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Züriost-Blog

Ein goldenes Ende

Talina
Steinmetz
Sonntag, 13. September 2020, 09:57 Uhr Züriost-Blog

Der Sommer ist meine grosse Liebe. Und dieser geht langsam zu Ende. Doch ich will nicht loslassen, habe schon tausend Tränen um ihn geweint.

Und noch einmal tausend, als ich merke, dass es ein halbes Jahr dauert, bis er zurückkommt. Sechs dunkle Monate. Schnee. Kalt. Bäh.  

In einem kurzen Anflug von Panik hetze ich auf meinen Balkon und versuche, die vielleicht letzten Sonnenstrahlen aufzusaugen. Die Erinnerungen an einen schönen, aber speziellen Sommer kommen zum Vorschein - bis mein Blick auf den goldenen Himmel und die untergehende Sonne fällt. 

War der  Sonnenuntergang schon immer so golden, die letzten paar Tage? Ich versuche, mich daran zu erinnern. Sommer-Sonnenuntergänge sind sonst doch eigentlich eher rötlich-gelb. 

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Gleichzeitig fällt mir ein, dass ich letztes Wochenende einen wärmenden Tee statt spritzigen Hugo trank; zum ersten Mal seit Langem. Doch warum eigentlich, wieso traf ich diese Entscheidung? Ich grüble. 

Noch bevor ich eine Antwort auf die Frage habe, drängt sich eine andere Erinnerung in meinen Kopf: Das Abendessen wurde spontan ins Innere verlegt – weil alle Anwesenden, inklusive mir, «es bizzeli chalt» hatten. Ich weiss noch, dass ein Lüftchen wehte, das die Nasenspitze frieren liess. Ein lauer Sommerabend war es definitiv nicht mehr. 

Und das, obwohl auch abends die Sonne strahlte – sie wärmte aber nicht richtig. Wieso fällt mir das erst jetzt auf?

Auch war seit Wochen zum ersten Mal keine Party oder angesagt, die ich unbedingt besuchen wollte – das Verlangen, den weiteren Abend auf der Couch, eingekuschelt zwischen fünf Kissen zu verbringen, war grösser. Es nieselte, nein regnete nämlich.

Der Duft nach nassem, abgekühltem Asphalt blieb aber weg, wie ich jetzt feststelle. 

Später, in der Nacht, wachte ich auf. Verwirrt. Die Luft im Zimmer war kühl, nicht drückend heiss. Vorsichtig kuschelte ich mich an meinen Liebsten, fühlte mich gewärmt. Die Schweissausbrüche blieben aus. Noch verwirrter schlief ich wieder ein.   

Ich konnte sogar meinen Fuss unter die Decke ziehen – jener Fuss, der sonst zum Temperaturausgleich über den Bettrand hing.

Jep, lebensmüde, ich weiss. Das Monster unter meinem Bett hatte diesen Sommer glücklicherweise auch zu heiss, um seine Chance zu ergreifen.

Am Morgen danach zog ist erstmals seit Wochen wieder lange Jeans an. Um sie dann mittags gegen kurze Hosen und abends wieder zurück zu tauschen.

Auf dem Heimweg fiel mir auf, dass die Blätter ja nicht mehr saftig grün sind, sondern ein warmes Orange angenommen haben. 

Und als ich genau hinhörte, hörte ich nichts – die Vögel hatten sich teils schon auf ihre grosse Reise gemacht, das Zwitschern blieb deshalb aus.

Und während ich über diese Momente nachdenke, die Sonnenstrahlen aufsauge und den goldenen Himmel beobachte, stelle ich überrascht fest: Der Herbst ist (fast) angekommen – langsam und leise hat er sich angeschlichen. Noch nicht in seiner vollen Pracht, aber doch schon ziemlich schön. 

Und als ich das realisiere, versiegen meine Tränen und ein Lächeln breitet sich auf meinen Lippen aus. Statt Vergangenem nachzuweinen, entscheide ich, mich auf Neues zu freuen – was dieser Herbst wohl alles mit sich bringt?

Talina Steinmetz kann nie lange stillsitzen. Spontane Motorradausflüge, längere Sporteinheiten und dicke Bücher zu lesen, sind ihre Lieblingsbeschäftigungen. Ein Wochenende einfach nur zu Hause verbringen? Langweilig. Montags trotzdem fit zu sein, ist ihre Stärke. Und falls das mal nicht der Fall sein sollte, helfen Fotos von Babybüsis oder das Schreiben eines Blogs.

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In Zeiten der Klimakrise finde ich es äusserst fragwürdig, einen Beitrag dieser Art zu publizieren und den Sommer zu verherrlichen. Ausserdem: 6 dunkle Monate, Schnee, kalt? Wir müssen - eben wegen der Klimakrise - froh sein, wenn wir jedes Jahr wenigstens zwei Wochen Kälte und Schnee haben. Frau Steinmetz empfehle ich die Website www.regenwetter.org. Dann merkt sie hoffentlich, dass auch die kalte Jahreszeit viele Anhänger hat.