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«Follow Him International» hat Wurzeln in Region

Das Oberland weist eine hohe Dichte religiöser Gemeinschaften auf, doch gibt es nur wenige Gruppen, die hier ihren Ursprung haben. Ein Beispiel ist «Follow Him International».

Mittwoch, 23. Juni 2010, 09:00 Uhr

Die Gründer und Leiter der Organisation Follow Him International, Claude und Daniela Widmer, sind beide im Oberland aufgewachsen, Claude Widmer zuerst in Grüningen, später in Effretikon, wo auch Daniela Widmer ihre Jugend verbrachte. Beide absolvierten sie eine KV-Lehre, und beide waren sie für verschiedene freikirchliche Organisationen tätig.

 

Vor rund zehn Jahren kamen Widmers in Kontakt mit dem Südafrikaner Les D. Crause, der in den USA ein radikales Missionswerk namens Global Ministry Resource Network, abgekürzt GMRN, begründet hat. Crause ist von zwei Gedanken beseelt: Zum einen vertritt er die Lehre, dass christliche Gemeinden wie zu neutestamentlicher Zeit wieder Apostel und Propheten brauchen. Zum Zweiten ist Crause der Ansicht, dass ein Missionswerk auch ein Geschäft sein sollte. Deshalb bietet Crause seine Materialien gegen Geld an und führt daneben diverse Firmen.

 

Dass Reichtum ein ganz wesentliches Ziel Crauses ist, dokumentiert er etwa dadurch, dass er sich einen neuen Namen zugelegt hat: «Bill Yinaire», was ausgesprochen wird wie «billionaire», Milliardär. Von Crause liessen sich Claude und Daniela Widmer zu Propheten und Aposteln bestimmen und waren für GMRN Schweiz mit Sitz in Wald verantwortlich. Doch bald schon initiierten diese ihre eigene Organisation unter dem Namen Follow Him International. Der Einfluss von Bill Yinaire blieb aber stark. So lehrt auch Claude Widmer die typische Vermischung von Religion und Geschäft.

 

Bei Widmer heisst das «Business auf Seine (Gottes) Art»: Gemeinden sollten eigene Firmen führen, um mit deren Einkommen die Gemeindeaktivitäten zu finanzieren. Nach diesem Motto haben Claude Widmer und der harte Kern von Follow Him in den letzten Jahren Unternehmen etwa im Liegenschaftenbereich gegründet.

Geschäft funktioniert nicht

Doch leider läuft der Laden schlecht. Claude Widmer beklagt sich immer wieder darüber, mit wie wenig Geld er leben müsse. Weder würden seine Geschäfte genügend Gewinne generieren, noch fänden sich für die Gemeindeaktivitäten von Follow Him ausreichend spendenfreudige Interessenten. Aus diesem Grund könne er, meint Claude Widmer halb im Scherz, bei Lidl nicht mehr einkaufen, sondern nur noch missionieren.

Eine kleine Gruppierung

Sonntags trifft man sich bei Mitgliedern zu Hause und einmal im Monat zum sogenannten Revival Meeting, zum «Erweckungstreffen» im Stadthaussaal in Effretikon. Das letzte derartige Treffen am 6. Juni hat auch der Schreibende besucht. Die Gemeinschaft ist nicht gross, gut 50 Leute nehmen auf den rund 100 bereitgestellten Stühlen Platz.

 

Nach einleitenden Liedern und einem Gebet waltet Daniela Widmer als Prophetin ihres Amtes. Doch offenkundig ist sie schlecht informiert: Sie sucht sich als «Opfer» ihrer prophetischen Botschaft den Sektenexperten aus. Gerade eben, meint sie, habe sie ein Wort von Gott erhalten für den Mann ganz hinten mit dem weissen T-Shirt und für seine Partnerin, die neben ihm sitze. Alle Augen im Saal richten sich auf meine Frau und mich. Ob wir verheiratet seien oder nicht, wisse sie nicht, so Daniela Widmer, aber sie sehe einen tiefen Graben, ja eine Schlucht zwischen uns beiden. Immer wieder würden wir versuchen, uns einander wieder anzunähern, doch bisher wären diese Bemühungen vergeblich gewesen. Nun aber würde Hilfe nahen: Daniela Widmer habe gesehen, wie Gott diese Schlucht zwischen uns wie mit einem Faden zusammennähen würde. Und nicht nur das, auch uns beide würde Gott mit einem Faden zu einem Ganzen zusammennähen. Alle Verletztheiten würden schwinden, wir bräuchten nur auf Gottes Gnade zu vertrauen.

 

Während dieser Prophetie blickte die Gemeinde gebannt auf uns beide, in der Erwartung, dass wir durch eine Regung die Richtigkeit der Ausführungen von Widmer bestätigen würden. Wir konnten den Anwesenden diesen Gefallen aber beim besten Willen nicht tun: Die Prophezeiung ging komplett daneben. Wer meine Frau und mich kennt, nimmt unsere Partnerschaft als extrem symbiotisch und harmoniebezogen wahr. Wenn Freunde unsere Ehe kritisch diskutieren, dann fragen sie, ob nicht ein bisschen mehr an Distanz und gelegentlich auch ein Konflikt guttäte. Es gibt keine Schlucht zwischen uns, die zu schliessen wäre, und uns beide noch stärker aneinander zu binden, führte aus Sicht all unserer Bekannten gänzlich in die falsche Richtung.

Problematische Aussagen

Daniela Widmer mag viele Gaben haben, diejenige der Prophetie hat sie offenkundig nicht. Vielmehr ergibt sich das Bild, wie man es von den Fernseh-Wahrsagern kennt: Daniela Widmer hat das geäussert, was ohnehin anzunehmen ist. Bei Männern in meinem Alter (43 Jahre) besteht eine Wahrscheinlichkeit von weit über 50 Prozent, dass die Partnerschaft gewisse Risse zeigt oder mindestens etwas distanzierter ist als auch schon. Eine solche Prophezeiung des ohnehin Anzunehmenden wird allgemein «Joker-Aussage» genannt, weil sie fast immer passt. Wenn mit solchen Aussagen der Sektenexperte bedient wird, schadet das höchstens der Gemeinschaft selbst. Anders sieht es aus, wenn Daniela Widmer mit ihren «Prophetien» Personen konfrontiert, die sich in einer Krise befinden. Dann wird diese Missionsmethode aus seelsorgerlicher Sicht ausserordentlich problematisch.

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