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Züriost-Blog

In dieser Episode reich werden

David
Marti
Mittwoch, 20. Januar 2021, 09:57 Uhr Züriost-Blog

Auf einer Internetseite bin ich kürzlich auf folgende Werbung inklusive Rechtschreibfehler gestossen: «Millionäre in Der Schweiz Wollen Diese Episode Verbieten – zu viele Werden Reich.» Darüber ein Bild mit zwei jungen Frauen, die in einem Privatjet sitzen und lachen. Die haben zweifelsohne die bald verbotene Episode gesehen oder eben erst ihre erste Episode gehabt, dachte ich.

Es gibt weitere solcher Werbungen desselben Anbieters mit misslicher Orthographie: Ein Zuhälter mit Henriquatre-Bart sitzt im Lamborghini und lacht. So gerne würde ich als Krösus-Kumpane mitlachen.

Dazu bot sich mir kürzlich eine Gelegenheit. Ich erhielt vom Steueramt eine Rechnung, in der es mein Jahreseinkommen auf rund 219‘000 Franken ausweist. «Da habe ich aber mal so richtig Kohle gescheffelt», freute ich mich. Doch es war leider ein Irrtum.

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Nachdem ich beim Steueramt nachgefragt habe, ob ich denn als mutmasslicher Topverdiener in der Gemeinde irgendwelche Sonderrechte wie ein Foto von mir auf dem Abfallkalender zugute habe, sagte man mir: «Wir müssen Ihnen leider mitteilen, dass Sie zu blöd fürs Ausfüllen einer Steuererklärung sind. Wenn Sie Hilfe benötigen, schicken wir Ihnen gerne den Gemeinde-Uhu vorbei, der füllt das Dokument mit seinem Schnabel für Sie aus.» Ein bisschen freundlicher, aber in etwa so lautete die Antwort. Mit dem oben genannten Vermögen wäre ich übrigens auf eine Steuerrechnung von rund 41‘000 Franken gekommen. Damit hätte ich so gut vor der Nachbarskatze angeben können.

Gegenwärtig ist es aber wichtig, schnell unermesslich reich zu werden.

Wie werde ich nun aber so reich, dass ich zum Lachen in den Privatjet gehe, wie die eingangs erwähnten Frauen? Ganz bestimmt nicht, indem ich UBS-Aktien für etwa 50 Franken kaufe (vor vielen vielen Jahren) und zuschaue, wie sie auf etwa 80 Franken hochklettern und dann zuschaue, wie sie auf 8 Franken abstürzen. Aktien sind sowieso langweilig. Man kann sich nicht darin wälzen und sie auch nicht in Flammen setzen, um sich damit Zigarren anzuzünden. Das Zeug existiert heute zumeist nur noch virtuell, wie mir meine Bank verraten hat.

Da lob ich mir meinen Wertsachen-Karton, den ich seit der Kindheit besitze und in dem sich ordentlich was angesammelt hat. Im Karton, mit der listreichen Aufschrift «Keine Wertsachen – nur 1 UBS Aktie» (für den Fall eines Einbruchs), finde ich: Ein silbernes Fünfrappenstück (die steigen im Wert, ganz bestimmt), einen Hosenknopf der Jeansmarke Lewis, ein Goldvreneli mit Bissabdruck, ein silbernes Fünfrappenstück, noch ein silbernes Fünfrappenstück, eine unlimitierte Gratis-Fotokopie einer Walter-Andreas-Müller-Kohlestiftzeichnung, eine silberne Taschenuhr ohne Zeiger, einen Zeiger, und ein Haufen Krümel. Ich bin zufrieden. Beruhigt stelle ich die Grundlage für das sorgenfreie Leben in der Postapokalypse wieder auf den Schrank.

Gegenwärtig ist es aber wichtig, schnell unermesslich reich zu werden. Da hat die Werbung, die angeblich von Millionären verboten werden soll, absolut Recht. Auch Swiss Lotto verspricht: morgen schon Millionär. Ein schlaue Werbung: Morgen ist immer morgen – nur nie heute. Ich will die Kohle aber heute.

Mit reich werden, ist spiritueller Reichtum gemeint.

Und wenn ich einfach «schnell reich werden» google? Dann erscheinen Webseiten, die versprechen: «9 Tipps, die Millionäre schon kennen», «der 10-Punkte-Plan zum Erfolg» oder «in 6 + 1 Schritt zum Millionär».

Das sind insgesamt 25 Punkte, Schritte oder Tipps +1 – zu viele zum Lesen. Und auch weil ich überzeugt bin, dass ich mit einem Klick auf die eingangs erwähnte Privatjetwerbung auf dem Strassenstrich ende, bin mir jetzt sicher: Mit reich werden, ist spiritueller Reichtum gemeint. Und um die hoffnungslose Suche nach materiellem Wohlstand zu beenden und eine Erklärung für mein monetäres Versagen zu finden, picke ich mir halt das erstbeste Zitat aus dem Netz, es stammt von Mahatma Gandhi: «Der wahre Reichtum eines Menschen ist das, was er anderen Gutes getan hat.» Somit bin ich als ausgewiesener Menschenfreund stinkreich.

David Marti stellt sich regelmässig tot, wie ein Opossum. Trotzdem treten Menschen auf ihn ein, damit er diesen Blog schreibt.

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