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Fussball ist die Religion – das Stadion die Kirche

Fussball ist die Religion – das Stadion die Kirche

Bei Ausdrücken wie «Fussballgott», «die Hand Gottes» oder «der Messias» werden Apekte des Fussballs in ein religiöses Kleid gezwängt. Ist jedoch die Vermischung von Fussball und Religion wirklich so abwegig?

Alex
Schüpbach
Freitag, 13. Juli 2018, 17:17 Uhr

Es läuft die 109. Minute im WM-Halbfinalspiel England gegen Kroatien. Mario Mandzukic erzielt mit seinem Schuss das 2:1. Kommentatoren und Journalisten sprechen und schreiben von einem «erlösenden Tor». In Liverpool oder Rio de Janeiro spricht man vom «heiligen Rasen», wenn man die Anfield Road oder das Maracana meint.

Auf den ersten Blick sind Religion und Fussball zwei verschiedene Paar Schuhe, jedoch sieht man auf den zweiten Blick mehr Gemeinsamkeiten, als man denken könnte.

Man folgt einen Klub: Viele Menschen nehmen bei der Geburt eine Religion an und wechseln diese nie. Fussballfans wechseln ihren Klub ebenfalls in den seltensten Fällen und gehen mit dem Klub durch dick und dünn.

Regelmässige Treffen: Man geht Sonntags in die Kirche, die Fussballfans gehen jede Woche zum Fussballspiel. Nach einer bestimmten Zeit – beim Gottesdienst 45 Minuten, beim Fussball 90 Minuten – sprechen die Lager gerne noch mit Bekannten über das Erlebte.

Häuser der Anbetung: Kirchen und Fussballstadien. Man kennt sich aus, sitzt meistens am gleichen Ort. Ab und zu, im Gotteshaus an Weihnachten oder im Stadion zu wichtigen Spielen, kommen mehr Mitmenschen ins Haus.

Personenkult: Gott und Jesus als Mittelstürmer und Verteidiger? Oder doch lieber De Bruyne und Kane als zwei der Aposteln? Menschen hängen sich zwar keine gekreuzigten Fussballer über die Tür (wobei: auch das gibt es), aber hängen deren Trikots in den Schrank.

 

 

Macht und Geld: Vatikan wie auch die Fifa haben die Macht auf ihrem Feld. Sie haben grosse finanzielle Reserven und sind in ihren Entscheidungswegen oftmals undurchsichtig.

Die Liste könnte beliebig erweitert und Public Viewings mit Gottesdiensten auf dem Petersplatz im Vatikan, Brot und Wein gegenüber Bier und Bratwurst oder die historischen Kostüme der Schweizergarde mit den leuchtorangen Westen der Platzanweiser verglichen werden. Joseph Hochstrasser ist Pfarrer von Steinhausen und sagte vor der WM; im St. Galler Tagblatt: «Fussball ist eine Religion. Ich halte mich da an die Definition von Erich Fromm, dass Religion ein System sei, wo Menschen und Gemeinschaften Möglichkeiten der Orientierung hätten und ihre Hingabe zu einem Objekt ausleben könnten. Ist jemand ein grosser Fan, hat sein Verhalten auf jeden Fall religiöse Züge.»

Bei all den Gemeinsamkeiten gibt es natürlich auch Unterschiede. So gibt es für die göttliche Existenz noch keinen Videobeweis.

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