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«Es ist unverzichtbar, die Sprache zu lernen»

20 Jahre Femmes-Tische Zürcher Oberland

«Es ist unverzichtbar, die Sprache zu lernen»

Seit 20 Jahren moderieren Frauen aus aller Welt die Femmes-Tische Zürcher Oberland. Das Integrationsprojekt zeigt Wirkung, sagt Standortleiterin Nicole Stadler und blickt am Jubiläumsanlass in Uster auf dessen Entwicklung.

Tina
Schöni
Sonntag, 25. August 2019, 19:30 Uhr 20 Jahre Femmes-Tische Zürcher Oberland

Frauen mit Migrationshintergrund eine Stimme geben: Das ist das Ziel jener, die das Integrationsprojekt Femmes-Tische Zürcher Oberland unterstützen. Das Angebot richtet sich vordergründig an Frauen aus einem anderen Kulturkreis, die sich von Moderatorinnen in ihrer Muttersprache schulen lassen, gemeinsam diskutieren und so kulturelle Hürden überwinden wollen (siehe Box).

«Wirkungsvoll und revolutionär» sei das Projekt, sagt Standortleiterin Nicole Stadler am Jubiläumsanlass im Musikcontainer Uster. Gemeinsam mit ihrem Team wirft sie am Freitag einen Blick auf die Anfänge von Femmes-Tische und spricht von 20 Jahren Erfolgsgeschichte.

Anfängliche Widerstände

«Dass wir heute in den Bezirken Hinwil, Pfäffikon und Uster jährlich 400 Frauen erreichen, ist nicht selbstverständlich», sagt Stadler. Seit Beginn vor 20 Jahren hätten aber schon über 6'600 Mütter am Angebot teilgenommen. Es sind Zahlen, die sie, ihr Team und die Trägerschaft, bestehend aus dem Amt für Jugend und Berufsberatung des Kantons Zürich sowie der Suchtpräventionsstelle Zürcher Oberland, mit Stolz erfüllen.

«Die Idee war verpönt.»

Yvette Brunner, ehemalige Standortleiterin

Gegründet wurde Femmes-Tische im Jahr 1996. Damals mit dem Ziel, Elternbildung im Wohnzimmer anzubieten. 1999 haben Yvette Brunner und Ines Tsengas die Standortleitung und Konzeptentwicklung für die Durchführung im Zürcher Oberland übernommen. Das niederschwellige Integrationsprojekt stand gemäss Brunner aber noch unter keinem guten Stern. Man habe viele Widerstände überwinden müssen, bis man mit Femmes-Tische auf ein positives Echo gestossen sei.

«Es gab in den 90er Jahren ähnliche Projekte. Diese richteten sich aber ausschliesslich an deutschsprachige Frauen.» Ihr Ziel aber war es, Treffen zu lancieren, die in der Muttersprache der Frauen durchgeführt werden. So sollte einerseits deren Selbstvertrauen gestärkt und andererseits die Integration in ihrer neuen Heimat erleichtert werden. Brunner sagt: «Die Idee war verpönt. Manche befürchteten, dass Migrantinnen so kein Deutsch lernen würden. Wir haben ihnen aber das Gegenteil bewiesen.»

Integration nur durch Sprache möglich

Da die Gesprächsrunden von bereits integrierten Migrantinnen geleitet werden, seien die Teilnehmerinnen motiviert, selbst Deutsch zu lernen. Das bestätigt etwa die 48-jährige Dorette Fogne-Mbanga aus Somalia, die seit mehreren Jahren als Moderatorin mitwirkt. «Wir sind für viele Frauen ein Vorbild, weil wir ähnliches durchgemacht haben. Wir sitzen alle im selben Boot. Das verbindet.»

«Nur wenn man die Sprache lernt, kann Integration funktionieren.»

Lenny Bucher, Moderatorin der Femmes-Tische

Gestartet ist das Angebot mit Gesprächsrunden in drei Sprachen. Heute wird es von über zwölf Moderatorinnen aus zwölf verschiedenen Ländern durchgeführt. Die Motivation, sich freiwillig für Femmes-Tische zu engagieren, ist gross. Lohn würden sie durch Komplimente oder Applaus ernten. So sagt Lenny Bucher, ursprünglich aus Brasilien: «Ich will diesen Frauen vermitteln, dass es hier unverzichtbar ist, die Sprache zu lernen. Nur so kann Integration funktionieren.»

Das Interesse am Austausch sei gross. Manchmal gar so gross, dass die Teilnehmerinnen gar nicht mehr mit Diskutieren aufhören wollten. Zu bereden gibt es viel, die Themenliste ist lang. So wird etwa über Frühförderung, Vereinbarkeit von Familie und Beruf, Rassismus, Bildung oder Erziehung gesprochen. Bald soll neu auch noch das Thema Trauma behandelt werden. «Ein wichtiges Thema für viele Frauen, die aus Kriegsgebieten kommen», sagt Stadler.

Durchgeführt werden die Femmes-Tische meist in privatem Rahmen – ab und zu finden aber auch Gesprächsrunden in Schulen oder Bibliotheken statt. «Das Schöne an diesen Treffen ist, dass man mit seinen Sorgen und Problemen nicht alleine ist. Das macht Mut, darüber zu sprechen», sagt eine andere Moderatorin, ursprünglich aus Peru.

Partizipation als Rezept

«Ich habe schon viele Integrationsprojekte sterben sehen», sagt Stadler. Dass Femmes-Tische «wirkungsvoll und erfolgreich» sind, ist laut ihr auf die Partizipation zurückzuführen. Nur miteinander habe man diese Entwicklung erreichen können.

Die Hoffnung ist gross, dass es die nächsten Jahre so weitergeht. So will Stadler sich nicht nur unter Frauen, sondern auch mit Verantwortlichen in den Gemeinden und bei regionalen Stellen noch mehr vernetzen. Das Ziel: möglichst viele Gesprächsrunden anzubieten und in ein paar Jahren das 40-Jahr-Jubiläum zu feiern.

Was sind Femmes-Tische?
Femmes-Tische ist ein niederschwelliges Integrationsprojekt, das auch im Zürcher Oberland existiert. Das Angebot richtet sich vorwiegend an Frauen aus einem anderen Kulturkreis, die sich von Moderatorinnen in ihrer Muttersprache schulen lassen und gemeinsam Themen aus den Bereichen Gesundheit, Integration und Erziehung diskutieren. Die meisten Gesprächsrunden finden Privat statt, einige werden aber auch im öffentlichen Raum wie zum Beispiel in Schulen oder Bibliotheken durchgeführt. Mehr Informationen gibt es unter www.femmestische.ch

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