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Züriost-Blog

Pornografski Schwitzarski

David
Marti
Donnerstag, 11. Februar 2021, 10:14 Uhr Züriost-Blog

Ich mag Hotelzimmer. Eintreten in ein aufgeräumtes Zimmer, einmal mit den dreckigen Schuhen übers Bett latschen, alle Handtücher auf den Boden schmeissen und dann ein anderes Zimmer verlangen – ein anspruchsvoller Gast macht das so. Im neuen Zimmer angekommen, mache ich die obligate Sightseeing-Tour, indem ich zwanzig Sekunden aus dem Fenster schaue.

Danach sofort den Fernseher einschalten, um Kultur und Brauchtum des Gastlandes noch vertiefter kennenzulernen. Bis zu drei Ferienwochen kann man gut im Zimmer vor dem TV verbringen, danach sollte man das Hotel wechseln, da das TV-Angebot von Hotel zu Hotel oft stark variiert.

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Die beste Fernseh-Sender-Auswahl hatte ein Hotel in Belgrad zu bieten. Als ich den Fernseher einschaltete, fand ich mich mitten in einem Porno wieder. Ich wartete auf die Aufforderungen, meine Kreditkarte anzugeben oder auf eine Altersbestätigung, nichts geschah, der Porno lief einfach weiter. Meine Freundin stiess neugierig dazu (ich hatte bereits vergessen, dass sie auch dabei war), um den kulturellen Gepflogenheiten unseres Gastlandes beizuwohnen.

Aus lauter Gewohnheit schaltete ich blitzartig um – und erwischte den nächsten Pornokanal. «Ich wusste gar nicht, dass so viele Leute gleichzeitig zusammen Sex haben können», kommentierte meine Freundin das Gelage. «Jaja, das geht schon», sagte ich und zeigte mich damit von der weltmännischen Seite.

Ich schlug vor, dass wir den Porno zurückspulen, um dem anspruchsvollen Plot des Kunstwerks gerecht zu werden. Leider gab es keine Rückspultaste, dafür eine Zoomfunktion. Die war aber auf dem Grossbildschirm unnötig, zudem verstand es der Regisseur meisterlich, von der Totalen der Gruppendynamik zur Detailansicht der anatomischen Sehenswürdigkeiten einzelner göttlicher Akteure zu wechseln. Ausser einer Nahaufnahme von ein paar Pickeln auf Ärschen hätte die Zoomfunktion somit nichts gebracht.

Insgesamt machten wir etwa zehn Pornokanäle aus. Wollten wir am Morgen wissen, nachdem wir die halbe Nacht Pornos geschaut hatten, was das Wetter so bringt, schalteten wir den Pornokanal ein, der einen meteorologischen Berichterstattung am nächsten kam. Täglich konnten wir verkünden: Heute Vollmond.

So verliessen wir das Hotelzimmer nur sehr ungern, um uns mit Bekannten zum Nachtessen zu treffen. Es war ein Schweizer Pärchen mit serbischen Wurzeln und deren Verwandte. Eifrig erzählten wir, was wir in den zehn Fernsehsendern über die prächtige Stadt schon alles gesehen haben. Wahrscheinlich sabberten wir dabei auch ein bisschen und machten grosse Augen. Die beiden übersetzten ihren serbischen Verwandten, was die Schweizer so erlebt hatten: «Pornografski», «Schwitzarski» – Worte, die hängen blieben.

Beim Auschecken hatte ich dann doch noch Bedenken, dass der Rezeptionist alle pornografski Filme herunterliest, die wir im Zug unserer Bildungsreise konsumiert hatten. Das hätte Stunden gedauert. Doch offenbar gingen die Sender als normales öffentliches Fernsehen durch. «Wie hat Ihnen der Aufenthalt in unserem Hotel gefallen?», fragte der freundliche Herr an der Rezeption. Wir waren uns einig: «Superski!»

 

David Marti stellt sich regelmässig tot, wie ein Opossum. Trotzdem treten Menschen auf ihn ein, damit er diesen Blog schreibt.

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