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Züriost-Blog

Die Ananas des Anstosses

Lea
Chiapolini
Mittwoch, 01. Juli 2020, 10:00 Uhr Züriost-Blog

So, ich sage jetzt auch mal noch etwas Falsches. Denn darauf läuft es heutzutage ja hinaus. Sagt man etwas, ist es falsch. Und sagt man nichts, dann ist es sowieso falsch. Aber alleine die Debatte um die korrekte Benennung von Lebensmitteln hat sich meiner Meinung nach schon vor Wochen in eine lächerliche Jagd nach dem nächsten medialen Aufschrei verwandelt.

Der neuste Clou: Pizza Hawaii. Ich bekenne gleich zu Beginn klar Farbe. Ich liebe Pizza Hawaii. Dafür wurde ich schon belächelt und beschimpft, aber nichts ändert etwas an meiner Liebe zur Kombination von Ananas, Schinken und Käse. Darum sparen wir uns die Meta-Diskussion über Verbrechen in der kulinarischen Welt.

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Doch jetzt soll man ja auch nicht mehr «Pizza Hawaii» sagen dürfen. Das fordert zumindest eine Gruppe linker Politaktivisten. Weil damit eine Geschichte des Kolonialismus verbunden ist. «Pizza mit Ananas» – nur dies sei politisch korrekt. Echt jetzt? Auf Hawaii wurden einst weltweit am meisten Ananasfrüchte produziert. Dass die lokale Bevölkerung von der Kolonialmacht USA, welche die Inselgruppe 1898 annektiert hatte, dabei ausgebeutet wurde, lässt sich wohl nicht wegdiskutieren.

Aber schon in den 1950er Jahren wurde Hawaii von den Philippinen und später von Thailand vom Ananas-Thron gestossen. Gemäss der «Food and Agriculture Organization» der Vereinten Nationen besetzt heute die USA mit Hawaii lediglich Platz 28 auf der Liste der grössten Ananasproduzenten. Und gemäss einer kurzen Onlinerecherche hat ein Kanadier erst viel später in den 1960er Jahren dann die Pizza Hawaii erst kreiert. Oder ein deutscher Fernsehkoch. Was auch immer: Nur über ein paar Umwege kann die Verbindung zum Kolonialismus rekonstruiert werden. Wenn man sie denn unbedingt finden will.

Ein Treffer tief ins Käse-Herz

Jaja, wer nicht selber betroffen ist, sollte sich lieber nicht äussern. Also frage ich Sie: Sollten wir uns darüber aufregen, dass in den USA die Sorte «Swiss Cheese» existiert? Käse, der Stolz der Schweiz, die Existenz von hunderten köstlicher Sorten, einfach verneint? Hat zwar nicht viel mit Kolonialismus zu tun – habe aber auch nicht lange danach gesucht –, aber da schmerzt das Eidgenossenherz. Oder doch nicht? Irgendwie scheinen wir Schweizer als Volk die Grösse zu haben, über solche Begriffe einfach lachen zu können. Wobei, ups, ich bin ja kein Käseproduzent, vielleicht sieht dieser das wieder ganz anders.

Aber ich bin eine Frau. Also dürfte ich mich über die Berner «Meitschibei» aufregen. Das süsse Gebäck mit Haselnussfüllung ist ja wohl gar nicht gendergerecht. Und das ist mir sowas von egal. Aber tatsächlich wird auch dieses mittlerweile vermehrt genderneutral als «Glücksbringer» angeboten. Könnten sich da jetzt wieder die Männer darüber aufregen, dass nur Mädchenbeine Glücksbringer sein können? Oder doch wieder die Mädchen? ICH CHUM NÜM DRUS.

Nur noch «eggs of colour» zu Ostern

Bräuchte es einfach überall ein politisch korrektes Pendant? Meitschibei gibt’s im Regal nur noch direkt neben dem Spitzbub? Weisswurst darf weiter existieren, wenn auch die Schwarzwurzel bleiben darf? Darf in der Migros in Zukunft nur noch exakt gleich viel Weiss- wie Schwarzbrot verkauft werden? Dasselbe bei den Eiern – wird zwar zur Osterzeit schwierig, braune Eier farbig zu bemalen. Oder darf man das auch nicht mehr? Ich warte nur darauf, dass Ostereier nächstes Jahr als «eggs of colour» bezeichnet werden sollen.

Ich bin für Gleichberechtigung und gegen Rassismus. Das ist doch gopfnomal logisch. Diese Extremisten, die nun aber bei der Suche nach klitzekleinen Angriffspunkten die Welt auf den Kopf stellen, bringen uns nicht weiter. Wären diese Personen konsequent, würden sie auch keine Baumwollkleidung mehr tragen. Aber das wäre dann wohl zuviel verlangt.

Lea Chiapolini will doch eigentlich gar nicht so viel. Nur ein schönes Leben, gutes Essen, viel zu lachen und ab und zu etwas zu motzen. Und natürlich immer Recht haben. Aber dies ist ihr erstes Leben. Sie übt noch.

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