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Züriost-Wettbewerb Schreibstar

Die gestohlene Geige

Von Aaron Gaignat aus Forch. Wer für die Geschichte des 13-Jährigen stimmen möchte, sendet den Buchstaben A per SMS an die Nummer 079 807 10 10.

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Dienstag, 10. November 2020, 18:27 Uhr Züriost-Wettbewerb Schreibstar
Symbolfoto: pixabay.com / Pexels)

«Reine Zeitverschwendung! Wir geben uns so viel Mühe, diese verwöhnten Kinder zu unterrichten, doch es nützt nichts! Die Leistung ist zwar da, aber es fehlt an der Hingabe!», regte sich Antoine Durand auf und raufte sich seine schwarzen Haare. Zusammen mit Monsieur Mathieu, einem Musiklehrer seiner Musikakademie, war Antoine, der erste Geiger des Orchestre de Paris, auf dem Weg in die Cafeteria, als sie plötzlich aus Antoines Büro eine einfache, aber so gefühlvoll gespielte Melodie vernahmen, dass sie stehen blieben, um diese zauberhaften Klänge aufzusaugen.

Als die letzten Noten verklungen waren, erwachten Mathieu und Antoine wie aus einer Trance. Von Neugier getrieben, schritten sie zu Antoines Zimmer, um herauszufinden, wer so wunderbar Geige spielen konnte. Was sie sahen, hätten sie zuletzt erwartet: Ein schäbig gekleideter Junge, höchstens zwölf Jahre alt, stand in der nahen Ecke des Raums – weder Mathieu noch Antoine hatten ihn je zuvor gesehen. Für einen kurzen Augenblick starrte Antoine mit seinen grauen, trüben Augen in die haselnussbraunen des blondhaarigen Jungen.

Dann wie vom Teufel verfolgt, stürmte der blondhaarige Junge, noch immer die Geige in der Hand, an ihnen vorbei. Nachdem sich Antoine vom ersten Schrecken erholt hatte, sagte er mehr zu sich selbst als zu Mathieu: «Ich werde die Polizei informieren müssen!» Doch was war es nur, das ihn bei diesem Gedanken zögern liess? Cedric erwachte durch den eiskalten Wind, der durch die undichte Hauswand seines kleinen Zimmers pfiff. Schlaftrunken rieb er sich seine Augen.

Er musste ständig daran denken, wie er, durch die Musik angezogen, dieses Haus betreten musste und vorsichtig in ein Zimmer geschaut hatte; wie er dann die Geige, die darin war, berührt hatte – und ohne zu wissen, wie und warum, anfing zu spielen. Hatten ihn die zwei vornehmen Herren bei der Polizei gemeldet? Bestimmt!

Cedrics Blick fiel auf die gestohlene Geige, und sofort verspürte er wieder den Drang, darauf zu spielen. Also nahm er sie zur Hand, und da war es wieder, dieses eigenartige Kribbeln in seinen Fingern, das er bereits gestern gespürt hatte. Wie gern er doch gleich hier in  diesem Zimmer spielen würde! Wehmütig erinnerte er sich an die früheren Zeiten, als er noch mit seiner Mutter musiziert hatte.

Cedric wusste, wenn seine Mutter ihn Geige spielen hörte, würde es sie an Vater erinnern, der sie verlassen hatte. Das  tagelange heimliche Weinen würde wieder beginnen. Und was, wenn seine Mutter erfuhr, dass er eine Geige gestohlen hatte? «Du Dieb!», schimpfte er mit sich selber. Vorsichtig wischte Cedric das kostbare Instrument mit seinem Ärmel ab und betrachtete es traurig.

«Ach Mama, morgen werde ich sie zurückbringen!», dachte er seufzend.

Doch wie von einer unsichtbaren Hand geleitet, ergriff er die Geige wieder, verliess das Haus und ging zum grossen Bahnhof. Dort angekommen, begann er zu spielen. Zuerst leise, dann ein wenig lauter. Das nun fast vertraute, wunderbare Kribbeln durchzuckte seine leicht zitternden Finger, doch kam nun ein völlig neues, unbekanntes Gefühl dazu. Dieses wurde verstärkt durch die Leute, die Halt machten, um sich die Musik anzuhören.

Es war ein Selbstbewusstsein, das er noch nie zuvor gefühlt hatte. Angetrieben von neuem Mut spielte er lauter, glückserfüllt, alle Sorgen wurden wegstrichen, von jeder einzelnen Note verbannt. Mit zitternden Knien beendete er sein Lied, und die Zuhörer brachen in Applaus aus. Am nächsten Morgen als Cedric erwachte, fühlte er sich leer . Heute würde er die Geige zurückbringen. Es fühlte sich an, als müsste er ein Stück von sich selbst hergeben.

Betrübt wickelte er sein Instrument in ein Tuch ein und ging schweren Herzens zur Musikakademie. Wie in Trance schlich er die Treppen zum Musikzimmer hoch. Gerade als er die letzte Treppe erklommen hatte, öffnete sich vor ihm eine Türe und zu Cedrics Schrecken trat Antoine heraus. Beide starrten einander kurz an, bevor Cedric Hals über Kopf die Treppen runterstürmte. Er machte erst halt, als die Schule schon weit hinter ihm lag . Der Schock sass ihm immer noch tief in den Gliedern.

Wütend blickte er auf die Geige in seiner Hand: «Alles nur wegen dieser Geige!»

Tränenblind rannte er durch die Strassen, bis er erneut beim grossen Bahnhof ankam. Fast mechanisch fanden seine Finger die Saiten, und schon mit den ersten Klängen verlor er jegliches Zeitgefühl, nahm die Menschen, die eilig an ihm vorbeiliefen, kaum mehr wahr. Plötzlich riss ihn eine Stimme aus dem Spiel: «Wie heisst du?» Erst jetzt erkannte er den Mann mit schwarzem, zerzaustem Haar und den grauen Augen wieder, der ihm gefolgt sein musste.

Erschrocken fragte Cedric: «Werden sie mich einsperren lassen?» Antoine lächelte: «Nein, das wäre schade, um dich und um die Musik. Nimm deine Geige, und spiel weiter!» Zögerlich begann Cedric zu spielen, da nahm Antoine eine Geige unter seinem Mantel hervor und setzte in das Stück von  Cedric ein. Gemeinsam versanken sie ganz in der Musik.

Kategorie Jugend
Von Aaron Gaignat aus Forch. Wer für die Geschichte des 13-Jährigen stimmen möchte, sendet den Buchstaben A per SMS an die Nummer 079 807 10 10. Möglich ist eine einmalige Teilnahme bei der Abstimmung.

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