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Züriost-Blog

Wieso habt ihr mir die Brüste genommen?

Thomas
Bacher
Sonntag, 30. August 2020, 10:04 Uhr Züriost-Blog

Vielleicht kennen Sie das, liebe Leserin, lieber Leser: Sie befinden sich in einer eigentlich unerträglichen Situation, die Sie nur deshalb überleben, weil tief in Ihrem Innern noch ein Fünkchen Hoffnung glimmt, dass das alles nur ein Traum ist, ein schlechter, richtig fieser, ein echter Scheisstraum, aber eben einer, aus dem man wieder aufwacht. Dann vergeht einige Zeit, und die Situation ist immer noch die gleiche, ja, hat sich vielleicht sogar noch verschlimmert, obwohl man das nicht für möglich gehalten hätte. Und auf einmal erlischt das Fünkchen Hoffnung. Ist einfach weg, als wäre es nie da gewesen. Und man weiss: Okay, das ist es jetzt, das ist dein Leben, komm damit klar.

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An diesem Punkt befinde ich mich gerade. Auslöser war eine Party, an der im Fernsehen Musikvideos in Endlosschlaufe liefen. Zu sehen waren eigentlich nur Hintern. Die Frauen, ob nun Tänzerinnen oder Rapperinnen, schwenkten sie in die Kameras, ja drückten sie förmlich hinein. Dazu gingen sie leicht in die Knie, beugten den Oberkörper nach vorne und wackelten mit dem Po. Einen ganzen Abend lang.

Wobei «Po» das Ganze irgendwie nicht ganz korrekt beschreibt. Denn es waren allesamt grosse Hintern, richtige Ärsche, und durch die Perspektive nahmen sie geradezu groteske Ausmasse an. Den Typen in den Videos schienen die Hinterteile zu gefallen. Sie zeigten anerkennend darauf, während sie über ihre «Bitches» rappten.

In aller Munde: der Hintern

Ich liess die Bilder und Erfahrungen der letzten Monate und Jahre Revue passieren, und da drehte sich irgendwie immer alles um Hintern. Nicht nur in den Musikvideos, auch auf den Bildern von den roten Teppichen der Welt, auf denen sich die schönen Frauen nicht mehr von vorne, sondern nur noch halb verdreht von der Seite zeigen, damit man ihre Rückseite sehen kann. Oder die Trainingstipps für einen «schönen Popo» im Frühstücksfernsehen, wobei «schön» synonym für «gross» verwendet wird. Oder im Supermarkt die Frauen im Sportoutfit, die sich zwischen Salatgurken und Auberginen gegenseitig Komplimente für ihre ausladenden Hintern machen. Und dann die Bekleidungsindustrie, die mit ihren High Waist Hosen das Ganze auf schändliche Art und Weise noch unterstützt.

Brustimplantate kann man sich schliesslich mittlerweile für ein paar Hunderter in jeder Hinterhofschlachterei einsetzen lassen.

Wie oben beschrieben – eine unerträgliche Situation. Ich bin wütend über diese allgegenwärtige, alles vereinnahmende Fokussierung auf weiblichen Hinterbacken und schreie voller Verzweiflung in die Welt hinaus: «Und was ist mit den Brüsten? Wieso habt ihr mir die genommen, ihr Schweine?» Tatsächlich scheint die weibliche Brust als solche weitestgehend aus dem öffentlichen Leben verschwunden zu sein. Sie, die eben noch im Mittelpunkt des Interesses stand, besungen und geschüttelt wurde, einfach weg. Damit wurde nicht nur die heile Welt, in der ich aufgewachsen bin, zerstört, sondern auch das Lebenswerk grosser weiblicher Persönlichkeiten wie Dolly Buster, Pamela Anderson, Anna Nicole Smith, Lolo Ferrari oder Carmen Electra marginalisiert.

Leistung, Baby, Leistung!

Auf der Suche nach den Gründen für diese schändliche Verschiebung des Schönheitsideals könnte man eine amerikanische Studie herbeiziehen. Derzufolge sind Bewunderer von Brüsten eher exhibitionistisch veranlagt, im täglichen Leben chaotisch und häufig Raucher. Also die klassische nichtsnutzige Unterschicht. Füdli-Fans hingegen gehen strukturiert durch ihren Alltag, sind ordentlich und ehrgeizig – sagt die Studie.

Handelt es sich dabei also einfach um ein Abbild unserer Leistungsgesellschaft? Brustimplantate kann man sich schliesslich mittlerweile für ein paar Hunderter in jeder Hinterhofschlachterei einsetzen lassen. Für einen schön grossen, schüttelbaren Hintern hingegen braucht es neben der genetischen Grundvoraussetzung auch ganz schön viel hartes Training. Leistung eben.

Wobei man anmerken muss, dass die Herren und Damen in den Rapvideos jetzt nicht wie typische Vertretende der Leistungsgesellschaft wirken. Und deshalb sollte man das Ganze wohl auch einfach von der rassistischen Seite her betrachten. Schliesslich heisst es, dass man vor allem in Afrika und Lateinamerika Wert auf grosse Hinterbacken und ein breites Becken legt. So könnte man diese unseligen Attacken auf die einst wertbestimmende weibliche Brust als späte Rache ehemaliger Kolonien für die historische Schuld des tittenfixierten, alten weissen Mannes ansehen. Alles klar, das wird es wohl sein. Touché, verstanden, ist ein wenig grausam, diese Rache, aber damit ist es jetzt auch gut, okay?

Thomas Bacher ist überzeugt davon, dass die Welt um ihn herum immer verrückter wird. Seinen Psychiater möchte er damit nicht belästigen, viel lieber schreibt er darüber.

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