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Gottseidank gibts Leute, die ihren Job hassen

Züriost-Blog

Gottseidank gibts Leute, die ihren Job hassen

David
Kilchör
Sonntag, 14. Juli 2019, 10:13 Uhr Züriost-Blog

Manchmal bekomme ich zu hören: «Also ich bewundere Sie schon, Herr Kilchör. Dass Sie einfach immer schreiben können. Unglaublich. Das könnte ich nicht.» Und ich sage dann jeweils so: «Das müssen Sie ja auch nicht. Sie können dafür wahnsinnig gut Baumstämme zersägen oder Autos flicken oder Wände bemalen oder sowas. Ich bin furchtbar schlecht in solchen Sachen, glauben Sie mir.»

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Dieses Mitgefühl für meinen enorm schwierigen Job finde ich noch nett. Es zeigt immerhin, dass diese Menschen begreifen, dass nicht einfach jeder so aus dem Stegreif einen anständigen Text schreiben kann (wobei sich diesbezüglich in meinem Fall teils die Geister scheiden) – auch wenn jeder zur Schule gegangen ist und die Buchstaben gepaukt hat.

Wie ein Damoklesschwert

Ich denke dann allerdings auch, diese Leute stellten sich vor, wie ich im Schweisse meines Angesichts gebückt über der Tastatur sitze, an meinen Fingernägeln kaue und um jedes Wort ringe, während meine Hand sich intuitiv im Halbminutentakt nach der vergilbten Kaffeetasse reckt.

Es ist schon so. Der Redaktionsschluss hängt über mir wie ein Damoklesschwert. Seine fies grinsende Fratze verfolgt mich bis in die Träume, die ich hätte, wenn ich denn trotz Schreibarbeit je zum Schlafen käme. Tu ich aber nicht. Denn das Schreiben, das verlangt mir alles ab. Meine ganze Existenz, mein Wesen.

Das ist zwar nur ein Symbolbild, aber eins mit Schreibmaschine und Kaffee. (Foto: Pixabay)

Ist natürlich nicht so. Ich schlafe manchmal recht gut. Und wenn nicht, dann hats nichts mit dem Schreiben zu tun. Und in die Zeitlücke zwischen meinem Arbeitsende und dem Redaktionsschluss passen durchaus zehn grosse Biere hinein. Testläufe haben das ergeben.

Und – die womöglich überraschendste Pointe meiner hiesigen Ausführungen – ich schreibe gerne. Das mag schockierend klingen; und auch ein bisschen atypisch für Schweizer, die ihren Job eigentlich aus Überzeugung hassen müssen, weil sonst das politische Milizsystem und das nationale Vereinsnetzwerk zugrunde gehen.

Gottseidank gibts ...

Aus Sicht unseres Staats- und Gesellschaftsgefüges kann man demnach sagen: Gottseidank gibt es noch Baumstammsäger, Autoflicker und Wändebemaler, die ihren Job hassen und vielleicht auch ein paar Journalisten (Köppel womöglich). Sonst ginge die Schweiz vor die Hunde.

Ich für meinen Teil nehme das in Kauf. Weil Schreiben toll ist, wenn mans kann und gerne macht. So wie jeder Job toll ist, wenn man ihn kann und gerne macht. Am Morgen aufzustehen und gerne zur Arbeit zu fahren, bedeutet Lebensqualität. Also zumindest letzteres. Das mit dem Aufstehen indes ist immer ein Graus. Vor allem, wenn man am Vorabend zehn Biere getrunken hat.

David Kilchör bestreitet seinen Blog wie sein Leben: Ohne Plan, ohne Themenschwerpunkt. Dafür mit viel Vertrauen, dass es trotzdem gut kommt. Oder zumindest nicht im Desaster endet. Und wenn es doch im Desaster endet, macht er daraus seinen nächsten Blogeintrag.

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