×
Züriost-Blog

Der Mensch erscheint im Kauz

David
Marti
Donnerstag, 25. März 2021, 10:05 Uhr Züriost-Blog

Abgeschottete, verzweifelte Menschen, die vor lauter Homeoffice nicht mehr wissen, wie sich echte Artgenossen in der realen, freien Welt bewegen, haben es heute schwer. Wollen sie sich der Geheimnisse des menschlichen Zusammenseins erinnern, bleiben ihnen nur mehr zwei Möglichkeiten. Entweder sie laden ganz illegal nach der Arbeit auf einen Apéro mit reichlich Schnaps ein und warten, wie sich der Abend entwickelt. Oder schauen den Waldkäuzen in Wetzikon beim Nisten zu und projizieren deren Verhalten auf eine durchschnittliche Schweizer Familie.

Hier gehts zu allen Züriost-Blogs >>

Weil man Ersteres wahrscheinlich schon zigmal durchlebt, aber aus Trunkenheit keine Erinnerungen davongetragen hat, wird der gesellige Anlass auch in Corona-Zeiten keine Wiederentdeckung im soziologischen Sinne bieten.

Dagegen bleibt einem das Gebaren der Waldkäuze für immer. Dieses überträgt pausenlos eine Webcam, die eine Wetziker Familie auf ihrem Hof eingerichtet hat. Darüber hat meine Kollegin kürzlich berichtet. Im Nistkasten wohnen zwei erwachsene Käuze und drei Junge.

Für eine Familie ist die Geburt dreier Kinder natürlich ein Wahnsinn, weil weit über den 1,5 Kindern des Schweizer Durchschnitts (wobei ich mich frage, wo die Müllers jeweils ihr halbes Kind verstecken). Gleichzeitig ist der Nistkasten mit nur einem Zimmer weit unter der Viereinhalb-Zimmer-Normwohnung von Frau und Herr Schweizer.

Doch die Käuze fühlen sich in ihrer Viel-zu-klein-Zimmerwohnung durchschnittlich wohl. Das Monitoring der letzten sieben Tage von mir fällt eindeutig aus. So war trotz Corona keinerlei häusliche Gewalt auszumachen, was doch auf ein harmonisches Familiengefüge schliessen lässt.

Vorgestern waren die kleinen Käuze allein. Lautstark beklagten sie sich. Vielleicht hatten sie Hunger und schrien inmitten eines halben Dutzends erlegter Mäuse.  

Wahrscheinlicher war jedoch, dass sie sich über die Debatte im Nationalrat für Jugendschutz bei Filmen und Games mokierten – weil damit die richtig fetten Ego-Shooter und Splatter-Movies für sie nicht mehr so leicht zugänglich sein werden.

Dann, gegen 21.47 Uhr, kam der Vater nach Hause. Die Maus, die er mitbrachte, war längst kalt. Der Zeitpunkt der Rückkehr schien keineswegs zufällig, war doch kurz zuvor in den Champions-League-Spielen zur Halbzeitpause gepfiffen worden.

Ein vorwurfsvolles Fiepen der Mutter. Google translate half bei der Übersetzung. Die Mutter sagte: «Ich stehe aber nicht mehr die ganze Nacht in der Küche.» Darauf sprach Vater Kauz: «Ich geh nochmal in die Krone.»

Derweil waren die Jungen gestern Morgen ein bisschen besser drauf. Wie sie aus dem Blätterwald erfahren hatten, sorgt das Corona-Phänomen dafür, dass Jugendliche an den Supermarktkassen aufgrund der Schutzmasken vom Verkaufspersonal öfters als Erwachsene wahrgenommen werden und damit der Schnapskauf für Minderjährige leichter wird. Das wiederum sorgt bei der Jungschar für Zuversicht.

Den Rest können sich abgeschottete Menschen selber zusammenreimen. Die Kinder bringen irgendwann ihre eigenen Mäuse nach Hause und geben damit in ihrem eigenen Livestream an. Die Mutter hat sich emanzipiert und verkehrt neuerdings in der Krone – der Vater nur noch in der Linde.

 

David Marti stellt sich regelmässig tot, wie ein Opossum. Trotzdem treten Menschen auf ihn ein, damit er diesen Blog schreibt.

 

Kommentar schreiben