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Züriost-Blog

Und plötzlich fasst der unbekannte Sitznachbar in den Schritt

David
Kilchör
Sonntag, 26. Juli 2020, 10:19 Uhr Züriost-Blog

Kennen Sie das? Sie sitzen im Zug, plaudern mit der Kollegin und plötzlich fasst der Ihnen unbekannte Sitznachbar in Ihren Schritt. Was tun Sie nun? Vielleicht sagen Sie ihm, er solle aufhören – oder Sie senden ihm einen Todesblick zu. Vielleicht sind Sie aber auch paralysiert und finden die Worte nicht, die Sie ihm gerne entgegenschmettern würden. Sie drehen sich weg. Ihn kümmerts nicht. Er trägt eine Maske. Und tuts gleich noch einmal. Die Leute in den anderen Abteilen schauen schweigend zu.

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Ich kenne solche Situationen nicht. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie mir widerfahren würden. Und auch nicht, selber der Täter zu sein. Ich glaube auch nicht, jemals eine solche Szene beobachtet zu haben. Doch ist sie wahr – sie ist einer Arbeitskollegin kürzlich widerfahren, sie erzählte davon. Und seither hallt sie in meinem Kopf nach.

Denn selbst wenn ich selber nicht fähig wäre, so zu handeln, so glaube ich doch, dass ich mich an der Tat moralisch mitschuldig machen könnte. Hätte ich sie bei einer mir fremden Person beobachtet, was wäre mir durch den Kopf gegangen? Ein Beziehungsstreit, der mich nichts angeht? Oder: Sie sieht aus, als könnte sie sich selber wehren.

Vielleicht auch: Dieses Muskelpaket da sitzt viel näher. Soll es doch intervenieren. Wenn ich eins in die Fresse bekomme, geht meine Brille kaputt und ich hab keinen Ersatz. Wenn ich blind bin, kann ich nicht mehr arbeiten. Das ist mir dann doch zu riskant. Und überhaupt: Der Bösewicht macht Anstalten, als würde er grad aussteigen. Ah, und jetzt schreit ihn ja die Freundin der Belästigten an. Und er steht auf und geht. Dann ist ja gut. Solche Situationen erledigen sich manchmal von alleine.

Nicht auszuschliessen, dass ich mich auf diese Weise moralisch aus der Affäre gezogen hätte. Offenbar taten das etwa 30 Zuschauer ebenfalls, also dürfte es dem Gros des menschlichen Moralempfindens entsprechen.

Dieser Umstand ist noch beängstigender als die Erkenntnis, dass ich womöglich ein Teil davon wäre. Denn wenn die Gesellschaft das moralisch Falsche toleriert, dann ist das Falsche stärker als das Richtige – und das darf nicht sein.

Meine Kollegin kam am nächsten Tag in Tränen aufgelöst zur Arbeit. Zwar war seit dem Vorkommnis eine Nacht vergangen, doch das nächste Mal im Zug fühlte sie sich wieder unsicher, panisch. Sie sei sich wie ein Stück Fleisch vorgekommen, berichtete sie. So ging sie zur Polizei, um Anzeige zu erstatten – gegen einen Mann, den sie ohne Maske vermutlich nicht wiedererkennen würde.

Die Beobachter glaubten wohl, die Sache habe sich von alleine erledigt, doch das emotionale Nachspiel können sie getrost ausblenden – sie sind nicht davon betroffen. Für meine Kollegin wird der Fall womöglich noch lange nachhallen – in ihrem Kopf sehr viel lauter als in meinem oder jenem der Beobachter. Doch leise flüstert eine Stimme dazwischen, wie wichtig Zivilcourage ist. Oder vielmehr wäre.

David Kilchör bestreitet seinen Blog wie sein Leben: Ohne Plan, ohne Themenschwerpunkt. Dafür mit viel Vertrauen, dass es trotzdem gut kommt. Oder zumindest nicht im Desaster endet. Und wenn es doch im Desaster endet, macht er daraus seinen nächsten Blogeintrag.

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