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Züriost-Blog

«Schreib mir, wenn du zu Hause bist»

Talina
Steinmetz
Mittwoch, 17. März 2021, 10:00 Uhr Züriost-Blog

Der Tod der Britin Sarah Everhard ist aktuell ein grosses Thema in den Medien. Die 33-Jährige verliess an einem Mittwochabend vor Mitternacht das Haus einer Freundin, um zu Fuss nach Hause zu gehen. Dort angekommen ist sie nie: Unterwegs wurde sie entführt, eine Woche später wurde ihre Leiche gefunden. Im Zusammenhang mit dem Fund der Leiche wurde ein Polizist fest genommen, gegen den nun wegen Entführung und Mord ermittelt wird.

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Der Tod von Everhard löste in den sozialen Medien eine Welle der Empörung und Wut aus, vor allem bei Frauen. Viele von ihnen teilten online ihre negativen Erfahrungen, die auf dem Nachhauseweg gemacht hatten – und führten den Hashtag #Textmewhenyougethome ein.

«Schreib mir, wenn du zu Hause bist.»

Ein Satz, den ich schon seit Kindertagen zu hören bekomme. Früher von meiner Mutter, wenn ich alleine mit dem Bus zu meiner Oma fuhr. Von meinem Vater, wenn ich am Mittwochnachmittag zu Fuss zu einer Freundin ging. Jetzt von meinen Freunden, wenn sich unsere Wege am Bahnhof nach dem Clubbesuch trennen und von meinem Partner, wenn ich vor ihm eine Bar oder Party verlasse.

«Schreib  mir, wenn du zu Hause bist.»

Ein Satz, der so viel mehr ist, als nur eine nette Floskel am Ende eines Treffens. Ein Satz, mit dem man sichergehen will, dass die eigenen Freunde wohlbehalten zu Hause angekommen sind. Denn ein Weg nach Hause, gerade im Dunkeln, ist nicht ohne. Das zeigt der Fall von Sarah Everhard, aber auch alle weiteren Vorsichtsmassnahmen, die neben «Schreib mir, wenn du zu Hause bist» von mir und meinen Freundinnen getroffen werden. Zum Beispiel folgende: 

Lautstark Telefonate führen. Echte, aber auch gefakte.

Die hohen Schuhe bewusst mit Turnschuhen auswechseln – falls man rennen muss.

Den Schlüssel zwischen den Fingern einklemmen, um ihn im Ernstfall als Stichwaffe zu nutzen.

Den Live-Standort dem Freund zu Hause schicken. Mehrmals.

Ein zweites Outfit einpacken, um auf dem Nachhauseweg nicht aufzufallen.

Einen 30-minütigen Umweg machen, um eine bestimmte Gasse zu meiden.

Im Kopf eine mögliche Fluchtroute bereit haben.

Kaum jemand ist überrascht, wenn man ihm oder ihr von diesen Überlegungen erzählt. Überrascht ist man eher, wenn eine Frau völlig unvorbereitet alleine irgendwo hingeht. Und genau das finde ich problematisch – denn keine Frau, nein, kein Mensch, sollte sich vor dem eigenen Nachhauseweg fürchten müssen.

Das wird sich aber nicht ändern, solange sich die Gesellschaft nicht ändert und diese Probleme nicht ernst genommen werden. Solange den Opfern die Schuld an Belästigung zugeschoben wird. Oder ihnen erst beim dritten Anlauf, ein Vergehen zu melden, geglaubt wird. Solange man wegsieht, obwohl man offensichtlich Zeuge von Belästigung ist. Solange Frauen belächelt werden, weil ihnen ein alleiniger Nachhauseweg Sorgen bereitet, wird dieser nicht sicherer.

Das Leben eines Menschen zu retten beginnt damit, jedes davon ernst zu nehmen. Und bis es soweit ist, braucht es den Satz «Schreib mir, wenn du zu Hause bist» – er verleiht uns zumindest ein bisschen das Gefühl von Sicherheit. 

Talina Steinmetz kann nie lange stillsitzen, liebt Babybüsis und hasst den Winter. Aber sie passt sich an. Mal mehr, mal weniger. 

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