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Züriost-Blog

Feldpost

Benjamin
Rothschild
Mittwoch, 15. Juli 2020, 10:11 Uhr Züriost-Blog

Liebe Leserinnen, liebe Leser

Dieser Brief erreicht Sie direkt von der Front.

Vielleicht mögen Sie sich erinnern: Als der Lockdown unser Land ins Dunkel gehüllt hatte, traf mich wie ein Blitzschlag ein Marschbefehl des Zivilschutzes. Die Dienstbezeichnung «CATA CORONA COVID-19» auf dem Aufgebot hatte dabei die Wirkung eines bedrohlich näher rückenden Donnergrollens. Als Lokaljournalist war ich nicht mehr länger systemrelevant genug, eine grössere Sache forderte meinen Blutzoll: Der Krieg gegen das Virus.

Und so stand eines Morgengrauens der Abschied von meinen Liebsten und meinem gewohnten Arbeitsalltag an. Aus dem Zug an die Front winkte ich mit Kippe im Mund noch einmal all den schönen Geschichten zu, die ich nun hinter mir lassen musste: Dem ungelösten Ustermer Barrieren-Problem. Dem demontierten Altherr-Turm. Dem taumelnden FC Uster.

In der Zwischenzeit bin ich an der Gefechtslinie angekommen. Und bis jetzt ist alles weniger schlimm als befürchtet. Feldlazarette in der Pampa blieben mir ebenso erspart wie Einsätze im Schutzanzug in verseuchtem Gebiet. Mein Corona-Dienst war von der mir gut gesinnten Zivilschutz-Generalität in einen «normalen Dienst» umgewandelt worden. Meine Aufgabe: Hilfsbedürftige Personen in robusten Zivilschutz-Fahrzeugen von A nach B bringen.

 

Die Zivilschutz-Fahrzeugflotte im Wartemodus.

«Aktiv Plus» nennt sich dieser mir bestens bekannte WK, wobei das Wort «aktiv» ein bisschen irreführend ist: Von einem durchschnittlich achtstündigen Arbeitstag verbringt man rund 7 ¾ Stunden im Sitzen. Man tut dies im Auto oder im Zürcher Aussichtsrestaurant Waid, wo die Zivilschützer ihren hart erarbeiten Sold umgehend in Kaffee und Crèmeschnitten umzuwandeln pflegen.

Kraftfutter für Dienstleistende: Crèmeschnitten im Aussichtsrestaurant.

Doch an diesem Tag, an dem ich diese Zeilen schreibe, schmeckt die Süssspeise salziger als sonst. Wahrscheinlich liegt das an den Tränen, die sich mit der Vanillemasse vermengen. Sie sind der Melancholie geschuldet. Denn das hier ist mein letzter Fronteinsatz. Aufgrund einer Gesetzesänderung werde ich früher als einst vorgesehen «pensioniert».

Seit ich 18 bin, habe ich mehr oder weniger jährlich meinen Beitrag zum Bevölkerungsschutz geleistet. Und ich werde sie vermissen, all die Episoden und Gesichter: Der betagte, italienischstämmige Fahrgast, der nicht mehr wirklich reden konnte, aber Tränen lachte, sich an den Kopf fasste und laut «Ai, ai, ai!» rief, sobald er uns Zivilschutz-Clowns in olivgrünen Unfirom erblickte. Oder der Patient, der im Auto plötzlich seine Mundharmonika auspackte, zu spielen begann und mir ein weises Zitat fürs Leben mit auf den Weg gab: «Wo man singt, da laß' dich ruhig nieder, böse Menschen haben keine Lieder.» Er hatte wohl noch nie einen Chor für die Zeitung portraitieren müssen…

Und nicht zuletzt meine Zivilschützer-Kameraden, ein Querschnitt aus den gesellschaftlichen Randgebieten: Da waren ein Berufszauberer (er hatte die Pokerkarten in der Uniform immer griffbereit), ein mies gelaunter Tontechniker oder zuletzt ein Strassenverkehrsanwalt, der mir, dem nicht immer geistesgegenwärtigen Regionaljournalisten am Steuer des Zivilschutz-Minibuses, als juristische Lebensversicherung diente. 

Die Pokerkarten in der Uniform immer griffbereit: Auch Berufszauberer (rechts) schützen die Bevölkerung.

Gerade angesichts dieser bereichernden Erfahrungen hätte ich eigentlich freiwillig weitermachen sollen. Trotzdem habe ich nach reiflicher Überlegung darauf verzichtet. So unterhaltsam (und sinnvoll!) die jährlichen Ausflüge an die Front auch sind, so schwer vereinbar sind sie mit dem Berufsleben – bekanntlich bin ich ja auch für die Region systemrelevant. Und so toll und leidenschaftlich die Einsatzleiter an der Front (Grüsse und Dank gehen an Zivilschutz-Legende Margot F. und den Einsatzleiter aus Uster!) ihrer Tätigkeit nachgingen, so realitätsfern taten dies zum Teil die «Oberen» in den abgeschotteten Kommandozentralen die ***xxx xxxxx xxxxxxxx xxxxxxxx xxxxx xxxxxx  xxxxxx xxxxx xxxxx***. 

Ich hoffe sehr, dass die Befehlshaber diese Zeilen nicht zensieren und dass Sie, liebe Leserinnen und Leser, dieses Schreiben erreicht. Und ich hoffe fest, bald wieder zu Ihnen in die Region zurückzukehren, damit Sie wieder von mir lesen können!

Hochachtungsvoll,

Ihr Blogger von der Front

Benjamin Rothschild beschäftigt sich tagtäglich mit Regionalpolitik und glaubt, dass sich in dieser immer wieder die grosse Politik spiegelt – und umgekehrt. Und wenn die Ebenen mal überhaupt nichts miteinander zu tun haben sollten, kann man ja trotzdem darüber schreiben.

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