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Züriost-Blog

Ist das noch Gendersprech oder schon ein Schlaganfall?

Thomas
Bacher
Sonntag, 07. März 2021, 12:00 Uhr Züriost-Blog

Alles fing damit an, dass gewisse Menschen, also Frauen, sich nicht mehr mitgemeint fühlten, wenn man beispielsweise für ihre Berufsbezeichnung im Plural das generische Maskulinum wählte, also etwa von «Ärzten» in einem Spital sprach, wo dort doch auch Ärztinnen, also weibliche Ärzte, arbeiteten. Irgendwann war der Ärger darüber so gross, dass man fortan von «Ärztinnen und Ärzten» sprach. Was ich voll unterstützen kann. Ehrlich.

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Allerdings: Dieses «Liebe Stimmbürgerinnen und Stimmbürger», das «geschätzte Handelsvertreterinnen und Handelsvertreter» oder auch das «ihr verdammten Mörderinnen und Mörder» – äh nein, da wird das generische Maskulinum ja noch akzeptiert – frisst einfach wahnsinnig viel Zeit und macht Erzählungen gerne ein wenig langfädig.

Eine «Person» darf man ruhig plagen

Und da wir ja nicht so viel Zeit haben – und einige Männer sich darüber beschwerten, dass «die Weiber» immer zuerst genannt werden –, liess man sich etwas anderes einfallen. Allen voran natürlich mal wieder die Sozis und Pädagogen. Also wurden die «Lehrerinnen und Lehrer» zu «Lehrpersonen», was einer eigentlichen Entmenschlichung gleichkam und wohl hauptsächlich schuld ist daran, dass die Kleinen ihren Respekt vor dem pädagogischen Personal ein kleines bisschen verloren haben. Einer «Person» kann man locker mal einen Reissnagel auf den Stuhl legen, kein Problem, beim Lehrer oder der Lehrerin aber ist das richtig gemein.

Gleichzeitig vereinigten sich die «Studentinnen und Studenten» – hihihi, nicht so wie Sie jetzt denken, Sie «Ferkel-Person»! – zu den mittlerweile ebenfalls etablierten «Studierenden». Natürlich machte auch die geistige Elite mit («Doktorierende»), und sogar die Arbeiterklasse («Mitarbeitende»). Ah shit, haben Sie es gemerkt? Eigentliche sollte es «Arbeitendenklasse» heissen. Nun, es ist eben tückisch, eine Berufsbezeichnung durch die Tätigkeit im Partizip präsens zu ersetzen. Ja, ich könnte zum Beispiel schon ein «Journalistisch Schreibender» sein, aber manchmal bin ich eben auch ein «An der Kaffeemaschine Rumlungernder» oder ein «Sich vor der Arbeit Versteckender» oder ein «Bullshit Erzählender».

Mittlerweile bin ich tief beeindruckt, mit welch lässiger Selbstverständlichkeit die «Moderator(Pause)innen» diese Pause setzen.

Weil das alles so fürchterlich kompliziert ist, haben Menschenpersonen das Gendersternchen und das Binnen-I erfunden, und ein paar andere Sachen auch noch. Aber ehrlich, darüber wurde schon so viel gelacht, da fällt mir jetzt auch grad nichts Schlaues mehr ein. Umso erfreuter bin ich, dass sich zumindest in der gesprochenen Sprache eine Lösung des Problems abzeichnet: die Genderpause. Man hörts mittlerweile sogar schon im Gebührenfernsehen, wo von «Lehrer(Pause)innen» die Rede ist oder von «Mitarbeiter(Pause)innen» oder von «Betrüger(Pause)innen», äh nein, da nicht, aber sonst schon.

Erst habe ich gedacht, dass die «Moderator(Pause)innen» einen Aussetzer haben, vielleicht einen Mini-Schlaganfall, der für einen kurzen Augenblick ihr Sprachzentrum lähmte. Aber mittlerweile bin ich tief beeindruckt, mit welch lässiger Selbstverständlichkeit sie diese Pause setzen und so alle Geschlechter und Nicht-Geschlechter in einer Formulierung vereinen. Und ja, ich möchte es auch gerne mal versuchen, aber ich geniere mich, weil ich Angst habe, einen Fehler zu machen. Denn so einfach ist es dann doch wieder nicht.

Irgendjemanden beleidigt man immer

Macht man die Pause zu kurz, fühlen sich die Männer diskriminiert und weisen völlig zurecht darauf hin, dass das Gehirn bei einer Pause von weniger als zwei Zehntelsekunden die beiden Wortfetzen als ein Wort – und damit nur als weibliche Form wahrnimmt, was die Männer ausschliesst wie damals die «Ärzte» die Frauen.

Macht man die Pause hingegen zu lang, fühlen sich die Frauen völlig zurecht benachteiligt, weil das Gehirn bei Pausen von mehr als zwei Zehntelsekunden keinen Zusammenhang mehr herstellen kann zwischen den beiden Wortfetzen, wodurch die weibliche Endung wie ein Anhängsel erscheint. Anhängsel? Das geht natürlich nicht! Die Menschen, die sich keinem klaren Geschlecht zuteilen können oder wollen oder sich erst zu einem späteren Zeitpunkt festlegen möchten oder vielleicht auch nicht, fordern wiederum eine möglichst lange Pause, damit zum Beispiel zwischen «Zuschauer» und «innen» reichlich Platz für möglichst viele Geschlechtsnuancen bleibt.

Nun, wenn ich es mir recht überlege, gibt es vielleicht doch noch eine bessere Lösung.

Thomas Bacher ist überzeugt davon, dass die Welt um ihn herum immer verrückter wird. Seinen Psychiater möchte er damit nicht belästigen, viel lieber schreibt er darüber. 

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