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Züriost-Blog

Rebellion der Biederkeit

Thomas
Bacher
Sonntag, 19. Juli 2020, 13:00 Uhr Züriost-Blog

Nun, da sich diesen Sommer die Jugendunruhen in Zürich und anderswo zum 40. Mal jähren, fühlt sich so mancher Erwachsene dazu berufen, sich über die tugendhafte, angepasste heutige Jugend zu beschweren. In den Medien, den Kommentarspalten, beim Schwatz auf dem Wochenmarkt, ja sogar am Stammtisch lästern sie darüber, dass die Jungen von heute lieber Pläne für Karriere und Familie schmieden, als gegen die Gesellschaft zu rebellieren und an Demos Steine zu werfen. Eine Jugend, die für die Altersvorsorge spart, anstatt das Geld für Alkohol, Partys, Sex und Drogen rauszuschmeissen: Da schütteln die Erwachsenen nur den Kopf und erzählen mit roten Backen und glänzenden Augen von ihren eigenen Abenteuern und Abstürzen.

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Die heutige Jugend hats aber auch nicht leicht mit ihrer Rebellion, schon rein was die visuelle Abgrenzung anbelangt. Mutti hat dermassen viele Piercings, dass sie vor jeder Flugreise ins Separee zur Leibesvisitation muss. Papi ist grossflächig tätowiert, trägt stylisch abgetragene T-Shirts, zerrissene Hosen und geht nicht aus dem Haus, bevor er die Frisur mit viel Gel so verwuschelt hat, als käme er direkt aus dem Bett. Dagegen wirken die meisten Jugendlichen wie frühvergreiste Biedermänner und -frauen.

Papi, der Rebell

Es ist ja nicht so, dass sie es nicht versuchen, gegen die Welt der Erwachsenen aufzubegehren, etwa an den Klimademos, für die einige sogar die Schule schwänzten. Ging deswegen ein entsetzter Aufschrei durchs Land? Im Gegenteil: Es gab vor allem Applaus, und in der Hochzeit der Proteste waren es nicht wenige Eltern, die ihre kleinen Klimaschützer begleiteten und ganz schön laut mitschrien. Hat man nicht sogar den einen oder anderen Erwachsenen mit verwuschelter Frisur gesehen, der «all cops are bastards» an die Wand gesprayt hat?

Ja, in den 80ern und 90ern wurde eben noch anständig verreckt.

Nicht mal die richtigen Drogen können sie nehmen, die kleinen Junkies. Vom Musikredaktor bis zur Feuilletonistin ist man sich inzwischen weitestgehend einig, dass dieses synthetische Zeug weder kulturhistorisch gesehen noch popkulturell betrachtet jemals irgendeinen nennenswerten Impact hatte.

Ganz anders war es doch damals mit dem Heroin, das heute als Schmierstoff für jede gute Rebellenbiografie herhalten muss und verklärt und heroisiert wird, weil es doch die ultimative Verweigerung gegenüber dem Establishment darstellt. Ja, in den 80ern und 90ern wurde eben noch anständig verreckt, während MDMA und GHB die Jugend höchstens in die Klapse bringt. Okay, Crystal Meth wäre eigentlich wieder ein Schritt in die richtige Richtung, aber damit wollen die verwöhnten Bengel ja nichts zu tun haben.

Wichtig: Auf die Nerven gehen

Die Gesellschaft hat sich mittlerweile dermassen an diese netten jungen Menschen gewöhnt, dass sie selbst mit kleinsten Ausbrüchen jugendlicher Wildheit komplett überfordert ist. Liegen am Sonntagmorgen mal ein paar Bierflaschen auf dem Pingpongtisch der Dorfschule, ruft man gleich den Notstand aus. Die Folge: Trotz angespannter Finanzlage wird ein privater Sicherheitsdienst aufgeboten, und die aufsuchende Jugendarbeit patrouilliert fortan an den neuralgischen Punkten, um mit der Dorfjugend im Sinne einer präventiven Massnahme das Gespräch zu suchen.

Was bleibt den jungen Menschen da anderes übrig, als zu Hause zu bleiben, brav die Hausaufgaben zu erledigen und sich schon mal Gedanken über die 3. Säule zu machen? Dass man deshalb verächtlich auf sie hinabblickt, haben sie dabei wirklich nicht verdient. Denn, sind wir ehrlich: Seit Anbeginn der Zeit hat die Jugend doch vor allem eine Aufgabe – und zwar den Erwachsenen auf die Nerven zu gehen. Und das machen sie wirklich ganz hervorragend, diese konformistischen Bünzlis.

Thomas Bacher ist überzeugt davon, dass die Welt um ihn herum immer verrückter wird. Seinen Psychiater möchte er damit nicht belästigen, viel lieber schreibt er darüber.

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