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Mütter- und Väterberatung Bezirk Hinwil

«Wenn die Eltern Schoggi essen, will das Kind natürlich auch»

Bis ein Kind Messer und Gabel benutzen kann, braucht es viel Geduld der Eltern. Doch bereits bei den ersten Bissen fester Nahrung wird ein Kind für die folgenden Jahre geprägt. Isabel Hess vom Kinder- und Jugendhilfezentrum Rüti gibt Tipps, wie ein guter Start gelingt.

Lea
Chiapolini
Montag, 05. September 2022, 08:00 Uhr Mütter- und Väterberatung Bezirk Hinwil

Im September und Oktober widmet sich Züriost verstärkt dem Thema Essen und Trinken. Den Auftakt zu diesem Special macht dieser Artikel - passend mit dem Übergang von kleinen Kindern von Milch zu fester Nahrung. 

 

Spinat und Broccoli sind Klassiker, die Kinder auf ihren Teller nicht sehen wollen und oft gar nicht erst von ihnen berührt werden. Doch wie schafft man es, dass das eigene Kind Gemüse lieben lernt und auch sonst genügend Lebensmittel mag, damit eine ausgewogene Ernährung gesichert ist?

Das ist eine der Fragen, die Isabel Hess oft hört. Sie arbeitet als Mütter- und Väterberaterin im Bezirk Hinwil. Grundsätzlich gelte: «Je früher das Kind mit möglichst vielen verschiedenen Lebensmitteln in Kontakt kommt, desto eher findet es den Geschmack daran.»

Verunsicherte Eltern 

Ab dem vollendeten vierten Lebensmonat sind Kinder in der Regel bereit für Beikost – in den meisten Fällen bedeutet das Gemüsebrei. Es gibt aber auch Babies, die länger ausschliesslich Milch bevorzugen oder gleich von der Milch zu fester Nahrung übergehen.

«Viele Eltern sind verunsichert, weil sie es richtig machen wollen, es aber keine klare Gebrauchsanweisung gibt, die für alle Kinder passt», sagt Hess. «Die Eltern müssen selber herausfinden, wo sie die Prioritäten setzen und vor allem, was sie ihren Kindern vorleben wollen.»

Symbolbilder Essen Baby Kinder
Zucker und Salz sind im ersten Lebensjahr nicht nötig, sondern ein Problem. (Foto: Unsplash/Hui Sang)

Dazu gehört unter anderem der Genuss von Zucker. Grundsätzlich wird von der Gesundheitsförderung Schweiz, an der sich die Mütter- und Väterberaterinnen orientieren, im ersten Lebensjahr von Zucker abgeraten. Denn die Kinder nehmen durch Milch und Früchte bereits genügend Zucker zu sich. Zudem können die ersten Zähnchen bereits Schaden nehmen.

«Wenn die Eltern nach jeder Mahlzeit ein Stück Schoggi essen, will das Kind dies natürlich auch», sagt Isabel Hess. Kinder sind darauf programmiert, die Eltern nachzuahmen, denn so lernen sie. «Hinter dem Rücken der Kinder Süsses zu essen, funktioniert ebenfalls nicht. So etwas merken sie sofort.» Die Zeit, in der das Kind mit fester Nahrung beginnt, sei denn auch für die Eltern eine gute Zeit, um ihr eigenes Essverhalten zu überdenken.

«Die Eltern entscheiden was wann gegessen wird – das Kind entscheidet, was und wie viel davon es isst.»
Isabel Hess, Mütter- und Väterberaterin

Die Empfehlungen, wie man ein Kind beim Herantasten an feste Nahrung unterstützt, haben sich derweil in den letzten Jahrzehnten verändert. «Früher war klar: Als erstes gibt es einen Rüeblibrei», sagt Hess. Heute wird empfohlen, vermehrt auf die Kinder einzugehen. «Die Eltern entscheiden was wann gegessen wird – das Kind entscheidet, was und wie viel davon es isst.»

Zudem werden Eltern heutzutage dazu ermutigt, das Kind die Lebensmittel erfahren zu lassen. Heisst: Die Kinder sollen mit dem Essen «spielen» dürfen. «Wie fühlt es sich an? Ist es warm, kalt, hart, weich? Welchen Geschmack hat es, welchen Geruch? Durch Zerdrücken und Verschmieren macht sich ein Kind mit einem neuen Lebensmittel vertraut. Auch wenn das gewisse Eltern fast nicht aushalten», sagt Hess.

5 Tipps für die Einführung von Beikost

Das Kind darf in seinem eigenen Tempo essen
Das Kind als Teil der Familie am Tisch essen lassen
Das Kind bestimmt, was es essen will
Positive Rückmeldungen geben
Essen soll genussvoll sein und Freude bereiten 

Es sollte so viel ausprobiert werden, wie das Kind zulässt. «Wenn es mit dem Löffel gefüttert wird aber klar den Kopf abwendet, den Mund zusammenpresst oder gar zu weinen beginnt, darf man es nicht zum Essen zwingen.» Ansonsten besteht die Gefahr, dass es kein natürliches Sättigungsgefühl entwickelt, was später zu Schwierigkeiten führen kann.

«Essstörungen können ihren Ursprung schon früh im Leben haben», sagt Isabel Hess. Doch junge Eltern soll dies nicht noch mehr verunsichern. «Das Essverhalten kann auch in den Folgejahren korrigiert werden.» Auch wenn ein Kind im frühen Alter nur wenige Lebensmittel akzeptiert, kann es später noch lernen, Varietät zu schätzen.

Hess spricht in diesem Zusammenhang nicht von Fehlern, die man als Eltern in diesem Prozess machen kann, sondern von «noch nicht genutzten Chancen». Oft brauche es bis zu 20 Versuche, bis ein Lebensmittel akzeptiert wird.

Vegane Ernährung umstritten 

Allerdings gibt es auch Richtlinien, an die sich die Eltern halten sollten. Neben Zucker wird etwa im ersten Lebensjahr von Salz abgeraten. Die Nieren der Kinder sind noch nicht fertig entwickelt und können zu viel Salz nicht verarbeiten. «Auch Honig sollte erst später angeboten werden», sagt Isabel Hess. 

Grosse Verunsicherung spüre sie in den Beratungen auch immer wieder in Bezug auf vegetarische oder vegane Ernährung. Vegetarische Ernährung sei bei Kindern möglich, vegane Ernährung wird jedoch für Babies und Kleinkinder nicht empfohlen.

«Bei veganer Ernährung müsste auf Ergänzungsmittel zurückgegriffen werden, um Mängel zu vermeiden», sagt Isabel Hess. Und genau das wolle man ja mit einer ausgewogenen Ernährung umgehen.

Die Mütter- und Väterberaterinnen des Bezirks Hinwil arbeiten im Auftrag des Kinder- und Jugendhilfezentrums (KJZ) in Rüti. Das KJZ steht Eltern bei allen Fragen zur Erziehung und zum Familienalltag beratend zur Seite. Auch bei Notlagen und familiären Konflikten bietet das KJZ persönliche Unterstützung: www.zh.ch/kjz-rueti.

Weitere Informationen zum Thema Ernährung für Kinder sind unter folgenden Links zu finden:
Familienmagazin 
«Fürs Leben gut»: www.fuerslebengut.ch
Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen www.kinderandentisch.ch
Gesundheitsförderung Schweiz www.gesundheitsfoerderung.ch
Schweizerische Gesellschaft für Ernährung www.sge-ssn.ch

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