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Burger King und Co.

Volketswil, das Fast-Food-Dorf

Volketswil hat die höchste Konzentration an Schnellfress-Lokalen in der Region. Richtig stolz darauf ist man allerdings nicht.

Redaktion
Züriost
Montag, 19. September 2022, 17:02 Uhr Burger King und Co.

Volketswil ist eine Agglomerationsgemeinde wie viele andere auch. Ein Dorfkern mit einem einigermassen gut funktionierenden Dorfleben, eine Handvoll Aussenwachten, Jugendliche, die sich an der Grossstadt orientieren.

Was die Gemeinde auszeichnet, ist ihr Gastro-Angebot. Allerdings ein etwas anderes, als man es in der Nachbargemeinde Dübendorf findet. Mit einem adligen Hochsitz wie der Waldmannsburg kann man nicht aufwarten. Volketswil hat aber etwas, was die Garnisonsstadt nicht hat: eine Fast-Food-Meile.

In Hegnau wird der Durchreisende seit Juni von Burger King empfangen, im Herz des Industriegebiets Zimikon folgen McDonald's, gleich gegenüber Kentucky Fried Chicken (KFC) und wenige hundert Meter danach die Sandwich-Kette Subway.

Vier Fast-Food-Angebote zwischen Hegnau und Autobahn. (Karte: Lene Zalokar)

Zugegeben, an einem besonders gediegenen Ort liegen die Fress-Buden nicht. Der Zugang zum Burger King führt über eine dunkle Autogarage, und gleich nebenan leuchtet einem eine riesige Reklame mit der Aufschrift «FKK Bar» entgegen. McDonald's, KFC und Subway liegen an einer Strasse fast schon amerikanischen Ausmasses, mit entsprechendem Durchgangsverkehr und umstellt von Industriekomplexen, Parkplätzen und Firmenschildern.

Wer zackig Kalorien zu sich nehmen will und sich nicht daran stört, wenn das Gegenüber beim Vertilgen seines Snacks ein wenig kleckert, für den ist Volketswil ein Paradies. 

«Das ist Nahrungsaufnahme, aber nicht Essen.»
Werner Hägi, KFC-Kunde

Werner Hägi, Metallbauer, hat sich die Zeit genommen, auf einem Hocker Platz zu nehmen. Im KFC isst er Hühnchen, weil er in seiner Mittagspause keine Zeit hat, in einem herkömmlichen Restaurant lange auf sein Essen zu warten. Besonders gern speist Hägi hier allerdings nicht. «Das ist Nahrungsaufnahme, aber nicht Essen», sagt er. Ob bei der Konkurrenz McDonald's oder hier beim weltgrössten Hähnchenbrater, das spielt für ihn keine grosse Rolle.

Im Dorf Volketswil macht man zwar keine Freudensprünge in Anbetracht der Tatsache, dass man die höchste Konzentration an Fast-Food-Lokalen in der Region hat. Hansjürg Fels vom Gewerbeverein Volketswil etwa macht keinen Hehl daraus, dass Fast-Food nicht unbedingt sein Ding ist: «Wenn ich abends mit der Familie unterwegs bin, gehe ich sicher nicht in ein Restaurant einer Fast-Food-Kette.»

«Es ist schön, wenn sich Firmen in Volketswil ansiedeln.»
Bettina Gysi, Industrieverein Volketswil

Kritisch äussert sich allerdings auch niemand zum Thema Fress-Buden. Gemeindepräsident Jean-Philippe Pinto (CVP) betont, dass er nichts gegen Fast Food habe. Und für Bettina Gysi, die Präsidentin des Industrievereins Volketswil, stehen die Vorteile für den Standort im Vordergrund: «Es ist schön, wenn sich Firmen in Volketswil ansiedeln.» Angesichts des grossen Fast-Food-Angebots meint sie: «Offenbar besteht ein Bedürfnis, sich im Industriegebiet zu verpflegen.» Sie vermutet, dass der Schnell-Imbiss nicht nur für Mitarbeitende in Industriebetrieben und Einkaufende attraktiv ist, sondern auch für das junge Publikum: «Volketswil ist eine Gemeinde mit vielen jungen Einwohnern – und diese gehen gerne in Fast-Food-Lokale.»

Obwohl Volketswil bereits über traditionelle Restaurants verfügt, allen voran der «Wallberg» und die «Schmiedstube» im Dorf, würde man gerne zusätzliche Angebote sehen. Pinto zum Beispiel wünscht sich weitere traditionelle Beizen und Cafés. Er glaubt auch, dass das Bedürfnis nach unterschiedlichen Angeboten in der Gemeinde besteht. Schliesslich habe Volketswil nicht nur jugendliche Konsumenten, die nachts nach dem Ausgang im McDonald's Halt machten, sondern noch viele andere, etwa Senioren und Geschäftsleute.

«Wird ein Restaurant mit Herz und Seele geführt, zieht es auch Leute an – egal in welchem Umfeld es sich befindet.»
Jean-Philippe Pinto, Gemeindepräsident von Volketswil

Und er glaubt, dass ein Lokal mit einem speziellen gastronomischen Konzept auch in einer Agglomerationsgemeinde wie Volketswil eine Chance haben könnte: «Wird ein Restaurant mit Herz und Seele geführt, zieht es auch Leute an – egal in welchem Umfeld es sich befindet.»

Hansjürg Fels schätzt die Erfolgschancen für zusätzliche Gastrolokale allerdings als eher gering ein: «Mit über 18'000 Einwohnern wäre noch genügend Kapazität vorhanden für weitere gute Restaurants. Aber dafür sind zum heutigen Zeitpunkt keine entsprechenden Gebäude vorhanden und auch nicht unbedingt geplant.»

Bis der grosse Traum von Gourmet-Tempel- und Café-Meile in Erfüllung geht, bleibt den Volketswilern also nur, zu akzeptieren, was sie haben. Wenigsten müssen sie bis dahin nicht verhungern.

Dieser Artikel erschien ursprünglich im August 2019. Im Rahmen unseres Essen&Trinken-Specials veröffentlichen wir ihn nun erneut.

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