochmals einige Werke aus seiner Ausstellung im März in der Artkunstgalerie an der Kunstschule Wetzikon zeigen können, die wegen des Lockdowns nur für kurze Zeit geöffnet war. 

: «Es ist doch ein bisschen wie bei uns selber: Irgendwie lebt zur Zeit jeder in seiner Blase», sagt Rey über die Gummibärchen.

Die Objekte, die er in seinen hyperrealistischen Gemälden verewigt, fotografiert Rey zuerst in seinem kleinen Studio. «Oft schiesse ich an die hundert Bilder von den Objekten, die ich malen möchte.» Daraus wählt er schlussendlich zwei oder drei als Malvorlage aus. Die Umrisse der Objekte projiziert er dann auf die akribisch vorbereitete Spanplatte. Danach beginnt erst das eigentliche Malen.

Laut Rey ist in den Medien manchmal zu lesen, dass die Malerei tot sei. Braucht es die Kunstrichtung überhaupt noch im Zeitalter der Fotografie? «Überraschenderweise war meine Herbst-Ausstellung während Corona die erfolgreichste überhaupt», sagt Rey. Das Leben scheine sich bei vielen Leuten in der Pandemie verlangsamt zu haben. «Dass das Handwerk wieder an Bedeutung gewonnen hat, könnte auch eine Gegenbewegung zur Massenproduktion sein», sagt Rey. Jedes Bild in der Malerei sei ein Unikat.

«Ich entscheide mich bewusst für einfache Mittel, um mich nicht in den Möglichkeiten zu verlieren.»

Markus Rey

«Auf meinen Bildern ist nur das, was es braucht», sagt Rey. Vielleicht passe die Pandemie gerade deshalb zu meinem Malstil. Schliesslich gehe es in beiden Fällen um Reduktion. Doch während Corona unsere Möglichkeiten eher ungewollt einschränkt, sucht der Maler diese Einschränkung ganz bewusst: «Ich entscheide mich bewusst für einfache Mittel, um mich nicht in den Möglichkeiten zu verlieren», sagt er.

Rey malt seit jeher mit den gleichen fünf Grundfarben, die er miteinander vermischt.

Deshalb malt er seit jeher nur mit fünf Farben, die er mischt: Rot, Blau, Gelb, Schwarz und Weiss. «Es sind die günstigen Migros-Acrylfarben», verrät der Maler. Die Verlockung, professionelle Ölfarben zu kaufen, sei gross, die Möglichkeiten der Bildgestaltung fast grenzenlos. «Doch ich möchte mich dazu zwingen, in der Einfachheit das Schöne zu entdecken und auf diese Weise den Dingen auf den Grund zu kommen», sagt Rey. «Denn genau darin liegt die wahre Herausforderung.»

Rey ist sich sicher: «Es ist verlockend, den vielen Möglichkeiten nachzujagen, die um unsere Aufmerksamkeit buhlen.» Doch für ihn sei echte Zufriedenheit, wenn er mit seiner Partnerin jeden Tag bewusst die gleiche Route für ihren Spaziergang wähle. «Dann sitzen wir jedes Mal auf dem gleichen Bänkli und geniessen die Sicht in die Berge. Sie ist jeden Tag anders.»

Rey glaubte, mit seiner Kunst alles gesagt zu haben. Doch dann erfand er sich und seine Malerei völlig neu.

Ein Teil des künstlerischen Gesamtwerks von Markus Rey ist auf www.markusrey.ch ersichtlich. 

Kommentar schreiben