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Züriost-Blog

Käse ist der Zucker der Erwachsenen

Lea
Chiapolini
Mittwoch, 06. Januar 2021, 10:00 Uhr Züriost-Blog

Erwachsen bin ich schon ein ziemliches Weilchen. Anfühlen tut sich das allerdings nicht immer so. Ich habe mich zum Beispiel noch immer nicht daran gewöhnt, von Personen, die jünger sind als ich, gesiezt zu werden. Wenn etwa ein Kindergärtler an mir vorbei läuft und «Grüezi» sagt, erwidere ich oftmals völlig perplex ebenfalls «Grüezi».

Manchmal trifft mich auch plötzlich wie ein Schlag, dass ich jetzt tatsächlich so richtig gross, arbeitstätig und sogar verheiratet bin. Dass ich all die Freiheiten und Möglichkeiten, die ich mir als Kind herbeigewünscht hatte, jetzt wirklich habe: Genug Geld, mir unendlich viel Schleckzeug zu kaufen oder dass ich selber entscheiden kann, wann ich ins Bett gehen will. Oder eben nicht. 

Gleichzeitig stimmt mich etwas traurig, dass so viele der glorreichen Ziele, die ich als Kind vor Augen hatte, aus der Sicht eines Erwachsenen gar nicht mehr so erstrebenswert sind. Ich gehe gerne um 10 Uhr ins Bett und all das süsse Zeug? Da bin ich mittlerweile zu alt, als dass sich diese Kalorien nicht merklich auf den Hüften niederlassen würden.

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Und obwohl ich noch ab und zu in der Nacht schweissgebadet aufwache, weil ich Albträume von vermasselten Lateinprüfungen habe, gibt es auch Momente, in denen ich mich überdurchschnittlich erwachsen fühle. Wenn ich nicht quer über die Strasse gehe, sondern den Fussgängerstreifen benutze, da obengenannte Kindergärtler zusehen. Wenn ich mit Freunden über Dampfkochtöpfe oder Staubsauger diskutiere. Wenn mein BH zu meiner Unterhose passt – der ultimative Beweis, dass frau ihr Leben im Griff hat.  

Besonders reif fühle ich mich, wenn ich mit den Füssen hochgelagert am Zmorgetisch Unmengen von Käse ohne Brot verputze, obwohl meine Eltern immer vorwurfsvoll gemahnt hatten: «Was ruft der Käse im Bauch?» Nein, nicht Brot, war da jeweils meine Antwort. «Mehr Käse!» Ach, ist Erwachsensein eben doch schön.

Ich geniesse solche Momente bewusst. Denn mir ist klar, dass ich dieses Verhalten schnell abstellen muss, wenn eines Tages meine eigenen Kinder am Tisch sitzen. Dann werde ich sie auch fragen, was der Käse im Bauch ruft. Sie müssen möglichst viel haben, worauf es sich zu freuen lohnt, wenn sie erwachsen sind. Denn genug Geld für Zuckerbomben zur Verfügung zu haben und diesen Kindheitstraum doch nicht ausleben zu können, macht nur depressiv.

Lea Chiapolini will doch eigentlich gar nicht so viel. Nur ein schönes Leben, gutes Essen, viel zu lachen und ab und zu etwas zu motzen. Und natürlich immer Recht haben. Aber dies ist ihr erstes Leben. Sie übt noch.

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