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Züriost-Blog

Bisi i de Bibi

Redaktion
Züriost
Dienstag, 04. Mai 2021, 08:10 Uhr Züriost-Blog

In der Stadtbibliothek Uster. Eine Agglomutter mit ihren zwei Kindern kommt herein, hilft den Kindern beim Ausziehen der Jacken, holt mit ihnen zwei altersgerechte Puzzles hervor. Sie beginnen zu puzzlen.

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Fünf Minuten später meldet sich das zweijährige Kind.

«Mami, ich mues ufs WC.»

«Was, echt? Jetz simmer doch grad cho? Wemmer nöd no chli Zämesetzli mache...»

«Nei, ich mues würkli fescht.»

Die Mutter versorgt die Puzzles und geht mit den Kindern zur Treppe ins UG, die wirklich steil ist und etwas Geduld braucht. Sie hilft dem Kind, die Hose runterzuziehen, setzt es auf die WC-Brille, putzt ihm das Fudi und stellt eine kluge Frage:

«Muesch kei G**?»

«Nei nei! Nur Bisi!»

Die Mutter fragt das Kindergartenkind:

«Silvan, muesch du allefalls au Bisi? Oder G**? Jetzt simmer grad scho da.»

«Nei Mami, ich bi grad dehei gsi!»

«Sicher?»

«Jaaaa... hani doch gseit!»

Die Mutter geht mit den Kindern die Treppe hoch. Man holt ein Büchlein und schaut es an. Nach fünf Minuten schaut das Kindergartenkind die Mutter treuherzig an.

«Liebs, liebs Mami... Leider mues ich glich ufs WC.»

«Silvan! Mann! Echt! Warum hesch das nöd vorher gseit, ich ha di doch extra no gfrägt!»

«Ich hans halt vorher nonig gwüsst, Mami!»

Die Mutter versorgt die Büchlein, nimmt die Kinder und geht mit ihnen die Treppe herunter. Sie scheucht das Kindergartenkind aufs WC, überwacht das Händewaschen und fragt:

«Serena, muesch du grad nomal? Oder mues eis vo eu G**? JETZT isch de Moment!»

Niemand muss. Die Mutter kämpft sich mit den Kindern die Treppe hoch.

«Mami, ich han Hunger!» sagt das kleinere Kind. Die Mutter schaut auf die Uhr und packt den Zvieri aus, zu dem just an dem Tag auch zwei Comella gehören. Die Mutter schaut zu, wie die Kinder gierig an den Röhrli saugen und hat eine Vorahnung. Schnell versteckt sie die Wasserflasche unter dem Regenschutz des Kinderwagens. Leider haben die Kinder nach dem Comella sehr Durst und teilen sich trotzdem die Halbliter-Disneys-Cars-Wasserflasche.

«So, jetzt hend er so vill trunke. Mues echt öpper ufs WC, bevor mer denn endlich eusi Büechli uswähled?»

Niemand muss. Nur die Mutter. Also runter ins UG, Sie wissen schon, und wieder hoch.

Oben sagt das kleinere Kind:

«Mami, jetzt chunnt de G**!»

Die Mutter meditiert kurz, geht wieder ins UG, hilft beim Ausziehen und setzt das Kind auf die Klobrille. Als es fertig ist, nimmt sie es herunter, putzt das Fudi und wäscht sich und dem Kind die Hände.

«Mami, jetzt muesi no Bisi!»

Die Mutter sucht ihre geistige Mitte, hilft beim Ausziehen, setzt das Kind zurück auf die Klobrille, es pinkelt, die Mutter hilft beim Fudi putzen und anziehen und wäscht sich und dem Kind die Hände.

Als sie zusammen die Treppe hochgehen, beginnt das Kindergartenkind zu weinen:

«Mami, ich han Angst, ich wett hei, sofort!»

«Hä?? Was isch denn jetzt los? Isch öppis passiert?»

«Mami, ich wett eifach sofort hei, ganz schnell!»

Die Mutter schleift die Kinder die Treppe hoch und nimmt das grössere ins Gebet. Es stellt sich heraus:

«Ich han ebe won ihr ufem WC gsi sind us Versehe s zweite WC bschlosse. Vo usse! Jetzt chamer nüme ine! Mami, jetzt sind die vode Bibi sicher uh verruckt uf mich!»

Die Mutter hält den obligaten pädagogisch korrekten Vortrag über das Geradestehen für eigene Fehler und geht dann mit den Kindern die Treppe hinunter. Tatsächlich hat das Kindergartenkind es geschafft, den Schliessmechanismus von aussen zu betätigen. Die Mutter holt ihren Hausschlüssel hervor und missbraucht ihn als Werkzeug. Das Klo ist wieder offen, aber niemand muss.

Die Mutter geht... Sie wissen schon, die Treppe, und rafft mit den Kindern noch rasch ein paar Büchlein zusammen. Sie verlassen die Bibliothek. Auf dem Heimweg meldet sich das Kindergartenkind.

«Mami, jetzt muesi G**! Dringend, Mami!»

Die Mutter überdenkt hastig ihre Optionen und weiss, dass das grosse Kind zu gross ist, um das Geschäft wie ein Hündchen am Wegrand zu erledigen. Ausserdem hat sie keine Robidogseckli dabei.

Daher schwingt sie das kleinere Kind vom Trottoir in den Kinderwagen und legt einen Zahn zu.

«Mami, ich chans fascht nüme verhebe, es isch langsam sehr dringend!»

Die Mutter verfällt in den Laufschritt, den Kinderwagen mit 15 Kilo Mensch und 15 Kilo Büchlein schiebend und das zweite Menschlein hinter sich herziehend. Das Halbmarathon-Training macht sich bezahlt. Innert 10 Minuten ist man zuhause und biegt auf die letzten Meter ein, natürlich nicht ohne Schweiss und Tränen. Da meldet sich das Kindergartenkind.

«Mami? Mami, ich glaub de Dario isch no ufem Spielplatz. Dörf ich no verusse blibe?»

«Nei, du muesch doch so dringend ufs WC??!!»

«Mami... ich glaub s isch nur es Fürzli gsi. Ich mues irgendwie gar nüme!»

Isabelle Maissen fragt nicht, ob sich Beruf und Familie vereinen lassen. Sie packt einfach alles ins Leben, was ihr wichtig scheint: Den abenteuerlichen Alltag mit zwei Schulkindern, einen Job, der jeden Tag anders daherkommt und viel Auslauf in Form von sportlicher Betätigung. Manchmal liegt auch etwas Schlaf drin. Der Ehemann «hilft» nicht im Haushalt, sondern erledigt genauso selbstverständlich seine Hälfte, wie sie ihre Hälfte zum Einkommen beiträgt. Die Ehe funktioniert trotzdem und die Kinder wirken soweit unbeschädigt.

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