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Züriost-Blog

Glücksspiel in der Autodisco

Lea
Chiapolini
Mittwoch, 22. Juli 2020, 10:00 Uhr Züriost-Blog

Wenn ich als Kind auf langen Autofahrten nicht gerade in der Kurve meinen Kopf in einen Plastiksack stecken musste, waren meine Augen stets auf die Autonummern der vorbeibrausenden Fahrzeuge fixiert. Bei Reisen durch die Schweiz alle Kantone zu sammeln, war und bleibt auch heute eine meiner liebsten Beschäftigungen, um mir die Zeit im Auto zu vertreiben.

Next Level: Roadtrip quer durch die USA, wo nicht mehr nur lächerliche 26 Kantone, sondern 50 Staaten zu entdecken sind. Und eins muss man den Amis lassen, ihre Nummernschilder sind um einiges kreativer als unsere. So habe ich dank dem Regenbogen-Sujet sogar ein Auto aus Hawaii auf dem Festland entdeckt. Auf den Vertreter aus Alaska warte ich heute noch.

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Aber zurück in die Schweiz. Am letzten Wochenende war es wieder soweit. Auf der Fahrt ins Tessin wurden brav Kantone gezählt. Auf dem Rückweg nur zwei Tage später war die Motivation hingegen weder bei mir oder meinem Mann noch bei meiner Schwester und ihrem Freund allzu präsent. Zu erschöpft waren wir vom Wanderwochenende. 

Während ich nach der Fahrt über den San Bernardino in Gedanken immer wieder beim Plastiksack von früher hängen blieb, erreichten wir den Isla-Bella-Tunnel im Domleschg. «Das klingt wie dieses Lied von Madonna», tönte es von der Hinterbank. Kurze Zeit später war jegliche Müdigkeit verflogen, zu viert sangen wir aus vollen Kehlen «La Isla Bonita». 

Ein neues Spiel war geboren. Als wir wenig später durch den Plazzas-Tunnel bei Bonaduz düsten, einigten wir uns, fortan das erste Suchergebnis anzuwählen, das uns Youtube ausspuckt, wenn wir den Namen des Tunnels plus den Begriff «Song» eingeben. Im Fall des Plazzas-Tunnels führte uns das Schicksal nach Indien. Mitsingen geht wunderbar auch ohne Sprachkenntnisse, dafür mit umso mehr Kopfwackeln.

Die spontane musikalische tour d’horizon kam kurz darauf jedoch zu einem unerwarteten Stopp, als uns die Tunnels ausgingen, deren Namen wir hätten eingeben können. Geografie-Kenntnisse wären bei der Regelfestsetzung des neuen Spiels vielleicht von Vorteil gewesen.

Aber wir wussten uns ganz einfach zu helfen: «Chur Song» lautete die nächste Suche. Herausgespuckt wurde eine Ode an das Bündnerland mit Helene-Fischer-Flair, das mir bis heute nachläuft. Aber hey, was erwartet man sonst von einem MC Tiramisu?

Als wir dann im Stau vollends zum Stillstand kamen und nicht einmal mehr auf Ortsnamen ausweichen konnten, mussten die Automodelle vor und hinter uns daran glauben. Dass wir allerdings bei der Eingabe von «Astra Song» tatsächlich zu einem Lied kommen würden, das sich mit diesem Gefährt auseinandersetzt, überraschte.

«Ich roll in meinem Astra. Ich proll in meinem Astra. Trag Gold in meinem Astra. 17 Zoll auf meinem Astra.» Zum Glück ist der Text so eingänglich, dass wir hier sofort korrekt mitrappen konnten. Natürlich mit runtergelassenen Fenstern. Wir sind jetzt schliesslich Gängsterräpper. Oh ja.

Von den Insassen des Cabriolets, das im Stop-and-Go-Verkehr schon eine Weile immer wieder in der Spur neben uns auftauchte, ernteten wir mit der Zeit ziemlich schräge Blicke. Doch sie waren wohl eher vom Mix unserer Disco irritiert als wirklich verärgert über die Lärmemissionen. Unsere Musikkombination wurde tatsächlich vollends ad absurdum geführt, als wir im Feld neben der Autobahn einen Reiher entdeckten.  

Autodisco als Glücksspiel? Jederzeit wieder. Nur brauche ich langsam einen Kammerjäger für all die neuen Ohrwürmer.  

Lea Chiapolini will doch eigentlich gar nicht so viel. Nur ein schönes Leben, gutes Essen, viel zu lachen und ab und zu etwas zu motzen. Und natürlich immer Recht haben. Aber dies ist ihr erstes Leben. Sie übt noch.

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