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Züriost-Blog

Eine kurze Geschichte der Freundschaft

Talina
Steinmetz
Dienstag, 29. September 2020, 13:00 Uhr Züriost-Blog

«Wofür sind Sie dankbar dieses Jahr?»

Diese Frage wurde letzthin im Radio gestellt, als ich auf dem Weg in die Redaktion war. Reflexartig lachte ich – wofür sollte man denn im Corona-Jahr dankbar sein? Jedes noch so schöne Erlebnis wird irgendwie vom Coronavirus begleitet, was einem schnell einmal die Freude nehmen kann.

Trotzdem dachte ich während der ganzen Fahrt weiter über die Frage nach. Liess mir die Zeit seit dem Lockdown durch den Kopf gehen – und merkte, dass sich in den letzten Monaten Dinge entwickelt haben, zu denen es ohne die Corona-Pandemie vielleicht nie gekommen wäre.

Wobei, Dinge ist das falsche Wort – Freundschaften sind gemeint. Freundschaften mit Personen, die ich zwar schon kannte, die ich durch laue Corona-Sommerabende in der Winterthurer Altstadt aber noch besser kennenlernen durfte. 

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So zum Beispiel jener Freund, der sich als schlechtester Ikea-Begleiter überhaupt entpuppte. Mit ihm durch die Gänge schlendern, Kissen und Lichterketten kaufen? Kann man vergessen. Er spaziert in die Ikea rein, geradewegs zum richtigen Regal, packt das Paket auf den Wagen, holt einen Hot Dog und ist nach nicht einmal 30 Minuten wieder aus der Ikea raus.

Wie das geht? Keine Ahnung.

Der gleiche Freund gibt jedoch die besten High Fives und hat das breiteste Grinsen überhaupt. Er kann Menschen gut lesen, gibt ihnen Ratschläge und ist bei jedem noch so blöden Streich dabei. Zum Beispiel, wenn es darum geht, den Schuh einer Freundin zu verstecken, damit sie die Party nicht verlässt.

Damit, dass sie dann mit einem Schuh auf den Zug rennt, konnte ja niemand rechnen. 

Besagter Freund benutzt zudem so viele Anglizismen, dass ihm irgendwann das Wort «auflösable» rausrutschte –  gefolgt von schallendem Gelächter.

Apropos lachen: Dank der Corona-Pandemie durfte ich den Mann mit dem ansteckendsten Lachen überhaupt kennenlernen. Es ist laut, für manche vielleicht zu laut. Aber es kommt von ganzem Herzen – wie vieles andere, was er tut. 

Seine Energie und gute Laune ist ansteckend. Kaum ist man in seiner Nähe, wird man von dieser verschlungen und sie lässt nur schwer wieder von einem ab. Gleichzeitig ist er ein guter Zuhörer, aufmerksamer Beobachter und macht die besten Flachwitze überhaupt.

Finde ich. Nicht alle sind da meiner Meinung. 

Ebenso dankbar bin ich für jenen Mann, der eher ein stiller Beobachter ist. Er gibt Umarmungen, deren Wärme sich sofort im ganzen Körper ausbreitet und kann jede noch so komplizierte Frage zu elektronischer Musik beantworten. Er hat den Überblick, wenn andere ihn verloren haben und sorgt am Sonntagmorgen für Gipfeli, während andere verkatert auf der Couch rumliegen – er ist ein Anker im Hafen aller anderen.

Besser kennengelernt habe ich auch einen Eishockeyspieler, eine Schneiderin und einen Zimmermann. Ersterer gibt gerne etwas zu viel Gas auf seinem sehr lauten Motorrad, hat ein ansteckendes Grinsen und verlockt mit blöden Sprüchen immer wieder zu einem «Zweikampf». Zweitere strahlt Autorität aus, löst ein Puzzle in Rekordzeit und ist das WG-Mami, während der dritte der grösste Chaot ist, den ich überhaupt kenne – aber auf eine liebenswürdige Art.

Hier spielte sich der Winterthurer Corona-Sommer ab, hier entstanden viele Freundschaften: Die Steinberggasse. (Foto: PD)

Hätte ich diese Menschen auch ohne die Konsequenzen der Pandemie kennengelernt? Ich glaube nicht.

Die Sommerabende in der Altstadt wären weniger gewesen, da sich das Leben auch ausserhalb abgespielt hätte – während des Corona-Sommers aber nicht. Da traf man sich in der Steinberggasse in Winterthur, sass auf dem Boden und spielte Karten. Einige musizierten, andere plantschten im Brunnen und manche spielten Frisbee. Es wurde viel gelacht und getrunken. Die Gasse wurde zum Treffpunkt aller – und dafür bin ich dankbar. 

Denn: Die gerade herrschenden Umstände alleine machen nicht aus, ob man glücklich ist oder nicht. Es sind Menschen, wie ich sie kennenlernen durfte. Menschen, die da sind, wenn du nicht auf der Höhe bist. Menschen, die dich akzeptieren, wie du bist. Menschen, mit denen du feiern, lachen und weinen kannst. Menschen, die zu Freunden wurden und dir das Gefühl geben, zu Hause zu sein.

Und wofür sind Sie dankbar dieses Jahr?

Talina Steinmetz kann nie lange stillsitzen. Spontane Motorradausflüge, längere Sporteinheiten und dicke Bücher zu lesen, sind ihre Lieblingsbeschäftigungen. Ein Wochenende einfach nur zu Hause verbringen? Langweilig. Montags trotzdem fit zu sein, ist ihre Stärke. Und falls das mal nicht der Fall sein sollte, helfen Fotos von Babybüsis oder das Schreiben eines Blogs.

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