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Züriost-Blog

Schluss mit der Schweiz-Ferien-Lüge!

Benjamin
Rothschild
Mittwoch, 26. August 2020, 17:04 Uhr Züriost-Blog

Ich brauche Ferien. Dieser kräftezehrende Mix aus Sommerloch («So wüten Wespen in der Region») und flächendeckender Nichterreichbarkeit (die Ustermer Stadtverwaltung war komplett abgetaucht) oder die Pendlerei mit Schutzmaske bei Gluthitze – das alles weckte bei mir in den letzten Wochen die dringliche Sehnsucht nach Ausstieg und Ferne.

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Doch mit der Ferne ist es bekanntlich so eine Sache in diesen Tagen. Nachdem mir im Frühling sowohl Bundesräte, Gesundheitsexperten als auch Influencer unüberhörbar «Bleib zuhause!» zugerufen haben, lautet die breit abgestützte Losung dieser Sommermonate «Verbringe die Ferien in der Schweiz!». Findige Redaktionen und Inland-Reiseanbieter sekundieren dieses Credo mit «Ein Hauch von Riviera»-Überschriften, wenn es ums Greifensee-Ufer geht, oder jazzen das Bäretswiler Rosinli zum Kilimanjaro-Ersatz hoch.

Ein Hauch von Himalaya: Blick auf die Alpenkette vom Zürcher Oberland aus.

Und es stimmt ja: Die Schweiz hat schöne Flecken, und die Covid-Situation im Ausland ist unberechenbar. Doch irgendwann kippt das sich Abfinden mit einer Ausnahmesituation in den Selbstbetrug: Spätestens nachdem man den x-ten Panoramawanderweg abgeschritten und das x-te Plättli mit Salsiz und Essiggurken zu sich genommen hat, allerspätestens aber, wenn man nach Beendigung der Strandferien am Vierwaldstädtersee merkt, dass man in Dreiviertelstunden schon wieder zuhause ist, stösst die Autosuggestion an ihre Grenzen.

Es geht jedoch nicht nur um die oberflächliche und reichlich privilegierte Diskussion, wie lässig Inlandferien im Vergleich zu Auslandurlauben sind. Die nun breit proklamierte touristische Genügsamkeit und die Rückbesinnung aufs einheimische Ferien-Reduit ziehen ein tiefergreifendes Problem nach sich.

Sich eine schwierige Lage schönzureden ist zwar menschlich. Wer den Ausspruch «zuhause ist es doch am schönsten» aber wirklich ernst meint, denkt die Sache nicht zu Ende und ist letztlich ein Wegbereiter der Engstirnigkeit.

Denn es gab eine Zeit vor (berechtigten) Klima- und Overtourism-Debatten, da galt das Reisen als Ausdruck von Weltläufigkeit und als Chance, den Horizont zu erweitern. Das ist ansatzweise immer noch so, auch wenn sich zumindest die europäischen Innenstädte oft verblüffend ähnlich sehen und man sich in fernen Destinationen meist nur in einer von der Lebenswirklichkeit entkoppelten, gut behüteten Parallelwelt bewegt.

Aber wer schon einmal das Privileg hatte, eine Grossstadt in Südamerika besuchen zu können und nur schon vom Taxi aus einen Blick auf die Flughafengegend werfen konnte, wird kaum länger ernsthaft behaupten, dass man auf Schweizer Strassen nicht mehr sicher sei. Und wer es bei der Einreise in die USA schon mit gänzlich humorlosen, schwer bewaffneten Grenzbeamten zu tun bekam, ist vielleicht empfänglicher für die Bedrohungen, die ein hochgerüsteter Polizeiapparat ausstrahlen kann.  

Man könnte diesen Sommer der erschwerten Auslandabenteuer als richtigen Zeitpunkt begreifen, um an diesen horizonterweiternden Aspekt des Reisens zu erinnern und ihn aufrichtig zu vermissen – statt sich im stolz-trotzigen Hierbleiben zu üben und sich selbst etwas vor zu machen.

Benjamin Rothschild beschäftigt sich tagtäglich mit Regionalpolitik und glaubt, dass sich in dieser immer wieder die grosse Politik spiegelt – und umgekehrt. Und wenn die Ebenen mal überhaupt nichts miteinander zu tun haben sollten, kann man ja trotzdem darüber schreiben.

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